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Ausgabe 105-1/2006

"Den Begriff Kinderfilm nicht als Gefängnis für Produkte sehen"

Gespräch mit Thomas Hailer, Leiter der Sektion Kinderfilmfest der Internationalen Filmfestspiele Berlin

Interview

Seit sieben Jahren ist der 1959 in Öhringen (Baden-Württemberg) geborene Thomas Hailer Mitglied im Förderverein Deutscher Kinderfilm. Unter anderem betreut er seit 1998 die geförderten Kinderfilmprojekte für das (glücklich gerettete) Kuratorium junger deutscher Film. Er berät den Vorstand und das Auswahlgremium bei der Evaluation sämtlicher Anträge auf Förderung von Drehbuch und Projektentwicklung. Neben der umfassenden dramaturgischen Betreuung erhalten die geförderten Autoren Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Partnern für die Fortentwicklung ihrer Projekte und Beratung in Fragen der weiterführenden Filmförderung. Der Schwerpunkt des Kuratoriums junger deutscher Film, das sich Anfang dieses Jahres im Bereich Kinder- und Jugendfilmförderung mit dem BKM zusammengetan hat, liegt in der Förderung von Stoffentwicklung für Spielfilme (lang und kurz), Animations- und Dokumentarfilme. Zu den von Thomas Hailer betreuten Projekten gehören "Die Champions" (2003) von Christoph Hübner und "Die Blindgänger" (2004) von Bernd Sahling. Von 1999 bis 2004 war Thomas Hailer zudem Mitglied des Auswahlausschusses Produktionsförderung bei der Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien.

Nach dem Abitur 1978 studierte Thomas Hailer Germanistik und Theaterwissenschaft in München. Regieassistenzen in den Bereichen Schauspiel und Musiktheater führten ihn direkt in die Praxis: Von 1983 an war Thomas Hailer Mitglied im künstlerischen Stab des freien Musiktheaterensembles "Bolschoi Berlin". Als Regisseur und Spielleiter der Sparte Schauspiel ging er 1991 ans Thüringer Landestheater Rudolstadt. 1993 begleitete er für eine Spielzeit als Produktionsdramaturg den Aufbau der Sparte Tanztheater am Stadttheater Gießen. Von 1993 bis 2002 war Thomas Hailer auch freischaffend als Dramaturg und Projektbetreuer für Kino- und Fernsehfilmproduktionen tätig, unter anderem für "Die grüne Wolke" (2000) von Claus Strigel und "Die Hollies" (2002). Im Kernberuf ist Thomas Hailer Dramaturg, da beschäftigt er sich mit dem ersten Schritt einer Filmproduktion, der Entwicklung einer Filmidee und ist seit 2000 Mitglied der Studienleitung der "Winterakademie-Werkstatt für Kinderfilmstoffe" des Fördervereins Deutscher Kinderfilm e.V.

Thomas Hailer, der selbst keine Kinder hat, sieht viele Filme zusammen mit Kindern. Kino war in seiner Kindheit nur wenig präsent, so kam er vom Theater zum Film und fand als Regisseur vom Weihnachtsmärchen bis zum Jugendklub eine Zielgruppe, die ihn bis heute beschäftigt. Im Jahr 2004 erweiterte er das Angebot des Kinderfilmfestes, um unter dem Titel 14plus auch einen Wettbewerb für Jugendfilme auszutragen. Zum Gespräch führt Thomas Hailer in einen kleinen Büroraum am Potsdamer Platz 11, in dem die Berlinale für einige Monate zusätzliche Büros angemietet hat: "Hier ist schon mal Platz geschaffen, um die Programmhefte des Kinderfilmfestes lagern zu können."

KJK: Sie bereiten gerade Ihr viertes Kinderfilmfest vor. Zeichnen sich schon Tendenzen ab?
Thomas Hailer: "Auch wenn es wie eine Plattitüde klingt: Es wird ein sehr gutes Programm ..."

... wie jedes Jahr ...
"... nein, ich behaupte das nicht jedes Jahr bereits so früh, manchmal hat man aber beim Programmmachen einen guten Lauf. Es gibt ja immer Filme, bei denen es niemanden überrascht, dass sie beim Kinderfilmfest zu sehen sind. Und es gibt die Filme, die dann vor allem unter Journalisten immer wieder Diskussionen auslösen, ob das überhaupt ein Kinderfilm ist. Solche Filme mögen wir ganz besonders und wenn man um den 6. Dezember (Nikolaus) herum schon die richtige Mischung von beiden Sorten für die Wettbewerbe beisammen hat, dann ist das ein deutliches Zeichen für ein sehr gutes Programm."

Der Wechsel zwischen klaren Kinderfilmen und Filmen, die für Kinder geeignet sind, macht doch auch den Reiz des Programms aus ...
"... und der Diskurs darüber ist uns ganz besonders wichtig. Gerade wenn Erwachsene sagen, das ist aber gar kein Kinderfilm, merkt man in den Gesprächen mit den Kindern oft, dass die das ganz anders sehen. Man darf den Begriff Kinderfilm eben nicht als Gefängnis für die Produkte sehen."

