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Ausgabe 109-1/2007

PINGPONG

Produktion: Junifilm / MDR / HFF "Konrad Wolf" / Kopp Media; Deutschland 2006 – Regie: Matthias Luthardt – Drehbuch: Matthias Luthardt, Meike Hauk – Kamera: Christian Marohl – Schnitt: Florian Miosge – Musik: Matthias Petsche – Darsteller: Sebastian Urzendowsky (Paul), Marion Mitterhammer (Anna), Clemens Berg (Robert), Falk Rockstroh (Stefan) – Länge 92 Min. – FSK: ab 12 – Verleih: Arsenal – Altersempfehlung: ab 14 J.

Völlig unerwartet steht Paul, 16 Jahre alt, vor der Gartentür seiner Verwandten. Onkel Stefan hatte ihn nach dem Selbstmord seines Vaters zwar eingeladen, doch das war nicht mehr als eine Floskel, derer man sich bei Beerdigungen bedient, wenn die Anwesenheit eher durch die Konventionen als durch eine emotionale Bindung zum Verstorbenen bestimmt ist. Jetzt ist Paul also gekommen und er will sich weder festlegen, wie lange er zu bleiben gedenkt, noch macht er deutlich, warum er die vage Einladung angenommen hat. Stefan und seine Frau Anna reagieren ausgesprochen reserviert auf den überraschenden Besuch.

Allein Cousin Robert scheint sich zu freuen. Er sieht in Paul einen Verbündeten, mit dessen Hilfe er der Kuratel der Mutter zu entrinnen hofft. Die ehemalige Musikerin versucht mit großer Strenge, ihren Sohn für die Aufnahmeprüfung zum Konservatorium vorzubereiten. Robert widmet sich aber lieber seiner Playstation und er sucht die inneren Konflikte durch heimlichen Alkoholgenuss zu ertränken. Anna selbst pflegt das als Wohlstandsymbol fungierende Einfamilienhaus und den hinter dichten Hecken verborgenen Garten bis zur Sterilität. Emotionalen Ausgleich strebt sie durch übertriebene Hinwendung zum Hund "Schubert" an. Stefan garantiert durch seine Arbeit den Lebensstandard der Familie. Von Frau und Sohn erwartet er, dass alles zu seiner Zufriedenheit gerichtet wird. Ansonsten scheinen seine häufigen Dienstreisen nicht allein geschäftlichen Dingen zu gelten, sie ermöglichen ihm auch eine Flucht aus der häuslichen "Idylle".

Als er wieder einmal für längere Zeit das Haus verlässt, wird Paul zu einer Art Katalysator, der bei den Zurückgebliebenen verdrängte Sehnsüchte und Wünsche aufbrechen lässt, der aber auch die latenten Machtkämpfe in brisanter Weise zuspitzt. Währenddessen Robert mit seinem Cousin an der Tischtennisplatte ein autarkes Territorium gegenüber seiner Mutter schafft, beginnt diese mit Blick auf ihren Besucher zu kokettieren. Ihre Garderobe wird zunehmend jugendlicher, sie sucht sich beim Joggen ihm gegenüber zu beweisen und sie betont eine mädchenhaft aufgesetzte Heiterkeit. Paul selbst ist einfach nur da und er genießt zunehmend die ihm entgegen gebrachte Zuwendung. Offenbar war es das, was er bei seinem Besuch im Hause des erfolgreichen Onkels gesucht hatte. Sicher hatte er im Stillen auf Trost angesichts seiner Erschütterung über den Tod des Vaters gehofft. Darüber selbst kann er nur schwer reden. Nur einmal vertraut er sich bei einem nächtlichen Ausflug Robert an. Er erzählt, wie er den Vater in der Garage gefunden hat. Hier werden die tiefen seelischen Verletzungen, die das Handeln des Jungen für den Zuschauer spürbar prägen, in einem kurzen Moment verbalisiert.

Doch Robert und insbesondere Anna sind nicht an Pauls Gefühlen interessiert. Sie sehen ihn lediglich als Mittel im Spiel gegeneinander und zur Bestätigung egoistischer Eitelkeit. Als Paul schließlich Annas Werben erliegt und sie auch körperlich begehrt, benutzt sie den Neffen für einen Moment der libidinösen Selbstbestätigung. Robert, der das beobachtet hat, reagiert mit eifersüchtiger Wut. Er straft seine Mutter, indem er die Aufnahmeprüfung an der Musikakademie boykottiert, und er straft Paul, indem er sich von ihm völlig zurückzieht. Der wiederum sieht sich gleich doppelt verraten, weil sich auch Anna nunmehr in herablassender Kälte von ihm distanziert. Tief enttäuscht rächt er sich, indem er den von der Tante vergötterten Hund ertränkt. Schließlich scheint ihm aber die Kläglichkeit im Leben der Anderen bewusst zu werden und er verlässt, zwar noch unsicher aber doch mit einem gewissen selbstbewussten Stolz, das hübsche Anwesen, das für dessen Bewohner eher ein Gefängnis ist.

Matthias Luthardts Debütfilm lief 2006 mit Erfolg bei der Semaine de la Critique in Cannes. Ihm wurde zu Recht eine Nähe zu den Klassikern der französischen Nouvelle Vague und zu Pasolinis "Teorema" bescheinigt und er konnte etliche Festivalauszeichnungen auf sich vereinen. Das in subtiler Bildsprache realisierte Kammerspiel geht in diffiziler Form an den Nerv unserer postmodernen Wohlstandsgesellschaft. Hinter einer zur Schau gestellten gediegenen materiellen Fassade schaut bittere seelische Armut hervor. Egoismus, Gefühlskälte, Geltungssucht und Machtambitionen prägen das Verhalten der Menschen, die Paul mit seinem Auftauchen aus den vertrauten Mustern herausreißt.

Gleichzeitig gibt es aber eine weitgehend unerfüllte Sehnsucht nach Anerkennung, Liebe und Geborgenheit. Die damit verbundenen Widersprüche werden überspielt und sie bleiben so ungelöst. Freudlosigkeit, Selbsthass und, wenn man über das konkrete Geschehen hinaus denkt, Depressionen sind die Folge. Luthardt macht diese Beobachtungen nicht innerhalb eher abstrakter größerer politischer oder philosophischer Gebilde fest, sondern er fokussiert seine Aufmerksamkeit auf die kleinste Zelle der Gesellschaft, die Familie. Das gibt der Geschichte seine besondere emotionale Brisanz. Aus einer solchen Konstellation kann niemand fliehen, hier ist jeder unmittelbar angesprochen.

Wenn der ehemalige spanische Ministerpräsident Felipe Gonzales meint, dass sich unser Kontinent in einer "süßen Dekadenz" befände, dann zeigt dieser Film, was er damit gemeint haben könnte. Hier sind es in einem privaten Bereich fehlende Ideen und Visionen, die über den Ist-Zustand hinausweisen. Im Sinne Gonzales' scheint das aber symptomatisch für unsere gesamte abendländische Gesellschaft zu sein. Hier wie dort wird ein bedenklicher Stillstand sichtbar, der ob des noch relativ hohen materiellen Wohlstands nicht als allzu schmerzlich wahrgenommen wird, der aber hinsichtlich der übrigen Entwicklungen in der Welt unserem Gemeinwesen zum Verhängnis werden könnte.

Klaus-Dieter Felsmann

 

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