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Ausgabe 105-1/2006

MEIN NAME IST EUGEN

Produktion: Kontraproduktion AG, in Zusammenarbeit mit C-Films AG / Schweizer Fernsehen DRS, Impuls Home Entertainment und Teleclub; Schweiz 2005 – Regie: Michael Steiner – Buch: – Michael Sauter, Christoph Frey, Michael Steiner nach dem gleichnamigen Buch von Klaus Schädelin – Kamera: Pascal Walder – Darsteller: Manuel Häberli (Eugen), Janic Halioua (Wrigley), Dominic Hänni (Bäschteli), Alex Niederhäuser (Eduard), Beat Schlatter (Fritzli Bühler), Mike Müller (Vater Eugen), Monika Niggeler (Mutter Eugen), Patrick Frey (Vater Wrigley), Sabina Schneebeli (Mutter Wrigley), Stephanie Glaser (Tante Melanie) u. a. – Länge: 100 Min. – Farbe – Cinemascope – Verleih: Frenetic (Schweiz) – Altersempfehlung: ab 8 J.

"Wir sind ein einig Volk von Bengeln" frohlocken die lausbübischen Eidgenossen in salopper Anlehnung an den über 700 Jahre alten Rütli-Schwur, der bis heute als Geburtsstunde der Eidgenossenschaft gefeiert wird. Nur stehen im Mittelpunkt nicht wie einst drei anarchistische Bauern, die heute als Terroristen verschrien wären, sondern vier Schulbuben aus Bern, die der Welt der Erwachsenen erfolgreich unzählige Schnippchen schlagen.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte mit der drakonischen Strafe der Eltern von Eugen und Wrigley. Der Lausbuben Faltboot, randvoll mit Wasser gefüllt, bricht vom Estrich im Wohnhaus der Eltern durch alle Etagen und durchnässt das kleinbürgerliche Dasein in den guten Stuben. Zur Strafe verordnen die Eltern Landdienst und Internat, die Ferien im Pfadfinderlager können sich die Jungs an den Nagel hängen. Das bringt das Boot vollends zum Überlaufen: Eugen und Wrigley haben die Nase voll von der Welt der Erwachsenen und beschließen, abzuhauen.

Da findet Wrigley im Keller eine 300-jährige Schatzkarte, die einst Fritzli Bühler, dem König der Lausbuben, gehört haben soll, der früher im gleichen Haus wohnte. Eugen und Wrigley sind überzeugt, dass sie den Schatz im Titicacasee nur mit Hilfe von Fritzli Bühler finden können, der inzwischen in Zürich lebt. So brechen die beiden per Fahrrad nach Zürich auf. Doch unterwegs geraten sie in die Fänge des Leiters des Pfadfinderlagers und müssen zusammen mit den anderen Schülern ins Ferienlager im Tessin fahren. Mit dabei sind auch der etwas begriffsstutzige Eduard und das Muttersöhnchen Bäschteli, die nach weiteren Streichen zu Komplizen von Eugen und Wrigley werden. Auch im Ferienlager hält es die Viererbande nicht lange aus. Schließlich bleibt es ihr Ziel, in Zürich Fritzli Bühler zu finden. Längst haben die Eltern vom Ausbüchsen der vier Lausbuben Wind bekommen und versuchen mit mäßigem Erfolg, den vier auf den Fersen zu bleiben.

