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Ausgabe 108-4/2006

DER ROTE KAKADU

Produktion: X Filme Creative Pool / GFP / Seven Pictures / SAT1; Deutschland 2005 – Regie: Dominik Graf – Drehbuch: Michael Klier, Karin Åström, Günter Schütter – Kamera: Benedict Neuenfels – Musik: Dieter Schleip – Schnitt: Christel Suckow – Darsteller: Max Riemelt (Siggi), Jessica Schwarz (Luise), Ronald Zehrfeld (Wolle), Ingeborg Westphal (Tante Hedy) u. a. – Länge 128 Minuten – FSK: Verleih: X-Verleih – Alterseignung: ab 14 J.

Dominik Graf ist nicht der Mann eines gefälligen Zeitgeistkinos. 2001 erlangte er mit seinem Film "Der Felsen" besondere Aufmerksamkeit, weil er mit ästhetischen Neuansätzen radikal experimentierte. Seither drehte er mehrere Fernsehfilme, die nicht zuletzt wegen ihrer eigenwilligen Handschrift zahlreiche Auszeichnungen auf sich versammeln konnten. Mit "Der Rote Kakadu" sucht Graf nunmehr inhaltliche Kontrapunkte zu setzen, indem er nach Fehlstellen bei der gängigen Interpretation jüngerer deutscher Geschichte, insbesondere der der östlichen Hälfte Deutschlands, fragt. In einem Gespräch mit der "Berliner Zeitung" (16.02.2006) meinte er: "Das DDR-Bild im Kino ist nicht komplett. Sowohl in den 90ern, als immer nur Stasi-Dramen im Vordergrund standen, als auch jetzt, wo man die DDR als Operettenstaat entdeckt hat." Marktgerecht werde Geschichte ausgeschlachtet wobei die Gefahr bestünde, dass "wir als Gesellschaft verblöden", weil bei solcherlei Betrachtungsweise jeder "Funken Dialektik" fehle.

Dem wollte Graf etwas entgegen setzen, indem er Geschichte bezogen auf das Detail erzählt. Das Drehbuch von Michael Klier mit seinen autobiografischen Bezügen schien für solcherlei Ansatz besonders geeignet. Es nimmt sehr private individuelle Erfahrungen junger Leute im Dresden des Jahres 1961 auf, verfolgt deren Sehnsüchte, Hoffnungen und Konflikte, bis dieses Private plötzlich am Tag des Mauerbaus mit einem einschneidenden Ereignis der Weltgeschichte konfrontiert wird.

Der 20-jährige Siggi kommt vom Lande in die vom Krieg schwer gezeichnete Großstadt Dresden und trifft hier auf junge Leute, die, noch geprägt von den Erfahrungen der Bombennächte und eingenommen von einer suggerierten Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft, ihren Glücksanspruch, ihren Drang nach Freiheit und ihren autarken Lebenswillen über den Tanz und die Hingabe an den damals in Ost wie in West als Chiffre für gesellschaftliche Subversion funktionierenden Rock'n'Roll artikulieren. In einer weitläufigen Parkanlage trifft Siggi auf eine Gruppe von Tänzern, unter ihnen Luise und deren Mann Wolle, die sich in purer Lebenslust Elvis-Klängen via Plattenspieler hingeben. Doch die Freude währt nicht lange. Knüppelschwingende Volkspolizisten bereiten dem fröhlichen Treiben ein brutales Ende. Siggi hilft der schönen Luise, von der er vom ersten Augenblick an fasziniert ist, bei der Flucht. So findet er Aufnahme in der Freundesgruppe, die im "Roten Kakadu", einer legendären Tanzbar in Dresdens Nobelviertel Weißer Hirsch, ein Refugium gefunden hat, wo man sich zunächst noch ungestört den heißen Rhythmen hingeben kann.

