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Ausgabe 60-4/1994

"Sich an den bestehenden Verhältnissen reiben"

Rainer Simon über seinen Film "Fernes Land Pa-isch" – ein Gespräch mit Horst Schäfer im September 1994 in Potsdam.

(Interview zum Film FERNES LAND PA-ISCH)

KJK: Was bedeutet es, ein Ex-DEFA-Regisseur zu sein; was hat sich für Sie zwischen den Filmen "Die Besteigung des Chimborazo" und "Fernes Land Pa-isch" verändert?
Rainer Simon: "Sofern wir nicht für das Fernsehen gearbeitet haben, waren wir alle DEFA-Regisseure. Es gab in der DDR nur diese eine Möglichkeit. Meine beiden letzten Filme 'Die Besteigung des Chimborazo' und 'Der Fall Ö.' waren bereits Koproduktionen mit dem ZDF. Was auf mich zukam, war mir demnach nicht so neu. Für das Filmemachen direkt, für die Arbeit im Studio, hat sich nichts verändert. Mit der Auflösung der DEFA mussten wir uns allerdings auf einem freien Markt bewegen. Bekanntlich ist die Situation des deutschen Films in den deutschen Kinos katastrophal. Und dieses Problem trage ich jetzt gemeinsam mit meinen Kollegen."

Seit Ihren Erfahrungen mit dem seinerzeit (1980) verbotenen Gegenwartsfilm "Jadup und Boel" haben Sie sich anderen Stoffen gewidmet und sehr viel im Ausland gearbeitet. War das eine gewisse Abkehr von der deutsch-deutschen Wirklichkeit, und was gab den Ausschlag, wieder ein aktuelles Thema anzugehen?
"Nach dem Verbot meines Films war 'mein Programm': Ich sehe keinen Sinn mehr darin, einen Gegenwartsfilm über die DDR zu machen, da sich meine Haltung nicht verändert hat; welches Thema ich auch aufgreifen werde, es wird wieder dazu führen, dass der Film irgendwie verschwindet. Der Leitung war dies übrigens sogar sehr recht. Ich suchte mir andere Themen, beispielsweise Stoffe aus der früheren oder späteren Geschichte. Hier ging es mir in erster Linie nicht um die historische Dimension allein, sondern um die Bezüge zur Gegenwart."

In "Fernes Land Pa-isch" wirkt ein multikulturelles Ensemble mit, das aus Profis, Semi-Profis und Laien besteht. War das für Sie eine neue Erfahrung? Wie haben Sie es geschafft, die unterschiedlichen Niveaus zusammenzufügen?
"Soweit es möglich war, habe ich es immer wieder 'mal versucht', mit Laien zusammenzuarbeiten. Bei 'Besteigung des Chimborazo' zum Beispiel waren die südamerikanischen Darsteller fast alle keine Profis. In dem DEFA-Jugendfilm 'Männer ohne Bart' (1970) war es auch so. Mit 'Fernes Land Pa-isch' lag ein Stoff vor, der eine besondere Art von Laiendarstellern verlangte. Sie mussten sich in einem bestimmten sozialen Milieu auskennen, um möglichst authentisch zu wirken. Es gab keine andere Wahl, da eine solche Leistung von jungen Schauspielern nicht zu erwarten ist. Der Ausgangspunkt war die Hauptrolle. Sie wurde mit einem Laien besetzt und für den weiteren Verlauf der Arbeit war es wichtig, ihn nicht einem Profiteam auszusetzen, sondern ihn mit weiteren Laien zu umgeben. So kamen sehr unterschiedliche Farben und Aspekte hinzu – von Domenica und Ulf Kirsten bis hin zu den jungen Leuten, die sich im Grunde genommen selber spielen. Mir ist an einer möglichst authentischen Wirkung des Films gelegen. Und die Personen, die hier mitgemacht haben, bringen sehr viel von ihrer Authentizität mit in den Film ein."

Jugendfilme, die in ihren Hauptrollen mit Laien besetzt sind, finden beim jugendlichen Publikum größere Akzeptanz als Filme, in denen Jugendliche von (meist älteren) Schauspielern dargestellt werden. Es kommt entscheidend darauf an, inwieweit die jugendlichen Protagonisten ihre Rollen autorisieren können.
"Das war hier auch so. Beispielsweise hatten wir im Drehbuch Dialoge formuliert, die von den Jugendlichen überprüft und verändert wurden. Da bin ich sehr offen."

