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Ausgabe 108-4/2006

MEIN KLEINER BRUDER

AN-NYOUNG HYOUNG-AH

Produktion: MK Pictures; Südkorea 2005 – Produzent: Shim Bo-kyung – Regie: Lim Tai-hyung – Drehbuch: Kim Eun-jung – Kamera: Kim Young-ho – Schnitt: Lee Hyun-mi – Musik: Lee Ji-soo, Na Seok-joo – Darsteller: Park Ji-bin, Seo Dae-han, Bae Jong-ok, Park Won-sa – Länge: 97 Min. – Farbe – Weltvertrieb: MK Pictures, 6F Cowell B/D, 66-1 Banpo-dong, Seocho-gu, Seoul, 137-804, Korea, Tel.: +822 2193 2159 FAX: +822 2193 2199, e-mail: international@mkpictures.co.kr, Internet: www.mkpictures.co.kr – Altersempfehlung: ab 10 J.

Vor zwei Jahren machte mit "Station 4" ein ziemlich intensiver Film aus Spanien zum Themenkreis Krebs/Tod und wie Jugendliche damit umgehen die Runde auf diversen internationalen Kinderfilmfestivals. Leider gelangte der Film – wenig überraschend – nie in unsere Kinos, dafür ist er soeben beim BJF auf DVD erschienen. Jetzt präsentierte Lim Tai-hyung beim Kinderfilmfestival LUCAS 2006 die koreanische Variante dieses Themas. Nur, dass sein Film einen noch mehr packt und berührt. Zum einen, weil seine Protagonisten ein ganzes Stück jünger sind als bei seinem spanischen Kollegen, zum zweiten, weil er sich mit seinem fulminanten Debüt ganz in der Tradition des koreanischen Melodrams bewegt.

Der neunjährige Han-yi ist ein kleiner Wirbelwind und immer zu einem kleinen Streich aufgelegt. Ganz anders sein eher besonnener zwölfjähriger Bruder Han-byul, den in letzter Zeit jedoch immer öfter Kopfschmerzen plagen. Als er sich eines Tages vor den Augen seiner Mutter auf den Wohnzimmerboden erbricht – nachdem diese ihn gerade ob seiner dauernden Unpässlichkeit gescholten hat – bringt sie ihn ins Krankenhaus. Die Diagnose ist niederschmetternd: Han-byul leidet an einem lebensbedrohenden Hirntumor, der sofort operiert werden muss. Dennoch verliert Han-yi nicht den Mut und versucht alles, den älteren Bruder aufzumuntern, auch wenn er selbst auf so manches verzichten muss. Doch als Han-byul nach den Schulferien erneut ins Krankenhaus muss – er hat sich während der Chemotherapie infiziert, woran Han-yi nicht ganz unschuldig war – lernt er dort den jüngeren Wook-yi kennen und schließt mit ihm Freundschaft. Das macht Han-yi eifersüchtig und in seiner Eifersucht schlägt er Wook-yi eine blutige Nase.

Noch bevor seine Mutter eingreifen kann, macht Han-yi sich zusammen mit Wook-yi – mit dem er sich längst wieder versöhnt hat – und dessen Familie auf in die Provinz. Dort will Wook-yi ihm unbedingt "Tarzan" zeigen, einen geheimnisvollen Einsiedler in den Bergwäldern seiner Heimat. Sie finden den Mann, erschrecken sich aber so sehr, dass Wook-yi in Ohnmacht fällt. Doch "Tarzan" rettet sie und Han-yi glaubt, der Einsiedler sei im Besitz des "Wassers des Lebens", das alles und jeden heilen kann. Kurze Zeit später muss Wook-yi erneut ins Krankenhaus und Han-yi gelingt es, den Komiker Little Boy Jade, dessen größter Fan sein neuer Freund ist, zu einem Auftritt im Krankenhaus zu überreden. Das Lachen regiert nur kurz auf der Krebsstation: Wook-yi ist dem Tode geweiht und auch Han-byuls Zustand hat sich dramatisch verschlechtert. Im festen Glauben, "Tarzans" Wasser könne beide retten, macht sich Han-yi mit einem Freund wieder auf in die Berge, doch "Tarzan" ist verschwunden; nur seine Wasserflasche ist noch da. In einem dramatischen Wettlauf gegen die Zeit rasen sie zurück. Im Krankenhaus angekommen, ist es fast schon zu spät; zudem wird der Kleine nicht ins Krankenzimmer vorgelassen. Die Flasche fällt auf den Boden, in diesem Moment erwacht Han-byul; der kleine Wook-yi sagt "Hallo, großer Bruder und auf Wiedersehen" (das ist auch der Originaltitel des Films) und stirbt. Han-byul überlebt knapp, wenn auch erblindet und das letzte Bild zeigt die zwei Brüder glücklich im Winterschnee.

Ein Film, inspiriert von wahren Ereignissen: Die Geschichte der zwei Brüder hat sich so ähnlich unter in Kanada lebenden Koreanern zugetragen; die "Tarzan"-Figur ist von Meldungen über einen Einsiedler in den koreanischen Bergen inspiriert und Little Boy Jade ist ein in Korea höchst erfolgreicher Komiker, der sich hier selbst spielt. Doch Lim verließ sich nicht – wie zu viele seiner Hollywoodkollegen – auf "based on true events", er schuf aus dem Tatsachenmaterial einen bewegenden Film über Kinder in Extremsituationen, der niemand unberührt lässt. Dabei lebt er vor allen von seinen Darstellern – allen voran dem des kleinen Han-yi – die mit einer natürlichen Lebendigkeit agieren, als hätten sie nie etwas anderes getan. In einer gelungenen Mischung aus Realismus, Fantasy, Humor, verbunden mit ein wenig koreanischer Naturmystik, entstand ein Film über die Kraft des Lebens im Angesicht des Todes. Ein Film, der dem Zuschauer nichts erspart, wenn er auch nie die Grenzen des Zumutbaren überschreitet und in der dramatischen Parallelmontage gegen Ende ungemein spannend wird. Und der seiner Hauptfigur, dem kleinen Han-yi, auch gelegentlich unsympathische Züge verleiht, denn schließlich ist er noch ein Kind und kann nicht immer angemessen reagieren. Manchmal muss sein ganzer Frust, seine Wut über das ungerechte Schicksal eben raus; auch wenn es dann genau den Falschen trifft.

Ein Melodram voll emotionaler Kraft, dessen Wirkung man sich kaum entziehen kann, so nah geht der Filmemacher an das Leid der Kinder und ihrer Eltern, die am Schicksal ihrer geliebten Kinder zu zerbrechen drohen. Untermalt von – gelegentlich fast zu – dramatischer Musik entstand ein Film, der ungleich stärker wirkt als sein spanischer Verwandter und dem vermutlich genau deshalb dasselbe Schicksal beschieden sein wird. Wieder wird ein intensiver Film keinen deutschen Verleih finden und bestenfalls beim BJF in dessen beachtenswerter DVD-Edition erscheinen. Vielleicht wird ihm aber – der mehr als verdiente – 1. Preis der LUCAS-Jury doch zu einem Verleih verhelfen können.

Lutz Gräfe

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 109-4/2007 - Interview - Während der Dreharbeiten dachte ich viel über Glauben und Religion nach

 

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