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Ausgabe 110-2/2007

SWEET MUD

ADAMA MESHUGA'AT

Produktion: Sirocco Productions (Tel Aviv) / Heimatfilm GmbH + Co KG (Köln) / Cinephil (Tokio) / Tu Vas Voir Productions; Israel / Deutschland / Japan 2006 – Regie und Drehbuch: Dror Shaul – Kamera: Sebastian Edschmid – Schnitt: Isaac Sehayek – Musik: Tsoof Philosof, Adi Rennert – Darsteller: Tomer Steinhof (Dvir), Ronit Yutkevitch (Miri), Pini Tavger (Eyal), Shai Avivi (Avraham), Danielle Kitsis (Maya), Omer Berger (Ronen), Henri Garcin (Stephan), Joseph Korman (Zvi) u. a. – Länge: 97 Min. – Farbe – Verleih: Timebandits Films GmbH (Potsdam) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Regisseur Dror Shaul, der selbst im Kibbuz aufgewachsen ist, führt die Zuschauer in die 1970er-Jahre zurück: Schon die ersten Bilder zeugen von der Entfremdung zwischen Mutter und Kind, die Babys sind alle von ihren Familien getrennt in einem Kinderhaus untergebracht. Dort stehen die angewärmten Milchflaschen bereit und sobald die Säuglinge schreien, werden sie versorgt. Die Regeln im Kibbuz sind streng: Das gilt auch für den zwölfjährigen Dvir, seinen großen Bruder Eyal und seine junge Mutter Miri. Dvir verbringt die Nächte im Gemeinschaftsschlafsaal und die Abendstunden mit seiner Mutter, die nach dem mysteriösen Tod des Vaters psychisch labil ist. Immer wieder besucht Dvir seine Mutter und fühlt sich ihr verbunden, Hoffnung vermittelt der angekündigte Besuch des neuen Freundes der Mutter: Stephan lebt in der Schweiz und war einmal Judo-Champion, in Dvirs Träumen mutiert er zu einem Helden. Doch bevor Stephan anreisen darf, muss darüber im Kibbuz die Mitgliederversammlung entscheiden: Miri, die in der Wäscherei arbeitet, wird von anderen als Außenseiterin behandelt, sie reden lieber über angeblich drängendere Probleme als über den Besuch ihres Freundes.

Als Stephan dann tatsächlich dem Bus entsteigt, ist er so ganz anders und hat nur wenig von einem Helden – er ist bereits ein älterer Herr, aber schon bei seiner ersten Sabbat-Mahlzeit mit dem Kibbuz gelingt es ihm, die Gemeinschaft in eine beschwingte Walzerstimmung zu versetzen. Mit Großzügigkeit, Charme und Höflichkeit gewinnt er auch Dvirs Sympathie. Für den Jungen und seine Mutter sieht es so aus, als könnten sie ein neues Leben in der Schweiz beginnen. Doch als Dvirs Hund die Hündin des Milchbauern Avram schwängert, kommt es zu einer Auseinandersetzung, denn der hatte alle im Kibbuz gewarnt, ihre Hunde an die Leine zu nehmen, solange seine Hündin läufig ist. Jetzt ist Avram außer sich und will den Jungen verprügeln. Stephan geht dazwischen und bricht Avram einen Arm. Daraufhin entscheidet die Gemeinschaft, dass Stephan unverzüglich gehen muss.

Stephan fährt weg, Dvirs älterer Bruder geht zur Armee und die Mutter bleibt einsam und enttäuscht zurück, sie fällt wieder in tiefe Depressionen. Der einzige, der sich um sie kümmert, ist Dvir; er versucht verzweifelt, ihren Tabletten- und Alkoholmissbrauch einzudämmen. Gleichzeitig muss er seine Bar Mizwa vorbereiten und macht die erste Bekanntschaft mit der Liebe. Radikal und tragisch sind diese Kindheitserinnerungen, der Film erzählt sie einfühlsam und eindringlich aus der Perspektive des Jungen Dvir, der erkennen muss, dass seine kranke Mutter an den rigiden Regeln des Kollektivs zerbricht und er die Verantwortung für sie allein nicht tragen kann ...

"Sweet Mud" ist Dror Shauls zweiter Langfilm und basiert zum Teil auf seinen eigenen Erinnerungen an das Leben im Kibbuz. Die landschaftliche Weite steht in krassem Kontrast zur engen und beengenden Kibbuz-Atmosphäre: Wenn Dvir sich aufs Rad schwingt, fühlt er sich frei, diese Sehnsucht nach Freiheit, nach einem Leben außerhalb der Kibbuz-Grenzen und Regeln, beherrscht den Jungen, der seiner Mutter die nötige Stärke wünscht, um mit ihm gemeinsam zu fliehen. Am Ende muss Dvir erfahren, dass sein Vater Selbstmord begangen hat, weil er sich nicht fügen wollte und die Gemeinschaft seiner Mutter vorwirft, daran schuld zu sein. In der Abbildung der Kibbuz-Ideale einer klassenlosen Gesellschaft mit der Betonung auf Gleichheit und Gemeinschaft ist der Film historisch genau: Die einzelnen Mitglieder besaßen kein Eigentum, sondern brachten ihre Arbeitsleistung unentgeltlich für das Kollektiv ein. Im Gegenzug stellte der Kibbuz Wohnung, Kleidung, Verpflegung und medizinische Versorgung zur Verfügung. Die Gleichberechtigung sollte auch die Frauen umfassen. Deswegen wurden viele hauswirtschaftliche Aufgaben als Dienstleistungen vom Kibbuz angeboten. Es bestanden zentrale Wäschereien, Schneidereien sowie ein gemeinsamer Speisesaal, der zugleich Treffpunkt bei Festen und Versammlungen war.

Gegenwärtig gibt es etwa 260 dieser Dörfer mit einer Größe von bis zu 1.000 Einwohnern. Zu Neugründungen kommt es heute kaum mehr. Zur Zeit der Gründung des Staates Israel lebte etwa jeder zwölfte Israeli in einem Kibbuz; heute sind es knapp drei Prozent der Bevölkerung. Als erster Kibbuz wurde im Oktober 1910 von einer zionistischen Gruppe aus Weißrussland "Degania A" am Südende des Sees Genezareth gegründet, bald darauf folgten weitere Kibbuzim. In den Kibbuzim war die patriarchalische Kleinfamilie aufgelöst und die Kindererziehung zentralisiert. Die Kinder wurden schon von Geburt an in einem eigenen Kinderhaus mit Gleichaltrigen erzogen. Die strenge Orientierung auf die Erziehung im Kinderhaus löste sich in den folgenden Jahrzehnten langsam in Richtung "Kindergarten" auf.

Die Strukturen des Kibbuz, die wenig Individualität zulassen, werden in der ergreifenden Mutter-Sohn-Geschichte des Films "Sweet Mud" in Zweifel gezogen und mehr als deutlich kritisiert: Doch Regisseur Dror Shaul überraschte beim Publikumsgespräch der Berlinale mit der Aussage, dass für ihn die Beziehung zwischen Mutter und Sohn das Allerwichtigste sei. Fragen nach Kibbuz-Problemen wurden von ihm schnell als "historisch" abgetan, denn der Film spiele in der Vergangenheit. Doch die Gleichheit im Kibbuz funktioniert nur auf Kosten von Freiheit und Individualität, dies ist der unabdingbare Hintergrund, durch ihn spitzt sich diese dramatische Geschichte zu und wird zu einem Beleg für das Scheitern der israelischen Kibbuz-Bewegung.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 110-2/2007 - Interview - "Sweet Mud ist der bessere Titel"

 

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