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Ausgabe 111-3/2007

"Kinderfernsehen braucht eine provokante Seite, um wahrgenommen zu werden"

Gespräch mit Gert K. Müntefering

Interview

Ki.Ka, der Kinderkanal von ARD und ZDF, feierte Anfang Juli 2007 mit einem großen Fest in Erfurt sein zehnjähriges Bestehen. Anlass genug für Gert K. Müntefering, einem der Gründungsväter und auch acht Jahre nach seinem Abschied vom WDR noch hoch geachtet in der Branche, ein kritisches Fazit zu ziehen; verbunden mit Konsequenzen, die nicht allen gefallen werden.

 

Zur Person

Gert K. Müntefering (72) galt lange als graue Eminenz des Kinderfernsehens. Er ist Erfinder der "Sendung mit der Maus", noch heute die bei Vorschulkindern und Eltern beliebteste Kindersendung. In seiner Ära erhielt das Kinderprogramm des WDR eine Vielzahl von Preisen, unter anderem einen Grimme-Preis für "Luzie, Schrecken der Straße" und zwei "Bambi". Gemeinsam mit Susanne Müller (ZDF) rief er 1997 den Kinderkanal ins Leben. 1999 hat Müntefering den WDR nach 36 Jahren Mitarbeit verlassen; zuletzt war er Leiter des Programmbereichs Tagesprogramme. Seit Dezember 2000 ist er Honorarprofessor im Fachbereich Erziehungswissenschaft / Humanwissenschaften an der Universität Kassel. Vierzig Jahre nach seinen legendären "10 Thesen zum Kinderfernsehen" wies Müntefering im Rahmen der internationalen Ringvorlesung "Medienforschung und Medienkultur", einem Begleitprogramm zur Kasseler documenta 12, nun erstmals öffentlich auf das "Verschwinden des Kinderfernsehens" hin.

KJK: Herr Müntefering, Ki.Ka, Super RTL und Nick zeigen Kinderfernsehen rund um die Uhr. Trotzdem sprechen Sie vom "Verschwinden des Kinderfernsehens". Warum?
Gert K. Müntefering: "Weil Kinderfernsehen keine Frage der Quantität sein darf. Viel entscheidender ist doch, ob es von Zeit zu Zeit herausfordernde Themen gibt, spannend gemachte Geschichten, neue Ideen, die sich auf besondere Weise entfalten und Fragen provozieren: 'Ist es überhaupt sinnvoll, dass sich die Kinder so was ansehen? Warum lehnen wir das ab?' Solche Debatten werden nicht mehr geführt. Quantität gibt es sicher genug, aber das Kinderfernsehen spielt in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle mehr."

An welche Debatten in der Vergangenheit denken Sie da?
"Angefangen hat es mit dem Schutzgedanken: Dürfen Kinder überhaupt fernsehen, und wenn ja: wie viel und ab welchem Alter?"

Das ist aber schon lange her.
"Und trotzdem eine Tatsache, über die sich alle jungen Eltern immer wieder aufs Neue Gedanken machen. Weiter ging's mit der Frage, was das Fernsehen bewirken kann. Die 'Sesamstraße' steht bis heute für eine Art von Programm, das unterprivilegierte Kinder fördern kann. Es gab auch innerhalb der Sender ständige Diskussionen, weil die gefundenen Antworten in der jeweils nächsten Epoche wieder hinterfragt wurden; nicht immer zur Freude der Redaktion übrigens. Wir haben uns öffentlich und kontinuierlich mit der Art, dem Inhalt und der Systematik des Fernsehens beschäftigen müssen."

Die letzte große Aufregung gab's um die "Teletubbies", und das war vor acht Jahren. Aber kann man das nicht auch als gutes Zeichen interpretieren?
"Nein, ich halte das eher für ein Zeichen von Gleichgültigkeit."

Vielleicht sind die Eltern ja einfach bloß zufrieden mit dem Programm des Kinderkanals.
"Und die klassische Literatur erzählt für alle Zeiten die Geschichten einer immer wieder neuen Gegenwart, und riskante innovative Programmentwicklungen wandern automatisch ins Archiv? Das kann es doch nicht sein. Natürlich muss es ein solides, vernünftiges Angebot geben, das zuverlässig einen bestimmten Rhythmus und eine bestimmte Qualität garantiert. Aber Kinderfernsehen ist ja auch Kind seiner Zeit und hat daher ebenso wie das Programm für Erwachsene den Auftrag, mit dieser Zeit zu gehen. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse müssen programmlich angenommen und entwickelt sowie als Kinderfernsehen auch Bestandteil des Fernsehens für Erwachsene werden."

