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Ausgabe 110-2/2007

DAS INTERNAT

DEK HOR

Produktion: Phenomena Motion Pictures Bangkok; Thailand 2006 – Regie: Songyos Sugmakanan – Drehbuch: Chollada Teawsuwan, Vanridee Pongsittisak, Songyos Sugmakanan – Kamera: Niramol Ross – Schnitt: Pongsatorn Kosolpothisup, Vija Kojew – Darsteller: Charlie Trairut (Ton), Sirachuch Chienthaworn (Tons Vater), Nipawan Taweepornsawan (Tons Mutter), Jintara Sukaphatra (Schulleiterin), Sirachuch Chienthaworn (Wichin) u. a. – Länge: 106 Min. – Farbe – Weltvertrieb: GMM Tai Hub Co., 92/11 Soi Sukhumvit 31, Sukhumvit Rd. Klontonnue, Wattana, T-10110 Bangkok, e-mail: ruedee@gmmtaihub.com – Altersempfehlung: ab 12 J.

Der Geisterfilm "Das Internat" (Dek Hor) sprach innerhalb der Sektion "Generation Kplus" bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen Berlin sowohl die Kinderjury als auch die Fachjury für den Preis des Deutschen Kinderhilfswerkes gleichermaßen an. Währenddessen ihn die Erwachsenen mit einer Lobenden Erwähnung heraushoben, erklärten die Kinder das mystische Angebot zum klaren Favoriten und bedachten den Film mit ihrem Hauptpreis, dem "Gläsernen Bären". Die Entscheidungen erschienen zunächst für manchen Festivalbesucher etwas überraschend, denn "Das Internat" bedient schon recht eindringlich zahlreiche Stilmittel des Horrorfilms und das sei, so eine mehrfach vernommene Meinung, auch für über sechsjährige Kinder nicht besonders zuträglich. Doch wenn man die Feststellung ernst nimmt, dass Kinder nicht in geschützten Räumen leben, dann ist der thailändische Festivalbeitrag nichts weniger als ein kongeniales Kunstwerk, das die viel beschworene selbst bestimmte Aneignung der Welt durch die Kinder in idealer Weise unterstützt.

Der zwölfjährige Ton muss mitten im Schuljahr von zu Hause ausziehen, um seine Ausbildung an einer Internatsschule fortzusetzen. Herausgerissen aus den bisherigen Lebensgewissheiten befällt ihn Trauer und gleichzeitig ist in ihm eine große Angst vor dem streng geordneten Internatsleben mit all seiner offenen und verdeckten Unberechenbarkeit. Die damit verbundene innere Spannung transformiert der Film in symbolträchtige Bilder, die immer wieder von Horrorvisionen getragen werden. Damit ist eine Handlungsstruktur gegeben, die den klassischen Mustern eines Thrillers entspricht. Der Protagonist ist dazu gezwungen, sich mit seinen Ängsten auseinander zu setzen und diese durch aktives Agieren zu überwinden. Wie dieser Prozess inszeniert und über die Figur des kleinen Ton transportiert wurde, das traf offenbar die Gefühle vieler Zuschauerkinder und es kam ihren Erfahrungen näher, als mancher gut meinende Erwachsene wahrhaben möchte.

Der Abschied aus der sozialen Sicherheit der Familie nimmt für Ton zusätzlich eine besonders komplizierte Form an, weil er alle sachlichen Begründungen dafür als pure Heuchelei wahrnehmen muss. Währendessen der Vater rein formal von der Notwendigkeit einer exzellenten Ausbildung spricht und ihm solch martialische Sätze wie "Männer müssen überall leben können" mit auf den Weg gibt, fühlt sich der Junge einfach nur abgeschoben, weil er zufällig Zeuge des heimlichen Liebesspiels seines Erzeugers mit dem Hausmädchen geworden war. Das, was für Kinder ohnehin kompliziert ist, stellt sich für Ton als pure Ungerechtigkeit dar und gleichzeitig muss er neben der faktischen Trennung auch noch den empfundenen emotionalen Bruch mit dem Elternhaus verkraften.

Völlig verloren findet sich der Junge im riesigen und düsteren Schlafsaal der Schule wieder, wo seine neuen Mitschüler die ohnehin vorhandene innere Spannung durch diverse Geistergeschichten noch steigern. Besonders bedrückend erscheint für Ton jene Legende, die von einem Jungen berichtet, der vor Jahren im Schwimmbecken des Internats auf ungeklärte Weise tödlich verunglückt ist. Der Ertrunkene erscheint ihm immer wieder als Phantom und er wird in dieser Gestalt Symbol seiner Ängste. Allmählich nähert sich Ton aber der, nur für ihn sichtbaren, mystischen Figur an. Der Geist wird ihm zum guten Kameraden und Ton lernt, dass sich Freundschaft nur dann entwickeln kann, wenn sie auf gegenseitigem Geben beruht. Die sich hier entwickelnde Partnerschaft ist äußerst sensibel inszeniert und sie vermittelt eine intensive visuelle Botschaft hinsichtlich der Möglichkeit, innere Ängste zu überwinden. Wohldosiert wird die anfänglich erzeugte Spannung aufgelöst, um schließlich im selbst bestimmten Umgang Tons mit seiner neuen Lebenssituation in einer harmonischen Lösung zu münden.

Der Junge ist an seinen Konflikten gewachsen und zwar, nicht anders als dies in der Realität meist der Fall ist, in einem widersprüchlichen und schwierigen Prozess. Es wird immer wieder gesagt, Filme können infolge ihres modellhaften Charakters Lebenshilfe im wahrsten Sinne des Wortes sein. "Das Internat" ist für diese These ein gutes Beispiel, gerade weil eine sehr wichtige Facette kindlicher Lebenswelten nicht abgeschirmt, sondern in ihrer ganzen Dimension ernst genommen wird.

Klaus-Dieter Felsmann

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 110-2/2007 - Interview - "Ich bin ein Fan von Horror-Filmen"

 

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