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Ausgabe 105-1/2006

"Ich kann keine Lösung eines Problems anbieten, das nicht zu lösen ist"

Gespräch mit Juan Carlos Cremata Malberti, Regisseur von "Viva Cuba"

(Interview zum Film VIVA CUBA)

KJK: Mit "Viva Cuba" haben Sie den ersten Kinospielfilm für Kinder in Kuba gedreht. Das verwundert mich, dachte ich doch, dass es in Kuba – wie einst in allen sozialistischen Ländern üblich – eine traditionelle Filmkultur und damit auch Spielfilme für Kinder gibt.
Juan Carlos Cremata Malberti: "Kino hat in Kuba Tradition, für Erwachsene und Kinder. Es gibt sogar zahlreiche Kinos, die ausschließlich Kinderfilme zeigen. Bei uns werden auch viele Kinderfilme produziert, allerdings hauptsächlich Animationsfilme. Es gibt in Kuba einen großen Meister des Animationsfilms und auch eine Symbolfigur, die dem deutschen Sandmännchen entspricht. Aber es ist bis heute noch nie ein Film direkt mit Kindern gedreht worden. Ich glaube, dass Kinder, wenn sie ein richtiges Kind im Film sehen, sich besser mit der Figur identifizieren können. Deshalb ist wahrscheinlich mein Film so begeistert angenommen worden. Er lief in Kuba den ganzen Sommer über in vollen Kinos. Auch jetzt verlangen noch viele Leute danach. Es gibt Kinder, die haben "Viva Cuba" schon ein paar Mal gesehen, und es gibt auch Kinder, die wegen des Films das erste Mal in ihrem Leben im Kino waren.
Zur Premiere am Kindertag haben wir veröffentlichen lassen, dass Erwachsene nicht allein ins Kino kommen können, sondern wenigstens ein Kind dabei haben müssen. Selbst der Kulturminister musste ein Kind mitbringen. Die Idee dabei war, dass die Priorität bei den Kindern liegt. Sie waren die Garantie dafür, dass auch Eltern oder Erwachsene den Film sehen konnten. Nicht die Kinder mussten die Erwachsenen fragen, ob sie sie mit ins Kino nehmen, sondern umgekehrt. Darum geht es ja auch in meinem Film, dass es wichtig ist, die Meinung der Kinder zu erfragen und auf sie zu hören."

Sie haben verschiedene Fernseh- und Dokumentarfilme gedreht. Ist "Viva Cuba" Ihr erster Kinofilm?
"Es ist der zweite. Mein erster Film, 'Gar nichts', sollte sich an alle Altersgruppen wenden, doch der Staat hat ihn erst ab 12 Jahren freigegeben. Deshalb habe ich nun speziell einen Kinderfilm gedreht, wo die Kinder selbst entscheiden können, ob sie ihn sehen wollen."

Wie ist die Idee für diesen Film entstanden?
"'Viva Cuba' ist ein Familienfilm. Nicht nur weil er den Familien gewidmet ist, sondern weil an der Herstellung ein großer Teil meiner Familie beteiligt war. Sie hat eine lange Tradition, künstlerisch mit Kindern und für Kinder zu arbeiten. Meine Mutter zum Beispiel ist Redakteurin im Fernsehen für Kinderprogramme und hat mich bei der Regie unterstützt, die beiden Hauptdarsteller kommen aus einer der wichtigsten Kindertheatergruppen Kubas, die mein Bruder leitet. Er hat übrigens auch eine kleine Rolle in dem Film übernommen. Ein Cousin von mir war für die künstlerische Leitung verantwortlich, ein anderer Cousin komponierte die Musik und meine Großmutter spielte die Großmutter im Film. Mir war es wichtig, dass, wenn man Familien ansprechen will, auch die eigene Familie eine Präsenz hat.
Ich kannte die beiden Darstellerkinder bereits, als sie fünf Jahre alt waren. Damals ist mir die Idee gekommen, mit ihnen einen Film zu machen, aber ich hatte die finanziellen Mittel nicht. Als ich dann das Geld zusammen hatte, waren Malú Tarrau Broche und Jorgito Miló Avila genau in dem richtigen Alter, ein Glücksumstand für mich."

Es ist wirklich sehr berührend, wie Sie die Beziehung von den Hauptfiguren Malú und Jorgito darstellen, wie natürlich die Kinder dabei wirken.
"Ich habe sehr viel von Malú und Jorgito gelernt, einfach wie sie sind, fühlen und denken. Während der Dreharbeiten haben wir uns die Szenen hauptsächlich durch Improvisation erarbeitet. Sie haben weder das Drehbuch gelesen noch den Text auswendig gelernt, sondern ich habe ihnen den Inhalt einer jeden Szene erklärt und sie haben spontan darauf reagiert bzw. gespielt."

Dass Menschen ihre Heimat verlassen wollen und müssen, ist ja ein großes Problem in Kuba.
"Nicht nur in Kuba. Es gibt viele andere Länder in der Welt, ob in Amerika, in Asien oder auch in Europa, wo die Leute aus den unterschiedlichsten Gründen versuchen, aus ihrem Land herauszukommen. Dieses Problem wird solange existieren, solange der Unterschied zwischen der ersten und der dritten Welt so groß ist. In meinem Film ist die Auswanderung aber nur der Anlass dafür, darüber nachzudenken, was in solch einem Fall mit den Kindern passiert. Für sie bedeutet es ja schließlich, dass sie ihre Wurzeln verlieren. Sie müssen sich von ihren Freunden trennen, die Schule verlassen und sie müssen ihre Gewohnheiten und Gepflogenheiten grundsätzlich ändern. Solch wichtige Entscheidungen werden aber meist über die Köpfe der Kinder hinweg getroffen. Das ist schlimm. Wir müssen lernen, den Kindern zuzuhören und ihre Meinung gelten zu lassen."