Wenn Sie an den Anfang Ihrer Tätigkeit vor drei Jahren beim Kinderfilmfest zurückdenken: Wie hat sich die Arbeit verändert? Was hat sich bei der Auswahl gewandelt?
"Seit 29 Jahren geht es immer um die Suche nach der größtmöglichen Qualität. An diesem Ringen hat sich nichts geändert, es ist nicht weniger Arbeit geworden, aber ich bin ruhiger geworden. Ich weiß heute besser, was ich da tue. Vor allem hatte ich die Chance, mit einem sehr guten bestehenden Team zusammenzuarbeiten und dieses Team zu erweitern.
Dazu kommen ein paar Sachen, die es vorher so nicht gab: Zum einen 14plus als eigenständiger Wettbewerb, der vom Publikum und den Medien gut wahrgenommen wird. Zum anderen haben wir die Zusammenarbeit mit den Schulen noch mehr verstärkt, indem wir uns als Kinderfilmfest der Berlinale im besten Sinne als Dienstleister präsentieren und fast alles dafür tun, dass Lehrer mit ihren Schulklassen und Eltern mit ihren Kindern so leicht wie möglich Zugriff auf die Filme haben.
Im letzten Jahr haben wir z. B. ein Pilotprojekt mit Berliner Schulen gestartet: 25 Lehrerinnen und Lehrer konnten sich die Filme vorher in den Pressevorführungen ansehen und danach – noch vor Beginn des Festivals – mit einem von der Berlinale gestellten Medienpädagogen Konzepte für die Präsentation im Unterricht entwickeln. Die Lehrerinnen und Lehrer suchen sich genau die Filme aus, die im Februar auch in ihr Unterrichtsangebot passen, um dann ein Konzept für ihre Schulklasse zu entwickeln. Das hat 2005 ungeheuer gut funktioniert. Gleich nach der offiziellen Gründung von 'Vision Kino' ist es zu einem Schulterschluss gekommen und seit diesem Jahr erhalten wir von ihnen Unterstützung, so dass wir 2006 statt 25 nun 45 Lehrerinnen und Lehrern ein solches Angebot machen können.
Außerdem haben wir für das Fachpublikum die Kinderfilmfest-Lounge eingeführt, dort kann man sich zu Gesprächen und Interviews mit den Premierengästen des Tages verabreden. Für mich persönlich hat sich vom Profil her geändert, dass ich dieses Jahr schon zum zweiten Mal wie alle anderen Sektionsleiter mit im Auswahlgremium des Berlinale-Wettbewerbs sitze. Dadurch verbessert sich die Anbindung an die anderen Sektionen und unser Blick aufs Gesamtprogramm."

Im zweiten Jahr haben Sie 14plus eingeführt ...
"Das war auch eine Idee, die jedem sofort eingeleuchtet hat. Wenn man jahrelang ein Publikum bis zum Alter von 13 oder 14 Jahren neugierig und gierig auf tolles Weltkino macht und ihnen dann sagt, jetzt müsst ihr ein paar Jahre warten, bis ihr mit 18 wieder zur Berlinale dürft, ist das Unsinn. Diese Lücke musste einfach geschlossen werden."

Beim Jahreswechsel betreibt man gerne Rückschau: Das Kinojahr 2005 war für den deutschen Kinderfilm kein schlechtes Jahr. Mir fallen gleich sechs Filme ein: "Felix – Ein Hase auf Weltreise", "Die wilden Kerle 2", "Der Dolch des Batu Khan", "Der kleine Eisbär 2", "Der Schatz der weißen Falken" und "Es ist ein Elch entsprungen". Trotzdem gab es beim Kinderfilmfest im Jahr 2005 keinen deutschen Kinderfilm im Programm. Wo liegen da die Schwierigkeiten?
"Das ist meistens ein Timing-Problem. 2005 lag für unsere Auswahl nicht viel vor, aber das wird 2006 anders sein, das habe ich damals auch schon so gesagt, denn es war allgemein bekannt, was gerade in Produktion war. Neben den bereits angekündigten deutschen Spiel- und Kurzfilm-Produktionen wird es sicher noch den einen oder anderen überraschenden Namen geben. Ansonsten beteilige ich mich absolut nicht an der Branchenschelte, die hier anscheinend sehr gerne betrieben wird. Geld für Kinderfilme fehlt nicht, wenn es einen Mangel gibt, dann sind es vernünftige Vertriebswege für Filme, die nicht Bestseller-Verfilmungen sind oder etablierte Markennamen aufgreifen."

