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Ausgabe 110-2/2007

"Ich möchte die Menschen ermutigen, anstelle der Kälte die Liebe zu wählen"

Gespräch mit Yasmin Ahmad, Regisseurin und Drehbuchautorin des malaysischen Spielfilms "Mukhsin"

(Interview zum Film MUKHSIN UND ICH)

KJK: Wie erklären Sie sich selbst, dass Ihr – in den zur Verfügung stehenden Mitteln vergleichsweise sehr bescheidener Film – in Berlin nicht nur mit der Lobenden Erwähnung der Kinderjury Generation Kplus, sondern auch mit dem Großen Preis des deutschen Kinderhilfswerkes ausgezeichnet wurde?
Yasmin Ahmad: "Ich hätte niemals geglaubt, hier einen oder sogar zwei Preise gewinnen zu können. Nicht mal, dass ich zur Berlinale ausgewählt werden könnte, weil ich von allen Festivals für die Berlinale die größte Hochachtung hege. Sie ist die Nr. 1 für mich wegen der Filme, die hier ausgezeichnet wurden – vor elf Jahren z. B. gab es den Silbernen Bären für Yoichi Higashis 'The village of dreams', einen japanischen Film, den ich sehr liebe. Und hier bekam auch Hayao Myazaki für seinen zu Herzen gehenden Animationsfilm 'Spirited away' den Goldenen Bären. Wegen dieser Auszeichnungen war die Berlinale für mich immer interessanter als Cannes oder Venedig und ich hätte nie gedacht, dass man mich mit meinen bescheidenen Filmen einmal zu diesem Festival einladen würde.
Ich dachte, dafür sind meine Filme nun doch nicht anspruchsvoll genug. Dass ich hier nun selbst ausgezeichnet wurde, ist wundervoll und ermutigend! Aber es ist wohl so: Wenn man sein Herz öffnet, können Menschen, die viele tausend Meilen vom Schauplatz der Geschichte entfernt in einem ganz anderen Land, in einer anderen Kultur, mit einer anderen Religion und Abstammung aufwachsen, über die gleichen Erlebnisse weinen und lachen. Deshalb sollten wir alle unsere Herzen öffnen wie in dem Film."

"Mukhsin" ist ein low budget-Film. Wie viel oder wie wenig Geld stand Ihnen denn zur Verfügung und wie lange hatten Sie dafür Zeit?
"Wir hatten insgesamt nur 150.000 Euro und 12 Tage Drehzeit, weil alle von uns bei Werbeagenturen arbeiten und unsere Arbeitgeber uns höchstens zwei Wochen freigeben wollten. Allerdings war das Budget ja so klein, dass wir uns längere Filmaufnahmen auch nicht hätten leisten können. Wir haben das nur hingekriegt, weil wir schon zwei Monate vorher sehr intensiv geprobt haben und viele der Schauspieler meine Freunde sind, die ich jederzeit anrufen konnte, was umgekehrt natürlich auch galt. Ich bewundere Pedro Almodovar, der ja auch immer mit Freunden arbeitet. Sharifah Aryana Syed Zaunal Rashid, die das Mädchen Orked jetzt spielt, kannte ich schon durch ihre ältere Schwester, die das Mädchen in den vorigen Filmen gespielt hat. Auch meine Eltern haben schon früher bei mir mitgespielt."

Ist Orked, über die Sie nun ihren vierten Spielfilm gedreht haben, Ihr alter ego?
"Ja, ich muss zugeben, dass ich selbst nicht besonders kreativ bin. Ich habe wirklich nicht besonders viel Einbildungskraft und Phantasie, sondern kann immer nur aus der Erinnerung heraus schreiben, was ich selbst erlebt habe."

Also hat auch dieser Mukhsin in Ihrem Leben existiert?
"Ja, genau. Also, dass man befreundet ist und es dann passiert, dass einer sich in den anderen verliebt und man nun nicht weiß, was man dann machen soll – diese schwierige Erfahrung macht man ja immer wieder. Das passiert einem als Kind, als Teenager und auch, wenn man bereits erwachsen ist. Was aber Mukhsin betrifft, nun, das ist schon seltsam: Ich bin jetzt 49 Jahre alt und hatte in meinem Leben schon viele Freunde, ich bin zum zweiten Mal verheiratet und habe eine Tochter von 14 Jahren, aber an Mukhsin denke ich heute noch. Er war eben meine erste Liebe, auch wenn ich das damals nicht gewusst habe. Bis heute haben wir uns nicht wieder gesehen, aber kürzlich habe ich eine e-mail bekommen von einer Frau, die behauptet, dass Mukhsin ihr Vater sei ..."

Orked ist ein starkes Mädchen, ihre Mutter eine sehr starke Frau, was nicht zuletzt in der Szene gezeigt wird, in der sie ihre Tochter zur Show im Nebenzimmer verhaut. Auch zieht sie es vor, mit Jungen zu spielen. Wenn ich z. B. an die braven vietnamesischen Mädchen denke, scheint mir das Verhalten von Orked und ihrer Mutter sehr ungewöhnlich.
"Vietnamesische Frauen tun nur so, als seien sie schwach, in Wirklichkeit sind sie sehr stark. Und in Malaysia sind die oberen 10 Prozent der besten Gymnasiasten und Studenten Mädchen. Natürlich ist Orkeds Familie so offen und stark, weil ihre Eltern miteinander sehr glücklich sind. Und sowohl meine Schwester als auch ich haben es vorgezogen, mit Jungen zu spielen – und das gilt noch heute. Vielleicht weil Mädchen so gern und so viel über unwichtige Dinge sprechen. Bei Jungen kann man sich ausruhen, es ist einfacher mit ihnen, weil die nicht so viel reden. Übrigens entsprechen der Charakter und das Verhalten von Orkeds Eltern genau dem meiner eigenen Eltern – die sind wirklich sehr glücklich miteinander und total verrückt. Obwohl Papa 74 Jahre alt ist und Mama 73, duschen sie immer noch jeden Tag zusammen. Manchmal spielen sie auch Fangen, tippen sich an und rennen hintereinander her wie die Kinder. Am Schluss des Films sieht man sie auch – am Klavier."

