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Ausgabe 111-3/2007

"Die Spitze des Eisbergs"

Gespräch mit Eitan Anner, Regisseur und Drehbuchautor der israelischen Produktion "Love & Dance"

(Interview zum Film LOVE & DANCE)

KJK: Zu allen Zeiten wurden Filme über das Tanzen gemacht. Was ist so reizvoll daran?
Eitan Anner: "Es liegt an der Natur dieses Mediums: Die Filmkamera ist verliebt in das Tanzen, das Jagen, die Gewalt und die Liebe."

Wann sind Sie auf die Idee für Ihren Tanzfilm gekommen?
"Auf einer Hochzeit im Jahre 2001. Da haben zwei Elfjährige eine Rumba aufgeführt und mich, der ich bis dahin noch nie einen Standardtanz gesehen hatte, hat der Blitz getroffen. Mir war auf der Stelle klar, dass ich darüber einen Film machen wollte."

Erzählen Sie uns bitte etwas über das Casting und Ihre Darsteller.
"Ich habe das ganze Land abgesucht nach Kindern, die tanzen konnten – egal ob klassisch oder modern. Auf diese Weise fand ich die Mädchen und David, der den 'Bösen' spielt. Vladimir habe ich erst viel später gefunden – ich hatte schon fast die Hoffnung verloren, den Darsteller für meine Hauptrolle zu finden. Vladimir hatte noch nie getanzt, aber er hat kleine Rollen im Kinderfernsehen gespielt und deshalb hat ihn sein Agent zum Vorspielen geschickt. Damals hatte er einen fürchterlichen Haarschnitt und seine Ohren standen gewaltig ab, aber er strahlte eine solche emotionale Intelligenz aus – wir wussten sofort, dass er unser Chen ist.
Yevgenya Dodina musste natürlich nicht vorspielen, ich habe die Rolle der Tanzlehrerin für sie geschrieben. Sie ist der Star der weltberühmten russisch-israelischen Theatergruppe 'Gesher' und wird demnächst an der Seite von Willem Dafoe und Jeff Goldbloom in Paul Schraders Film 'Adam resurrected' spielen. Er erzählt darin von Überlebenden des Holocaust und wird von Ehud Bleiberg produziert, einem der Produzenten meines Films. Oksana Korostyshevskaya ist eine russische Schauspielerin, die in Moskau lebt. Ich habe sie in einem russischen Film gesehen, dessen englischer Titel 'The Fool' ist, und war total begeistert von ihr. Obwohl sie hebräisch sprechen sollte, habe ich sie sofort als Chens Mutter engagiert. Und sein Vater Avi Kushnir, der einzige Israeli in diesem Film, ist der bekannteste Komödiant im israelischen Fernsehen. Dass er hier den Macho mit ausgeprägter Abneigung gegen das Tanzen gibt, ist bei uns eine kleine ironische Pointe, weil er im Fernsehen unter anderem als Gastgeber einer außerordentlich erfolgreichen Tanz-Show auftritt."

Wie beurteilen Sie die Situation russischer Emigranten in Israel?
"Das ist ein weites Feld und in diesem Film sieht man gerade die Spitze des Eisbergs. Seit dem Berliner Mauerfall sind mindestens eine Million Russen zu uns gekommen und im großen Ganzen wird ihre Einwanderung als eine echte Erfolgsgeschichte betrachtet. Mit Ausnahme des kulturellen Aspekts. Bis die Russen zu uns kamen, war die israelische Gesellschaft ein wahrer Schmelztiegel: aus allen Ecken der Welt kamen die Immigranten und sie wurden gut aufgenommen. Im Gegenzug für ihre Integration in die israelische Gesellschaft erwartete man aber, dass sie sich anpassten und ihre eigene Kultur 'draußen vor der Tür' ließen. Die Russen haben das abgelehnt. Dadurch fühlen sich die 'einheimischen' Israelis zurückgestoßen und sie beobachten mit großem Misstrauen, wie die Russen auf ihre Eigenständigkeit pochen, ihr kulturelles Erbe pflegen, ihr eigenes Leben führen und weiterhin Russisch sprechen. Die Ausnahme von der Regel sind Kinder wie Vladimir und Valeria: sie sind zutiefst beides, Israelis und Russen."

