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Ausgabe 107-3/2006

Erst mal die Jungs rausschmeißen

Gespräch mit Maya Götz

Interview

Dr. phil. Maya Götz, geboren 1967, Direktorin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) seit 2005. Zu dieser Einrichtung des Bayerischen Rundfunks gehört seit letztem Jahr auch das Kinderfernsehfestival "Prix Jeunesse". Zu Götz' Arbeiten zählt unter anderem die Beschäftigung mit den Facetten der Medienaneignung in der weiblichen Adoleszenz ("Mädchen und Fernsehen", München 1999).

KJK: Warum ist Phantasie gerade für Kinder so wichtig?
Maya Götz: "Jeder Mensch braucht Phantasie, um sich ein Bild von der Welt zu machen, aber auch, um Zukunft zu entwickeln."

Nun ist der Alltag in der Regel selten phantastisch, also holt man sich den Stoff für seine Phantasie aus Büchern und elektronischen Medien. Der Hirnforscher Manfred Spitzer propagiert derzeit, gerade das Fernsehen sei jedoch tödlich für die Phantasie.
"Spitzer hat insofern Recht, als Bilder natürlich weniger Spielraum lassen als ein Text. Aber das gilt keineswegs bloß für das Fernsehen. Auch für Menschen, in deren Kindheit es das Medium noch nicht gab, sind Bilder außerordentlich prägend."

Wie sahen denn beispielsweise die Phantasien in der Kindheit der letzten Vorkriegsgeneration aus, der heutigen Großeltern?
"Jede Kultur hat ihr eigenes symbolisches Material für die Phantasie. Damit sind Vorteile, aber auch Probleme verbunden, etwa ideologischer Art. Die Phantasie der Kinder, die im 'Dritten Reich' aufgewachsen sind, war geprägt durch die Siegerhelden, die ja zum Beispiel in Form von Skulpturen oder bildhaften Phrasen wie 'Zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl, schnell wie Windhunde' allgegenwärtig waren."

Einerseits sagen Sie, jede Kultur habe ihr eigenes Material, andererseits sind Sie bei Ihrer Untersuchung aber überall auf Pokémon und Harry Potter gestoßen.
"Trotzdem ist beides richtig. Das ist der 'Glokalisierungseffekt': Kinder bewegen sich heute ganz selbstverständlich zwischen einer lokalen und einer globalen Kultur. Harry Potter mag zwar überall auf der Welt in den Phantasien auftauchen, aber die werden ja eben nicht ausschließlich durch Medienangebote geprägt, sondern viel stärker durch den Alltag in den Kulturen."

Was machen die Kinder denn ganz konkret mit den Medienfiguren?
"Da muss man nach den Geschlechtern differenzieren. Jungs denken sich an die Stelle der Helden und retten die Welt. Für Mädchen aber gibt es zu wenige attraktive Frauenfiguren. Also schmeißen sie erst mal die männlichen Helden raus und nutzen nur den erzählerischen Rahmen. Da die Geschichten oftmals nur auf Kosten der Frauen funktionieren, entwickeln sie auch noch eine eigene Handlung."

Erläutern Sie das an einem Beispiel?
"Gern. Nehmen wir Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau: Da bedienen sich Mädchen bei den bestärkenden Teilen, also etwa der Unterwasserwelt, und lassen den Rest, zum Beispiel den Verlust der Stimme, einfach weg. Stattdessen ergänzen sie das Märchen um eigene Lösungen: Wie kommt man als Meerjungfrau trotz Fischschwanz problemlos jederzeit aus dem Wasser? Ganz einfach: Sie hat einen Zauberkasten, mit dessen Hilfe sie jederzeit zwischen den Daseinsformen wechseln kann, ohne zu Meerschaum zu werden."

Entpuppt sich der vermeintliche Nachteil, die fehlenden Identifikationsfiguren, also sogar als Vorteil, weil Mädchen viel kreativer mit dem Material umgehen?
"Einerseits ist es sicher von Vorteil, dass Mädchen auf diese Weise stärker herausgefordert werden. Andererseits ist es aber vor allem ein Nachteil, dass unsere Kultur ihnen so wenig zu bieten hat: Sie wachsen von Anfang an mit der Erkenntnis auf, dass sie anders sind und eigentlich gar nicht vorkommen; jedenfalls nicht als starke Heldin."

Sie haben heutige Phantasien auch mit denen früherer Generationen verglichen. Wie groß sind die Unterschiede?
"In ihrer Grundstruktur sind sie sich sogar recht ähnlich. Es scheint sowohl interkulturell wie auch zwischen den Generationen eine bestimmte Konstante zu geben. Unterschiede zeigen sich vor allem in den eingesetzten Symbolen. Interessanterweise speisen sich Phantasiewelten, in denen man kämpfen muss, heutzutage ausschließlich aus den Medien. In früheren Generationen kommen diese Bilder aus der Natur, die wiederum für heutige Kinder keine Herausforderung darstellt, sondern beschützt werden muss."

Ist es nicht trotz dieser Parallelen für Kinderfernsehredakteure schwierig, auf der Grundlage eigener Phantasien heutige Bedürfnisse zu erfüllen?
"Nur, wenn sie nicht in die Tiefe gehen. Nehmen wir Armin Maiwald, den Autor der 'Sachgeschichten' aus der 'Sendung mit der Maus'. Seine große Kindheitsphantasie nach dem Zweiten Weltkrieg war das Reisen: mit einem großen Dampfschiff Abenteuer erleben und die Welt entdecken. Gerade dieses Moment des Entdeckens macht seine Sachgeschichten auch heute noch so reizvoll für Kinder. Das Reisen allein würde gar nicht funktionieren, es ist ja längst selbstverständlich und für Kinder aus ganz anderem Grund attraktiv: weil die Eltern endlich mal Zeit für sie haben."

Können Medienfiguren, allen Vorurteilen zum Trotz, ganz konkret helfen, Belastungen des Alltags zu verarbeiten?
"Aber ja. In den Phantasien israelisch-jüdischer Jungs zum Beispiel gibt es keinen Kampf, ganz im Gegensatz übrigens zu Jungs in den USA oder in Südkorea. Sie vermeiden also genau das, was sie im Alltag erleben. Stattdessen helfen ihnen Comic-Helden wie Superman oder Spiderman und Figuren aus Harry Potter oder Star Wars, ihre Kräfte zu bündeln, um jederzeit gegen einen Angriff gewappnet zu sein."

Ganz unwissenschaftlich gefragt: Kann man aus Phantasien Rückschlüsse aufs Gemüt ziehen? Sind die jungen Israelis trotzdem glücklich?
"Wir haben viele Fälle mit Kinderpsychologen diskutiert; man kommt ja über die Phantasie sehr dicht an die Kinder ran. Die Jungs aus Israel sind selbstbewusste, ganz normale Kinder. Das Thema ergibt sich einfach aus ihrer Umwelt. Gegen die potenzielle Gewalt des Alltags brauchen sie eine Art der Verteidigung, die ihnen die Realität gar nicht bieten kann."

Die Medienfiguren helfen ihnen also, in einem feindlichen Alltag ein normales Leben zu führen?
"Phantasie hilft grundsätzlich dabei, den Alltag zu bewältigen: Sie gleicht Leerstellen aus und schafft Zukunftsperspektiven für mich als kompetentes Individuum."

Interview: Tilmann P. Gangloff

Literatur:

Maya Götz (Hrsg.): Mit Pokémon in Harry Potters Welt. Verlag kopaed München 2006, 460 S., 22,80 Euro

 

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