14plus gibt es 2006 zum dritten Mal: Hat das Programm die von Ihnen avisierte Zielgruppe erreicht?
"Diese Zielgruppe ins Kino zu bekommen, ist eine ganz harte Arbeit. Wenn man einer ersten Klasse ein Programm schickt und sagt, kommen sie zum Kinderfilmfest, dann wollen die Lehrer wissen, wie das mit den Tickets funktioniert und schon haben wir sie im Kino. Wenn wir aber eine Klasse mit 16-jährigen Berufsschülern ansprechen, hören wir gelegentlich, dass die Lehrer froh sind, wenn sie ihre Klassen auf dem Schulgelände beisammen haben. Die wollen dann nichts weniger, als mit der Klasse die Schule verlassen und zum Kudamm reisen."

Unabhängig von diesen Problemen: Reicht es aus, Filme des Programms in englischsprachiger Originalfassung oder mit englischen Untertiteln vorzuführen?
"Wir bekommen das Feedback, dass das für die Zuschauer viel weniger ein Problem ist, als allgemein angenommen wird. Die Lehrer sollten z. B. ihre Hauptschüler nicht unterschätzen, denn jeder in dem Alter kann mehr Englisch als er denkt. Wir machen also mehr gute als schlechte Erfahrungen. Film ist unendlich viel mehr als Dialoge verstehen, gleichwohl ist uns klar, dass die Sprache für bestimmte Gruppen eine hohe Hürde bedeuten kann. Für die versuchen wir immer, einen deutschen Film oder einen untertitelten Film im Programm zu haben. Außerdem verweisen wir auch gerne auf Filme beim Kinderfilmfest, die dort mit deutscher Einsprache gezeigt werden. Auch Klassen, die sich das Englische nicht zutrauen, finden etwas im Programm. Den Vorwurf, wir grenzten bestimmte Schichten aus, weise ich also mit aller Entschiedenheit zurück."

Jahr für Jahr sehen Sie ein paar hundert Filme: Welche Auswirkungen hat dies auf Ihre Arbeit als Dramaturg? Schlagen Sie da die Hände über dem Kopf zusammen?
"Meine Grundgeste! Denn von fünfzig Filmen ist im Durchschnitt einer richtig toll und über fünf kann man reden. Beim Rest denkt man: um Gottes willen! Das ist beim Evaluieren der Stoffe beim Kuratorium junger deutscher Film, was ich immer noch mache, genauso wie beim Sichten fertig gestellter Filme. Um einen wirklich guten Film zu bekommen, muss man ganz viele schlechte erleiden. Eine gute Dramaturgie ist viel wert, aber ein guter Film ist meistens auch mehr als nur Handwerk und immer wieder ein Wunder. Ansonsten gilt: Eine korrekte Dramaturgie steht einem erfolgreichen Film mit Sicherheit nicht im Wege."

Deshalb verantworten Sie neben dem Kinderfilmfest auch Sommer- und Winterakademien "Drehbuchschreiben für Kinderfilme" in Mitteldeutschland ...
"Ich bin schon relativ lange als Dramaturg mit dem speziellen Fokus Kinderfilm unterwegs, dazu kommt die Arbeit beim Kinderfilmfest und das alles bündelt sich in meiner Mitgliedschaft im Förderverein Deutscher Kinderfilm. Mit anderen Mitgliedern des Vereins hat es immer wieder Diskussionen darüber gegeben, warum sich die Autoren für Kinder nicht mehr einfallen lassen und warum sie sich nicht darum kümmern, wie das Medienverhalten der Kinder heute wirklich ist. Daraus wurde dann die Idee geboren, die Akademien anzubieten, wo Autoren eine originale Spielfilmidee für Kinder weiter entwickeln können. Im Augenblick sind wir dabei, dieses Projekt in Thüringen in eine Akademie für Kindermedien umzugestalten, die 2006 an den Start gehen soll. Die wird sich dann nicht nur um Spielfilmautoren kümmern, sondern auch um Serienautoren und um Autoren für interaktive Formate. Kinder nutzen Medien in ganz anderen Ecken, auch solche, die tendenziell eher missbilligt werden: An der Konsole, auf dem Gameboy und dem Handy. Da findet überall Mediennutzung statt und das ist in den letzten Jahren von wohlmeinenden Kultur-Menschen komplett vernachlässigt worden. Nur ein bis zwei Prozent der Spielanwendungen kommen aus Deutschland, der Rest aus Japan und Amerika."

Zum Schluss noch eine Traumfrage: Was würden Sie sich von der guten Fee fürs Kinderfilmfest wünschen?
"Das sind ja immer drei Wünsche, die man da hat. Erstmal, dass es in dieser Form mit der Einbettung im großen Festival Berlinale weitergeht. Zweiter Wunsch: Wir sind in allem stark vom Geld abhängig, denn alle Veränderungen, über die wir gesprochen haben, waren und sind vom Budget abhängig. Überall muss also sorgsam gehaushaltet werden, aber beim Kinderfilmfest darf nicht gespart werden. Der dritte Wunsch ist der unrealistischste: Das Kinderfilmfest soll weiterhin im Zoo-Palast stattfinden. Und wenn ich mich auf einen Wunsch reduzieren müsste, dann wäre es dieses: Das Wunder vom Kinderfilmfest im Zoo-Palast."

Mit Thomas Hailer sprach Manfred Hobsch

 

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