"Mein Name ist Eugen" überraschte gleich doppelt: Gestartet im September, entpuppte sich der Film als wahrer Kassenschlager: Bis Ende 2005 verzeichnete der Schweizer Verleih Frenetic allein in der Deutschschweiz rund 530.000 Eintritte. Damit ist "Mein Name ist Eugen" der dritterfolgreichste Schweizer Film aller Zeiten. Zudem handelt es sich um einen Kinderfilm (oder Familienfilm), was im Schweizer Filmschaffen Seltenheitswert hat. Eher untypisch für einen Schweizer Film ist auch, dass Regie und Produktion bei der Machart klar auf einen Unterhaltungsfilm für ein möglichst breites Publikum gesetzt haben. In den letzten Jahren gab es vereinzelt schon solche Schweizer Produktionen (z. B. die holprige Rekrutenkomödie "Achtung, Fertig, Charlie!"), doch ist in nächster Zeit mit mehr Schweizer Filmen zu rechnen, die dem Unterhaltungsfilm aus anderen Ländern die Stirn bieten wollen. Auch der 1969 in Hergiswil geborene Regisseur von "Mein Name ist Eugen", Michael Steiner, der Ethnologie, Kunstgeschichte und Filmwissenschaft studierte und später als Journalist und Pressefotograf arbeitete, wartet bereits mit einem neuen Film mit publikumswirksamem Thema auf: "Grounding – Die letzten Tage der Swissair" über den Zusammenbruch der größten Schweizer Fluggesellschaft.

Den Erfolg der sechs Millionen Franken teuren und mit 60 Kopien gestarteten Produktion beim Schweizer Kinopublikum verdankt der Film seiner Vorlage. 1955 veröffentlichte der Berner Pfarrer und Politiker Klaus Schädelin sein Jugendbuch mit gleichem Titel. Bis heute ist das Buch "Mein Name ist Eugen", das sich gut 200.000 Mal verkauft haben soll, ein Kultbuch geblieben. Die Neue Zürcher Zeitung bezeichnete Schädelin, der nur ein Buch veröffentlicht hat, gar als schweizerischen Erich Kästner und das Jugendbuch als "Zentralmassiv helvetischer Anti-Pädagogik".

Für die Verfilmung haben Michael Sauter, Christoph Frey und Michael Steiner zwei grundlegende Veränderungen vorgenommen. Zum einen haben sie die in der Mitte der 50er-Jahre angesiedelte Handlung ins Jahr 1964 verschoben. Zum anderen wurde die episodenhafte Erzählweise des Buches in eine handlungsbetonte Dramaturgie umgeschrieben, wobei die Eltern als Gegenspieler der Jungs stärker in den Vordergrund rücken.

"Mein Name ist Eugen" ist eine burleske Verfolgungsjagd, gespickt mit meist rasant inszenierter Situationskomik und deftig überhöhter Nostalgie. Ein vergnügliches Stück Unterhaltungskino für Jung und Alt, das alle Erwartungen an wiederbelebte Klischees befriedigt, ohne ins unverzeihlich Dümmliche abzurutschen. Während die jungen Schauspieler, die die vier Lausbuben interpretieren, als clevere und unschlagbare Helden daherkommen, sind die Erwachsenen allesamt Karikaturen ihrer selbst, was der Logik der von den Machern des Films erzählten Geschichte entspricht.

Doppelten Genuss bietet sich jenem Publikum, das die vielen und landesweit bekannten Schweizer Schauspieler kennt, die jeweils jenen Rollen zugeteilt wurden, die am präzisesten ihren bisherigen Klischeerollen entsprechen: Von Stephanie Glaser als unablässig sich um ihre Katze sorgende Tante Melanie über Viktor Giaccobo als selbstgerechter, aber nicht minder unbegabter Polizist bis zu Max Rüdlinger als griesgrämiger Wohnwagenspießer. Kaum sind sie auf der Leinwand aufgetaucht, weiß man gleich, was man zu erwarten hat ... und wird nicht enttäuscht.

Zu den Klischees – zumindest in der Originalversion für die Deutschschweiz – gehört auch die Erzählstimme von Eugen, der das Publikum in herzhaft mit helvetischem Akzent gewürztem Hochdeutsch durch die Filmgeschichte führt, als wär's ein vorgetragener Schulaufsatz. Schade bloß, dass der Film – wohl wegen der Vorgabe, ein Unterhaltungsfilm zu sein – Klaus Schädelins Buch als Ansammlung von Lausbubenstreichen präsentiert. Der anarchische Unterton des zur Zeit des Wirtschaftswunders geschriebenen Buches und sein subversives Spiel mit der Alltagssprache sind leider auf der Strecke geblieben.

Robert Richter

 

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