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Ausgabe 109-1/2007

"Thank God, we can spell it"

Gespräch mit Thomas Hailer, Leiter der Berlinale-Sektion "Generation"

Interview

KJK: Das "Kinderfilmfest/14plus" heißt jetzt "Generation". Erst einmal zur Verständigung: Heißt es "Generation", englisch ausgesprochen, oder "Generation", deutsch ausgesprochen?
Thomas Hailer: "Es heißt 'Generation', also deutsch ausgesprochen, denn wir werden einen Teufel tun und uns mit dem Institut für deutsche Sprache anlegen. Trotzdem ist der Begriff bewusst gewählt, denn wenn man sich die Titel der anderen Sektionen anschaut, ob Forum, Perspektive oder Panorama, dann sind das alles Begriffe, die eins zu eins ins Englische übersetzbar sind, was auch eines unserer Suchkriterien war. 'Kinderfilmfest/14plus' stach auf dem Gemeinschaftsplakat immer heraus, denn die anderen Begriffe sind viel abstrakter."

Wie kam es zu dem neuen Namen? Haben Sie selber gesucht oder suchen lassen?
"Den Anstoß gab '14plus' im Jahr 2004, denn durch die Anbindung eines Jugendfilmwettbewerbs konnte der bisherige Sektionstitel 'Kinderfilmfest' nicht mehr das gesamte Programm umfassen. Drei Jahre hatten wir dann das Wortungetüm 'Kinderfilmfest/14plus'. Man muss sich nichts vormachen, die Jugendlichen, die sich bei uns Filme ansehen, stört natürlich diese Nähe zu den Kindern, und die Kinder stören sich an 14plus, weil sie zum Beispiel erst acht Jahre alt sind. In den letzten zwei Jahren sind wir auf die Suche gegangen, haben Brainstorming gemacht. Bei dieser Arbeit merkten wir, dass wir zu dicht dran sind. Wir haben dann alle Überlegungen an eine Agentur gegeben und die war beim Sortieren behilflich. Im Endeffekt mussten wir aber wieder mit Dieter Kosslick und den entsprechenden Abteilungen des Hauses reden, ganz besonders mit der Abteilung für internationale Beziehungen des Festivals, die unseren Namen dann letztendlich kommuniziert.
In der Vergangenheit stießen wir mit dem Begriff 'Kinderfilmfest' auch noch auf andere Probleme. Ein gutes Beispiel ist der Film 'Innocent Voices', bei dem die Amerikaner für einige Tausend Euros Anzeigen geschaltet und dann 'Premiere at Kinderfest' geschrieben haben. Der Sektionstitel wurde also nicht nur verstümmelt, sondern auch noch falsch verwendet, denn der Film lief ja eigentlich im Wettbewerb '14plus'. Wir sind fast daran gescheitert, das verständlich zu kommunizieren. Das ist ein Problem, das vorrangig die englischsprachigen Länder betraf, denn die kennen 'Kindergarten', 'Kinderüberraschung' und eben 'Kinderfest'. Sie können sich vorstellen, dass Kinderfest natürlich die letzte Assoziation ist, die wir wollen. Wer uns nicht kennt, muss denken, da werden im Zoo-Palast Girlanden aufgespannt und der Chef setzt sich ein spitzes Hütchen auf."

In der Filmauswahl hat sich dieses Bild aber bislang nicht widergespiegelt?
"Zum Glück! Aber das war auch jährlich ein harter Kampf. Mit der Assoziation 'Kinderfest' hatten wir bei unserer speziellen Auswahl, auch Filme zu zeigen, die nicht primär für Kinder gemacht sind, zunehmend Schwierigkeiten. Selbst bei unserem letztjährigen Preisträgerfilm 'Drømmen/Der Traum' war es nicht einfach, ihn ins Kinderfilmfest zu bekommen. Die Produzenten wollten ihn allenfalls für 14plus hergeben und es hat viel Überzeugungsarbeit gekostet, sie für das Kinderfilmfest zu gewinnen. Vergessen wir nicht, es geht um einen Jungen, der vor der Pubertät steht! Bei der Arbeit an einem neuen Namen haben wir schnell gemerkt, wie wenig sich unser Suchprofil eigentlich noch im alten Begriff wiederfindet."

Das ist auch nicht der erste Namenswechsel, ganz am Anfang hieß das Programm noch "Kino für Leute ab sechs"...
"... das war in den 1970er-Jahren ganz hip und en vogue. Danach kamen dann die drei Worte Kinder Film Fest und die wurden später zu einem Wort zusammengezogen. Und dieser etablierte Name ist inzwischen auf der ganzen Welt abgekupfert worden und hat sich längst zur Gattungsbezeichnung entwickelt. "

Filmakquise und Kommunikation sind das eine, aber die Berlinale hat mit einem Wettbewerb für Kinderfilme doch eine herausragende Positionierung als A-Festival. Von solch einem Markenzeichen sollte man sich nicht leichtfertig verabschieden. Coca-Cola bringt zum Beispiel eine neue Cola zero auf den Markt, aber verabschiedet sich deshalb noch lange nicht vom Markenzeichen Coca-Cola. Diese Firma ist übrigens ein gutes Beispiel für eine unsägliche Umbenennung, die sich dann nicht durchgesetzt hat: Aus Coca Cola sollte Coke werden, das war nicht erfolgreich und man kehrte reumütig wieder zu Coca-Cola zurück. Warum tilgen Sie den Begriff Kinderfilmfest, der doch ein Markenzeichen der Berlinale ist?
"Wir sind uns der Tragweite einer Namensänderung durchaus bewusst, aber unser Produkt hat sich stärker verändert als Coca-Cola. Unser Produkt ist einfach ...

