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Ausgabe 110-2/2007

ISKAS REISE

ISZKA UTAZASA

Produktion: Merkelfilm Budapest; Ungarn 2007 – Regie und Drehbuch: Csaba Bollók – Kamera: Francisco Gózon – Schnitt: Judit Czakó – Musik: Balázs Temesvári – Darsteller: Mária Varga (Iska), Rózsika Varga (Rózsika), Marian Ursache (Marian), Marius Bodochi (Jacob), Agnes Csere (Hanna), Noémi Fodor (Sári), Dan Tudor (Silvio), Zsolt Bogdán (Lacu) u. a. – Länge: 92 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Merkelfilm Budapest, e-mail: merkelfilm@t-online.hu – Altersempfehlung: ab 14 J.

Maria ist 14, ihre Schwester Rózsika 12 – sagt sie, weiß es aber nicht genau. Maria und Rózsika Varga sind die Hauptdarstellerinnen in diesem ungarischen Film. Regisseur Csaba Bollók und die Produzentin Agnes Csere haben die beiden vor vier Jahren kennen gelernt. Ihr Schicksal gab ihnen die Idee zu "Iskas Reise". Ihre frühe Kindheit erlebten die Schwestern in einem Kohleabbaugebiet in Rumänien, direkt an der Grenze zu Ungarn. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte dieses Land zu Ungarn und so lebt dort eine ungarische Minderheit – die Ärmsten der Armen. Maria und Rózsika sind als Straßenkinder aufgewachsen, obwohl ihre Eltern im selben Ort wohnten. Sie hatten noch nie eine Schule besucht, "arbeiteten" als Schrottsammler und bettelten in der Betriebskantine um Essen.

Hier setzt der Film ein: Man sieht eine Zwölfjährige – oder ist es ein Junge? – auf den Kohleschutthalden nach Schrott suchen. Das Kind stapft durch dunklen, klebrigen Modder, zieht durch schwarze Pfützen eine verrostete, zweirädrige Karre, bis an den Rand gefüllt. Mit seinen kurzen, struppigen Haaren, den Sommersprossen und dem orangefarbenen Westover ist es der einzige Lichtblick in dieser trostlosen Gegend. Doch "licht" ist sein Leben wahrlich nicht. Iska – so sein Name – trägt die Verantwortung eines Mannes und kann deshalb kein Mädchen sein. Beim Schrotthändler wird Iska um ihr Geld betrogen, streitet so lange, bis sie ein paar Münzen mehr herausschlagen kann, zu Hause muss sie den "Verdienst" sofort abliefern, bekommt Schläge von der Mutter, weil es für den nötigen Alkohol nicht reicht, zu essen gibt es nichts. Das erbettelt sich Iska in der Kantine der Bergleute, die Nacht verbringt sie auf der noch warmen Kohlenschlacke.

Zusammen mit ihrer Schwester Rózsika wird Iska in ein Kinderheim gebracht. Dort bekommen sie zwar ein eigenes Bett, eine warme Mahlzeit, Kleidung und medizinische Versorgung, aber persönliche Zuwendung und Liebe kann bei so vielen Kindern nicht gegeben werden. Dafür aber versuchen die Betreuer, den Mädchen und Jungen beizubringen, wie man sich freischwimmt. Ein eindrucksvolles Bild: Auf dem kargen Schulhof sind Sportbänke aufgestellt, auf denen die Kinder bäuchlings liegen und Trockenschwimmübungen machen. Doch "freigeschwommen" hat sich Iska noch lange nicht. Als die Mutter sie holen kommt, zögert sie keinen Augenblick mitzugehen. Auch dann nicht, als ihre kranke Schwester im Heim zurückgelassen wird, weil die Mutter weder bereit noch fähig ist, sich um sie zu kümmern. Zu Hause geht die alte Leier sofort wieder los: Die Eltern trinken, Iska hat Geld ranzuschaffen, eine Schlafstelle muss sie sich draußen suchen. Da platzt Iska der Kragen. Zusammen mit einem Jungen aus dem Heim will sie ihren Traum wahr machen: Einmal das Meer sehen! Doch bevor die beiden mit dem Zug losfahren, muss sich Iska noch von ihrer Schwester verabschieden. Auf dem Weg wird sie von zwei Männern verschleppt: Mädchenhändler, die ihr eine glückliche Zukunft versprechen ...

Der 1967 in Eger geborene Regisseur Csaba Bollók, der an der Budapester Akademie für Theater und Film studierte und für seine bisherigen Arbeiten mehrmals ausgezeichnet wurde, erzählt seinen Film ganz in der ungarischen kinematographischen Tradition. Er lässt Bilder sprechen, Dialoge sind auf ein Minimum reduziert, die Kamera nimmt sich Zeit, um die trostlose Atmosphäre zu "erfühlen" und wirken zu lassen. Dieser Stimmung, verstärkt durch die zwar klaren, aber dunklen Farben, kann man sich nicht entziehen. Selbst die Elemente, die eigentlich ein Stück Hoffnung verkörpern sollen, wie etwa das Kinderheim oder der Sozialarbeiter, der Iska von der Straße wegholt, können als Alternative nicht überzeugen. Die einzige Hoffnungsträgerin in diesem Film ist Iska. Auf sie konzentriert sich die Kamera, zeigt sie immer wieder in Nahaufnahmen und ruht auf ihrem Gesicht, um jede Gefühlsregung einzufangen. Es ist schwer zu beschreiben, wodurch das Mädchen eigentlich so viel Kraft und Stärke ausstrahlt, warum man als Zuschauer auch am Ende noch glaubt, dass es eines Tages seinen Weg gehen wird. Dabei kann der Schluss dieses Films verstörender nicht sein und für Erwachsene kaum, für Kinder gar nicht zu ertragen. Regisseur Bollók meinte dazu, dass er seinen Film nicht positiv enden lassen konnte, weil alles, was er dort in der Heimat von Iska-Maria erlebt habe, 20 Mal schlimmer sei als er dargestellt habe.

Zum Glück aber gibt es im wirklichen Leben von Maria und Rózsika Varga eine positive Wendung. Sie leben seit einem halben Jahr in Budapest bei Csaba Bollók und Agnes Csere, gehen zur Schule, lernen gerade Lesen und Schreiben und haben mit "Iskas Reise" den ersten Film in ihrem Leben gesehen. Sie erfahren Zuneigung und Fürsorge und haben so vielleicht die Chance, die Traumata ihrer Kindheit verarbeiten zu können.

Barbara Felsmann

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 111-2/2007 - Interview - "Wenn wir in ihr Gesicht sehen, dann erblicken wir ihr Leben"

 

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