Sie sehen also zwei Baustellen: Das Kinderfernsehen stagniert, inhaltlich und qualitativ, und außerdem soll sich das Abendprogramm für junge Zielgruppen öffnen?
"Ich sehe sogar drei Baustellen: Selbst wenn man das Kinderprogramm für akzeptabel hielte, so vermisse ich trotzdem eine öffentliche Wahrnehmung, eine ästhetische Auseinandersetzung etwa mit einer grafischen Entwicklung oder einem aufregenden Stoff. Und solch eine Auseinandersetzung möchte ich gern auch mal bei 'Kulturzeit' auf 3sat sehen. Es genügt nicht zu wissen, dass es einen sicheren Ort gibt, an dem ich meine Kinder unbesorgt parken kann."

Warum finden solche Auseinandersetzungen nicht statt?
"Weil Kinderfernsehen weder als Beitrag zur Kultur noch zum Konsum betrachtet wird. In den Kulturredaktionen interessiert man sich für Literatur, Theater, Kino, Bildende Kunst und vielleicht noch für jenen Teil der Politik, der diese Bereiche tangiert."

Andererseits: Wenn das Kinderfernsehen keine Zeichen setzt, gibt es auch wenig Grund, darauf zu reagieren.
"Doch. Man könnte zum Beispiel die Frage stellen, ob die Programmideen, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben, noch für die Gegenwart belastungsfähig sind; von der Zukunft ganz zu schweigen. Ich bezweifle außerdem, dass die Kinderstrecken, die ARD und ZDF an den Wochenenden zeigen, langfristig genug Publikum haben, um aus programmplanerischer Sicht noch als erfolgreich zu gelten. Wie wär's mit einer Alternative: Der Ki.Ka bleibt das Programm fürs Bewährte, inklusive der Aufforderung, dieses Bewährte immer wieder in Frage zu stellen. Die Kinderfernseh-Budgets von ARD und ZDF hingegen werden gezielt dafür eingesetzt, mit innovativer Kraft eine auf kleine Fläche konzentrierte Entwicklung zu betreiben."

ARD und ZDF als Experimentierstrecke?
"Der Kinderkanal verwaltet das Bewährte ja gut, aber er schafft eben keine öffentliche Diskussion, wie ich sie eben beschrieben habe. Kinderfernsehen braucht eine provokante Seite, um wahrgenommen zu werden. Die 'Vorstadtkrokodile' nach Max von der Grün (1977) zum Beispiel: Das war eine Koproduktion zwischen dem Kinderfernsehen und dem Fernsehspiel und ist auf beiden Programmplätzen gelaufen."

Sie denken an Familienfernsehen?
"Natürlich! ARD und ZDF machen einen Fehler, wenn sie ihre reichen Ressourcen im Erzählen und in der Dokumentation im Kinder- und Familienfernsehen nicht auch auf ihre kostbare Fernsehzeit im Hauptprogramm anwenden. Im Fernsehspiel an langen Winterabenden und zur Ferienzeit im Sommer fehlen diese Abenteuer, wie sie früher selbstverständlich waren. So wie 'Zwei Jahre Ferien' vom ZDF. Auch 'Der kleine Lord' war mal jung."

Und im Ki.Ka ...
"... wird das erst ein Jahr später gezeigt. Die sollen ruhig sauer sein."

War denn die Ki.Ka-Gründung ein Fehler?
"Nur, wenn ARD und ZDF glauben, der Kinderkanal sei die eigentliche Mandatsadresse des Kinderfernsehens."

Aber Ihnen muss doch damals bei der Gründung des Kinderkanals klar gewesen sein, dass die Hauptprogramme sämtliche Forderungen ans Kinderfernsehen Richtung Ki.Ka weiterleiten werden!
"Das dürfen und sollen sie ja auch. Es ist nichts dagegen zu sagen, dass der Ki.Ka für 90 Prozent des öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehens steht. Entscheidend sind die letzten 10 Prozent. Ich fände es geradezu selbstmörderisch, wenn ARD und ZDF diese 10 Prozent nicht als Chance betrachten würden. Die beiden Programme hören ja auch nicht auf, Dokumentationen zu zeigen, nur weil es Phoenix gibt."

Dabei sind Kinder doch, wie die ARD kürzlich viel hundertfach betont hat, Zukunft.
"Für eine Woche war das vielleicht genug, aber das Jahr hat ja noch 51 weitere Wochen. Ich konnte schon früher mit solchen Slogans nichts anfangen. Ich war immer der Meinung, Kinder sind Gegenwart."

Interview: Tilmann P. Gangloff

 

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