... kalorienreicher ...
"... nein, unsere Zielgruppe hat sich verändert. '14plus' hat sich mit einer rasanten Geschwindigkeit etabliert. Am Anfang war ich in meinen Erwartungen eher gemäßigt, ob wir die Jugendlichen überhaupt ins Kino bekommen. Doch das hat schon im ersten Jahr funktioniert und inzwischen bekommen wir viele Rückmeldungen, dass auch sie den Titel ganz cool finden. Bei allem Respekt, die große Marke ist die Berlinale, und vielleicht wird es sich dahingehend verändern, dass Kinder sagen 'Wir gehen zur Berlinale'. Verstehen Sie mich bitte richtig, wir haben es uns mit dieser Entscheidung nicht leicht gemacht und es geht bei uns auch nicht um den Marketing-Wahnsinn von 'Raider heißt jetzt Twixx'."

Der Begriff "Generation" war bei der Vorsortierung schon dabei?
"Der war schon ganz früh dabei. Beim Ausloten im Haus habe ich immer 'Generation Zukunft' gesagt und dafür Zurechtweisungen aus zwei Ecken bekommen. In dieser Idee steckt der alte Journalistenfehler drin, Kinder seien die Zuschauer von morgen. Von wegen! Sie sind die Zuschauer von heute, von denen wir möchten, dass sie morgen wiederkommen. Und von der internationalen Abteilung kam die Bitte, nur ein Wort zu nehmen und keine doppelten Begriffe. Ganz schlicht 'Generation' blieb in den Köpfen hängen und erwies sich über alle Hürden hinweg als stabil."

Mit "14plus" ist eine Altersgruppe definiert, aber was definiert denn "Kplus"?
"Ich denke, dass damit nur die Generation 50plus Schwierigkeiten hat, die Kinder wissen schon Bescheid: K steht für Kinder oder auch Kids. Wenn man einen neuen Begriff besetzt, soll der auch für eine längere Strecke halten. Mir war der plus-Gedanke sehr wichtig, denn der Erfolg von 14plus ist doch, dass kein Deckel drauf ist, keine Alterbegrenzung nach oben. Das haben wir mit Kplus auf den Kinderfilm übertragen. Die einzige Alternative zu einem gemeinsamen Dach für die beiden Wettbewerbe wäre ein Jugendfilmwettbewerb als eigenständige Sektion gewesen, doch das wäre ganz entgegen unseres allgemeinen Trends, die Berlinale inhaltlich zwar weiter zu schärfen, aber in ihren Strukturen zu konzentrieren. Wir hätten dann zum Beispiel ein eigenes Auswahlgremium etablieren müssen. Unser Vorteil ist aber, dass ein Gremium die Filme sieht und dann entscheidet, ob es ein Kinder- oder Jugendfilm ist."

Gibt es da schon Resonanz und hat es in der Akquise bereits Früchte getragen?
"Die Reaktionen aus dem Ausland waren voller Begeisterung, die konnten sich sofort etwas darunter vorstellen: 'Thank God, we can spell it'. Und wer es auf Englisch liest, für den steckt da auch 'to generate' mit drin, eine Konnotation, die leider im Deutschen nicht so stark ist."

Erstaunlich finde ich, dass Sie sich gerade jetzt vom Begriff Kinderfilm verabschieden, denn im Kinojahr 2006 nehmen Kinderfilme Spitzenpositionen unter den erfolgreichsten deutschen Filmen ein. Ist das nicht der falsche Zeitpunkt?
"Wir verabschieden uns ja nicht von den gut gemachten Kinderfilmen, sondern wir erweitern lediglich die Bandbreite des Möglichen, indem wir die Hemmschwelle auch für andere Produktionen senken. In mancherlei Hinsicht ist das vielleicht auch ein Risiko, aber ich habe mit viel mehr Haue gerechnet. Und die Kinder dürfen auch immer noch sagen, sie gehen zum Kinderfilmfest, ich habe nichts gegen diesen Begriff. Die Agentur, die wir miteinbezogen haben, hat sich auf vielen verschiedenen Ebenen Gedanken gemacht und die Begriffe in Kategorien wie kindertümelnd, Fantasienamen oder abstrakte Worte sortiert. 'Generation' ist auch deshalb so treffend, weil wir in den letzten Jahren immer wieder Filme im Programm hatten, die sich mit Problemen zwischen den Generationen beschäftigen. Gerade im asiatischen Raum, wo sich die Gesellschaften im Umbruch befinden, wird dieses Thema verstärkt behandelt. Und auch bei unserem Publikum stelle ich fest, dass immer mehr erwachsene Leute in die Vorstellungen kommen."

2006 gab es bei "14plus" mit "Cross-Section" erstmals auch eine für Jugendliche interessante Auswahl von Filmen aus anderen Sektionen. Wird das fortgesetzt?
"Wir hatten 2006 das große Glück, am Publikumstag den Wettbewerbsgewinner 'Grbavica – Esmas Geheimnis' als Cross-Section-Beitrag zu zeigen. Ich mochte den Film von Anfang an sehr und habe mich gefreut, dass er im Berlinale-Wettbewerb lief. Als wir im Vorfeld mit den Verantwortlichen über die Beteiligung an der 'Cross-Section' redeten, waren die sofort begeistert, den Film auch Jugendlichen zu zeigen. An diesen Erfolg knüpfen wir 2007 mit neuen Filmen an."

Interview: Manfred Hobsch

 

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