Wenn ich an die latente Gewalt in der Szene denke, in der die russische Tanzgruppe von den Israelis hinter dem Sportfeld heftig beschimpft wird, stellt sich die Frage, ob es sich hier nicht doch um Rassismus handelt?
"Rassismus ist nicht der richtige Ausdruck dafür. In dieser Schrei-Szene geht es darum, dass die 'Einheimischen' ihre Abneigung gegen den Standardtanz, die ausgefallene Kleidung, kurz die Eigenständigkeit der russischen Gemeinschaft lautstark zum Ausdruck bringen. Das ist ein realistischer, vulgärer aber nicht gewalttätiger Protest gegen die russischen Israelis, die sich von der israelischen Gesellschaft so stark abschotten. Aber unabhängig davon – es stimmt schon, dass die israelische Gesellschaft gewalttätig ist. Jede Meinungsverschiedenheit kann zu handgreiflichen Auseinandersetzungen führen, die kulturellen Unterschiede natürlich auch, wenn auch nicht gerade jeden Tag. Für meinen Protagonisten Chen ist die Frage nach der kulturellen Identität ganz akut, weil er die Grenze zwischen den Kulturen am eigenen Leib erfährt; sie geht mitten durch ihn hindurch."

Ihr Film, in dem abwechselnd russisch und hebräisch gesprochen wird, wurde auch zweisprachig untertitelt. Warum?
"Viele der erwachsenen russischen Israelis können nicht so gut hebräisch, dass sie die übersetzten Untertitel so schnell lesen können. Ich wollte aber, dass sie der Geschichte mühelos folgen können."

Wie sind Sie denn zum Film gekommen?
"Ganz zufällig. Auf dem Gymnasium hatte ich eine Freundin, deren Vater Fernseh-Regisseur war. Er war sehr nett und nahm mich gelegentlich mit zum Set. Wahrscheinlich hat mich da der Film-Virus befallen. Ja, und dann habe ich auf der Sam Spiegel Film & Fernsehschule studiert, diverse Fernsehsachen geschrieben und auch Regie geführt. Meinen ersten Spielfilm, eine lustige Dreiecksgeschichte von und mit Dalit Kahan um eine 30-jährige Kunststudentin habe ich 2004 inszeniert. 'Riki Riki' wurde ein Jahr später als bester Film auf dem Filmfestival in Toronto ausgezeichnet. Für 'Love & Dance' habe ich jetzt auch das Drehbuch geschrieben. Der Film war bei uns ein großer Erfolg, an der Kino-Kasse und als DVD, in Wien hat er den Preis der Kinderjury bekommen und auch in Moskau und Rom ist er gut angekommen."

Wie viel Geld und wie viel Zeit hatten Sie dafür?
"Das Budget betrug eine Million Dollar. Für das Script habe ich drei Jahre gebraucht, für das Casting sechs Monate, für die Dreharbeiten 23 Tage und noch mal ein halbes Jahr für die Fertigstellung."

Haben Sie Vorbilder und gibt es ein nächstes Projekt?
"Meine Idole sind Fellini, Kusturica, Altman, Michalkov, Wong Kar Wai und Almodovar. Über mein nächstes Projekt möchte ich aber noch nicht sprechen, dafür ist es ein bisschen zu früh. Aber ich möchte noch sagen, wie aufgeregt ich bin, dass mein Film in Deutschland im Kino gezeigt wird und ich drücke beide Daumen, dass das Publikum den Film mag."

Mit Eitan Anner sprach Uta Beth

 

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