Lassen Sie uns nun über den Film reden. Was waren denn die ausschlaggebenden Motive dafür, diesen Film – einen Gegenwartsfilm – zu machen? Was ist Ihr spezielles Interesse am Schicksal des jugendlichen Umberto, an seinen Utopien und seiner Identitätssuche?
"Nach der Wende gab es für die früheren DEFA-Regisseure eine andere Situation. Die ideologische Zensur glaubten wir abgeschafft. Mich interessieren vor allem Außenseiter der Gesellschaft, Rebellen und Träumer, die sich an den bestehenden Verhältnissen reiben und mehr wollen, als nur: einfach leben und Geld verdienen. Umberto ist in diesem Sinne rigoros, um sein Ziel – das Traumland Pa-isch – zu erreichen. Solche Figuren haben mich immer fasziniert. Der Humboldt ist im Grunde genommen auch eine solche Figur und der Erfinder im 'Luftschiff' ist es ebenfalls. Einige schaffen es, andere scheitern."

Sind Utopien für Sie Orte der Identität?
"Ich denke, das Leben ist mitunter sehr eingleisig und langweilig. Wir brauchen Utopien, um das zu überwinden."

Das gilt nicht nur für die Helden ihrer Filme, sondern auch für den Regisseur Rainer Simon?
"Sicher. Deswegen interessieren mich wahrscheinlich immer solche Leute oder Schicksale. Es ist wichtig, sich auf Abenteuer einzulassen."

In dem Berliner Milieu, das Sie im letzten Drittel des Films sehr ausführlich schildern – die Outlaw-Szene und Endzeit-Gesellschaft –, finden sich viele solcher Abenteurer. Einige sind Überlebens-Künstler, die ihren Weg machen; andere sind kaputt und haben sich aufgegeben. Diese Sequenz ist aufwändiger ausgestattet als die anderen. Lag Ihnen etwas daran, ein anderes Bild bzw. andere Bilder von der deutschen Hauptstadt zu zeigen?
"Das war sogar noch großzügiger geplant, aber auf vieles musste aus ökonomischen Gründen wieder verzichtet werden. Diese City-Szene ist aber nicht naturalistisch gemeint. Ich möchte sie nicht speziell nur für Berlin so stehen lassen. Gezeigt werden das Ambiente und das Lebensgefühl der Außenseiter schlechthin. Das, was zu sehen ist, ist überhöht und nicht konkret oder dokumentarisch gemeint."

Zum Abschluss noch die unvermeidbare Frage nach den Finanzen und den Filmförderungs-Erfahrungen. Sie mussten mit diesem Film durch die Instanzen der Filmförderung wandern. Hat Ihnen dabei geholfen, dass Sie sich zuvor in Südamerika auch in einem struppigen, staubigen und unwegsamen Gelände bewegen mussten?
"Das Projekt entstand unmittelbar in den Wendejahren; der Ausgangspunkt war anders – günstiger – als heute. Der Film hat ca. 3,5 Mill. DM gekostet, davon sind ca. 2 Mill. DM an Fördergeldern eingeflossen. Eine TV-Anstalt hat sich von vornherein nicht daran beteiligt. Das ZDF zeigte zunächst Interesse, machte dann aber plötzlich nicht mehr mit. Erst als das Studio Babelsberg einen vergleichsweise hohen Eigenanteil einbrachte, konnte der Film realisiert werden. Die Mittel der Filmförderung flossen – aus heutiger Sicht betrachtet – relativ problemlos. Stoffe, die aus dem Osten kamen, hatten noch einen gewissen Bonus, und es gab Gelder von verschiedenen Stellen, was heute so leicht nicht mehr möglich ist. Interessant ist, dass sich einige potente Fördergremien wie beispielsweise die Filmstiftung NRW nicht beteiligt haben. Realistische Gegenwartsstoffe haben es in der Bundesrepublik heute wahrscheinlich auch nicht leichter als in der DDR früher. Bei den Vorbereitungen zu 'Fernes Land Pa-isch' war ich zum Glück sehr naiv. Heute weiß ich leider schon ziemlich genau, was machbar ist und was nicht, wie meine Kollegen aus dem Westen. Da weiß man dann, welches Risiko Sinn hat und welches nur Zeitverschwendung ist. Die Zensur findet wieder in den Köpfen statt. Man bescheidet sich."

Interview: Horst Schäfer

 

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