Es muss ein Glück sein, solche verspielten und humorvollen Eltern zu haben.
"Ja, aber für uns Kinder war das manchmal unmöglich. Wir haben oft die Augen verdreht über unsere kindischen Eltern! Heute denke ich, dass die Leute einfach zu ernst sind und zu viel reden."

Wie sind Sie denn eigentlich zum Film gekommen?
"Durch sie. Ich habe ursprünglich Psychologie an einer englischen Universität studiert, habe auch als Psychologin gearbeitet, hauptsächlich mit Kindern – fand aber, dass das, was ich da gelernt habe, nicht zu gebrauchen war. Es hat mir jedenfalls keinen Spaß gemacht. Ich bin dann zufällig zur Werbung gekommen, indem ich ein paar Geschichten geschrieben habe. Die hat dann jemand gelesen, mich weiter empfohlen – und nun schreibe ich schon seit 25 Jahren Scripte für Werbe-Filme und inszeniere die auch. Ich hatte wirklich nie vor, Spielfilme zu machen, bis mein Vater schwer krank wurde und ich ihm ein Geschenk machen wollte. Er hatte eine schwere Diabetes und das einzige, was mir nach seinem Zusammenbruch einfiel, war, einen Film über meine Eltern zu machen und ihm zu widmen. Das war 2002."

Auch "Mukhsin" ist ja, wie man am Schluss sieht, Ihren Eltern gewidmet. Hat Ihr Vater sich wieder erholt?
"Ja, nachdem ich 'Rabun' gemacht habe und der Film als bester asiatischer Film mit dem 8. Malaysischen Video Preis ausgezeichnet wurde, bin ich damit 2003 zum Festival nach Turin eingeladen worden und habe meine Eltern mitgenommen. Sie waren so glücklich und der Zucker bei meinem Vater ging tatsächlich runter. Dann bekam meine Mutter Wasser im Herzen. Und abergläubisch, wie ich bin, habe ich daraufhin einen zweiten Film gedreht, 'Sepet'. Auch er wurde mit dem Malaysischen Video Preis, dem 9., ausgezeichnet, wieder wurde ich damit zu einem Festival eingeladen, nach Tokio, wieder nahm ich meine Eltern mit und bekam dort den Preis für den besten Asiatischen Film. Später erhielt ich sogar noch den Preis für den besten von einer Frau inszenierten Film in Creteil (Paris) – aber vor allem, auch meine Mutter wurde wieder gesund, jetzt ist ihr Herz wieder normal. Danach entschied ich mich, mehr Zeit mit meinen Eltern zu verbringen und sie gesund zu erhalten, indem ich weitermache, Spielfilme zu drehen. Schon aus purem Aberglauben!"

Film Nr. 3 war dann "Gubra", der 2005 in San Francisco, Rotterdam, Tokio und natürlich bei Ihnen zu Hause gezeigt wurde. Ich habe gelesen, dass auch diese Geschichte für das beste Drehbuch und als bester Film 2006 auf dem Film-Festival in Malaysia ausgezeichnet wurde. Gibt es nach "Mukhsin" noch einen Orked-Film?
"Nein, das war der letzte. Mein nächster Film handelt von einem Mann, der zum Islam konvertiert. Weil ich so viele Freunde habe, die konvertiert sind, und die Welt, also CNN, die Muslims immer nur als die Bösen zeigt. Die Muslime, die ich kenne, sind aber so wie in Orkeds Familie, sehr glücklich und liebenswert. In meinem Film möchte ich deshalb die andere Seite zeigen, weil ich glaube, dass die Menschen heute so viel Angst haben, Barmherzigkeit und Liebe zu zeigen. Aber in unserem täglichen Leben gibt es viele Scheidewege und man hat grundsätzlich die Wahl, sich für den Hass oder die Liebe zu entscheiden. Ich möchte die Menschen ermutigen, anstelle der Kälte die Liebe zu wählen. Das gilt für all meine Filme. In ihnen erzähle ich, wie man das Leben feiert, und wenn ich auch keine Filme mehr über Orked mache, etwas aus meinem Leben fließt immer ein ..."

Können Sie uns etwas über Malaysia als Filmland erzählen?
"Malaysia hat eine Menge schlechter Filme, aber jetzt gibt es bei uns sieben oder acht Regisseure, die sehr gute Filme machen und Preise gewinnen. Ich betrachte mich als eine Regisseurin dieser neuen Bewegung, die sehr interessant ist. Das alte Film-Establishment aber ist schrecklich."

Seit vielen Jahren überzeugt der asiatische Film durch Qualität – haben Sie dafür eine Erklärung?
"Das begann schon in den 50er-Jahren mit Akira Kurosawa. Aber ich sehe die Welt nicht in Kategorien wie europäisch oder asiatisch. Mich interessieren Geschichten von Menschen wie die von Wim Wenders, Werner Herzog, Pedro Almodovar, Clint Eastwood – auch ihn mag ich sehr – oder von den iranischen Regisseuren Bahman Ghobadi, Abbas Kiarostami, Majid Majidi, Samira Makhmalbaf. Ich denke, gute Filmemacher erzählen von Menschen, da spielen Rassen und Abstammung keine Rolle."

Interview: Uta Beth

 

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