Sie lassen das Ende des Films offen.
"Ich kann keine Lösung eines Problems anbieten, das nicht zu lösen ist. Wir hatten einen anderen Schluss in Erwägung gezogen, nämlich den, der in 99 Prozent der Fälle tatsächlich passiert: die Trennung. Aber diesen traurigen Schluss hätten die Kinder nur schwer verkraftet und damit wäre mein Film dann doch wieder etwas für die Erwachsenen geworden. Das aber wollte ich unter keinen Umständen.
Es gibt Leute, die trotzdem in dem Film ein trauriges Ende sehen und sich an Romeo und Julia erinnert fühlen. Andere verstehen den Schluss als eine große Hoffnung. Für mich symbolisieren die riesigen Wellen, die vom Meer emporsteigen, die Einheit der beiden Kinder. Jorgito sagt an einer Stelle zu Malú: Wenn wir uns ganz fest umarmen, wird uns keiner trennen. Und so kann man den Schluss auch sehen: Dass zwar eine physische Trennung entsteht, aber dass die Kinder trotz der Trennung immer vereint sein werden."

Werden Sie bei Ihrem nächsten Film wieder mit Kindern zusammenarbeiten?
"Mein nächstes Projekt möchte ich nur mit Erwachsenen umsetzen. Es wird ein harter Film sein, auf der Basis eines kubanischen Romans. Er heißt 'Männer ohne Frauen' und handelt von dem Leben in einem kubanischen Gefängnis in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Es gibt keine Zärtlichkeiten, nichts Liebevolles, nur Härte. Ich habe zwar auch schon wieder ein Projekt mit Kindern im Kopf, aber ich möchte in meiner Karriere nicht eingegrenzt werden in das Schema, ich sei Kinderfilmregisseur. Wie fast überall in der Welt wird das in der Branche nicht so sehr geschätzt. Deshalb muss ich zwischendurch immer auch wichtige Projekte mit Erwachsenen realisieren. So kann ich den Kinderfilm besser auf die gleiche Höhe bringen, ihm mehr Anerkennung ermöglichen."

Wie haben Sie "Viva Cuba" finanziert?
"Es gibt in Kuba eine staatliche Filmindustrie, die in der Regel die Filme produziert. Als sie hörten, dass ich einen Kinderfilm mit Kindern in den Hauptrollen drehen möchte, waren sie nicht daran interessiert, das Projekt zu unterstützen. Wir haben deshalb die Entscheidung getroffen, diesen Film unabhängig davon zu drehen, sozusagen als Alternativform. Jetzt im Nachhinein hat man gesehen, dass 'Viva Cuba' nicht nur der erste Film mit Kindern in Kuba ist, sondern auch auf großes Interesse im Land und in der Welt stößt. Beim Festival in Cannes haben wir von der Kinderjury den Grand Prix Ecrans Juniors verliehen bekommen, damit ist 'Viva Cuba' der erste kubanische Film, der solch einen bedeutenden Preis gewonnen hat. Solche Auszeichnungen bewirken natürlich auch bei der staatlichen Filmindustrie ein Umdenken und eröffnen neue Möglichkeiten für weitere Kinderfilme.
Weil es mir wichtig war, in meinem Land diesen Film zu produzieren, habe ich mit einer kleinen Produktionsfirma zusammengearbeitet. Ich habe mit einer Digitalkamera gedreht, so konnten wir ganz unkompliziert und auch relativ billig im ganzen Land filmen. Außerdem war dadurch die Konzentration der Kinderdarsteller viel besser. Die neuen Formen der Produktion eröffnen uns eine große Unabhängigkeit. Ich habe die Kamera zu Hause, organisiere dort auch den Schnitt. Ich habe bewiesen, dass wir Filmemacher nicht von der gnädigen Zustimmung irgendwelcher Filmproduzenten abhängig sind. Somit war mein Film auch beispielgebend für andere Filmemacher in Kuba: Man muss nicht auf das große Geld oder auf die Genehmigung von der staatlichen Filmindustrie warten, wichtig ist, eine gute Idee zu haben und diese umzusetzen.
Dass wir mit Frankreich und Spanien koproduziert haben, ist nicht unnormal. Selbst wenn man eine staatliche Unterstützung bekommt, muss man sich ausländische Koproduzenten suchen. An dem Film sind auch zwei amerikanische Produzenten beteiligt, die aber nicht genannt werden dürfen, weil es für sie verboten ist, mit kubanischen Filmemachern zusammenzuarbeiten. Sie haben ganz still diesen Film unterstützt, ohne es offiziell bekannt zu machen. Ich hoffe, dass diese Zusammenarbeit weitergeht. Wir brauchen diese Gelder, denn Kuba ist ein wirklich armes Land, in dem es schwer ist zu leben und sehr schwer, einen Film zu machen. Doch erstaunlicherweise entstehen in diesem kleinen, unterentwickelten Land immer wieder neue künstlerische Initiativen. Wir haben sehr berühmte Musiker, Tänzer, Maler, Theater- und Filmleute. Aber manchmal müssen wir eben um Geld bitten, um unsere Projekte verwirklichen zu können."

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und die nötigen Mittel für Ihre nächsten Projekte.
"Vielen Dank. Und trotz aller Hürden, die man als Filmemacher überwinden muss, lassen Sie mich noch zwei Worte sagen: Viva Cuba!"

Das Gespräch mit Juan Carlos Cremata Malberti fand auf dem Internationalen Filmfestival für Kinder und junges Publikum Schlingel in Chemnitz im Oktober 2005 statt.
Interview: Barbara Felsmann; Übersetzung: Lily Boehm

 

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