Siggi ist fasziniert und er möchte schnell in der Gruppe und besonders bei der dichtenden Gefühlssozialistin Luise Anerkennung finden. So klaut er seiner Tante Hedy deren Meißner Porzellan, um es in Westberlin zu verkaufen und sich dafür ein, wie er meint, passendes Outfit zu besorgen. Doch nicht dadurch kommt er Luise näher, sondern weil er sich sensibel für deren Lyrik zeigt und etwas von der Gefühlswelt des Mädchens erahnt. Es beginnt sich eine komplizierte "Nouvelle Vague"-Romanze zu entwickeln, die allerdings durch den Gang der politischen Ereignisse einen jähen Abbruch erfährt. Wenige Wochen vor dem Bau der Mauer ist der Restriktionsapparat innerhalb der DDR besonders nervös. Das unkonventionelle Gebaren der jungen Leute wird als Provokation empfunden und schließlich kriminalisiert. Die Stasi unterwandert den "Roten Kakadu". Dabei treten die Vertreter der Staatsmacht sowohl offen drohend auf, als auch verdeckt, indem sie den Barkeeper als Spitzel benutzen oder sich als "verständnisvolle" Berater geben, wie der neue Dramaturg, ein getarnter Stasi-Major, am Theater, in dem Siggi arbeitet. So wird Zwietracht und Misstrauen gesät. Am schlimmsten trifft es Wolle in seiner draufgängerischen und leicht anarchistisch veranlagten Art. Er nimmt den Kampf zunächst mit seinen Mitteln auf, indem er etwa einem Bonzen ins Bierglas pinkelt. Doch hier verstehen die Genossen überhaupt keinen Spaß. Sie brauchen ihre Feinde und sie finden sie in einem wie Wolle. Der wird verhaftet und schließlich im Ergebnis des Prozesses, den man der Gruppe macht, für längere Zeit eingesperrt. Die anderen zerstreiten sich und Siggi steht durch gezielte Desinformationen der Stasi in den Augen der anderen als der eigentliche Verräter da. Daraufhin packt er seinen Koffer und flieht kurz vor der endgültigen Schließung der Grenze in den Westen. Luise, vor die Wahl gestellt, entscheidet sich dafür, in der Nähe ihres Mannes zu bleiben und auch trotz allem in der Nähe ihrer sozialistischen Träume.

Dominik Graf ist bekannt für eine akribische Arbeitsweise auch in scheinbar unwesentlichen Dingen und für seine Hingabe an das historische Detail. Gerade diese Stärken lässt aber der vorliegende Film in entscheidenden Momenten vermissen. Dadurch jedoch konterkariert er letztendlich den selbst formulierten Anspruch, ein differenziertes und dialektischen Maßstäben genügendes Bild der Zeit vor dem Mauerbau in der DDR zeichnen zu wollen.

Die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft nach den Erfahrungen des Krieges, die sich für viele Menschen zunächst mit der DDR verbanden, symbolisiert Graf zu Beginn des Films mit einer Collage von Fernsehbildern vom ersten bemannten Weltraumflug des Russen Juri Gagarin. Demgegenüber tritt dann aber die ausschweifend choreographierte Prügelszene der Volkspolizisten im Park, die es so in Dresden nie gegeben hat und die das vorher gezeichnete Bild und sich daraus ergebende Frage weitgehend verdeckt. Siggi möchte Luise eine Freude machen, indem er für sie aus Westberlin ein Autogramm von Heinrich Böll mitbringt. Dabei wird suggeriert, Böll sei in der DDR nicht verlegt worden. In Wirklichkeit waren bis 1961 bereits fünf Werke des Autors im östlichen Deutschlands erschienen. Rockmusik war zu Beginn der 60er-Jahre sowohl im Osten als auch im Westen mit ähnlichen Ressentiments eines aus dem patriarchalischen Geist der Vergangenheit abgeleitetem Denken belegt. Auf beiden Seiten wurde sie im Verlaufe der 60er-Jahre in den gängigen Kulturbetrieb integriert. Repression erfuhr sie in der DDR allerdings weiterhin immer dann, wenn sie mit politischem Aufbegehren, wie bei der Beat-Demo auf dem Leipziger Leuschner-Platz oder im Umfeld der Gruppe "Renft", verbunden war. Das ist im Rückblick schon ein wichtiger Unterschied, der nicht verwischt werden darf.

Dominik Graf vertraut auch nicht der Spannung, die sich aus der Dreierbeziehung vor dem Hintergrund einschneidender gesellschaftlicher Veränderungen ergibt. Er sucht die historische Dramatik zusätzlich durch das Einblenden von Daten, die auf den bevorstehenden Mauerbau hinweisen, deutlich zu machen. Dadurch wird eine Scheinauthentizität aufgebaut, die das Geschehen auf die Bebilderung von Historie einschränkt und letztendlich plakativ wirkt. Zwangsläufig reduziert sich so die Möglichkeit für den Zuschauer, den Film auch als Projektionsfläche für eigene Gefühle und Gedanken zu sehen. Damit ist genau die Gefahr gegeben, der der Regisseur ursprünglich etwas entgegen setzen wolle. Einzelne Szenen werden zur Bestätigung unaufgearbeiteter Klischees benutzt und im schlimmsten Fall noch als Anschauungsbeispiele für einen fragwürdigen Geschichtsunterricht herangezogen.

Klaus-Dieter Felsmann

 

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