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Ausgabe 112-4/2007

MADE IN GDR

Produktion: IT WORKS! medien GmbH; Deutschland 2006 – Regie und Drehbuch: Olaf Kaiser – Kamera: Matthias Tschiedel – Schnitt: Sabine Brose – Länge: 90 Min. – Verleih: defa-spektrum Filmverleih – Altersempfehlung: ab 12 J.

Olaf Kaiser sucht in seinem Dokumentarfilm nach Spuren einer Generation, die in der DDR nach dem Mauerbau geboren wurde, deren Erwachsenwerden durch das sozialistische Gesellschaftsmodell östlich der Elbe geprägt worden war und die nach 1989 ihren Platz im wiedervereinten Deutschland finden musste.

Kaiser nutzt einen interessanten Anknüpfungspunkt, indem er auf eine Sendung des DDR-Fernsehens aus den Jahren 1974 bis 1978, den "Jugendfilmklub", eingeht, an der er als Jugendlicher selbst beteiligt war. Fast 30 Jahre später begibt er sich auf eine Spurensuche nach den Lebenswegen von sieben damaligen Protagonisten der Sendung. Als Ausgangspunkt dienen ihm Ausschnitte aus den einstigen Diskussionen zu ausgewählten Filmen, die viel über die Denkweise, die Fragen und das Lebensgefühl damaliger Jugendlicher in der DDR aussagen. Die Klubsendung als solche ist eine interessante Entdeckung, weil hier deutlich wird, wie Filmgespräche im Sinne von Selbstverständigung und Orientierung genutzt werden können. Einem solchen Aspekt geht der Film aber nicht weiter nach. Auch die eingeblendeten Filmzitate sind nicht Gegenstand der Auseinandersetzung. Beides wäre sicher interessant gewesen, doch Kaiser sieht darin lediglich einen Ausgangspunkt und einen atmosphärischen Rahmen für seine Generationsporträts.

Christine und Dieter waren zu Zeiten des "Jugendfilmklubs" ein Paar. Nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter trennten sich ihre Lebenswege und beide hörten seither nichts mehr voneinander. Vor der Kamera erfährt Dieter nun, dass er inzwischen Opa eines ihm unbekannten Enkels ist. Dirk studierte in Ost-Berlin Schauspielkunst, verließ 1984 gemeinsam mit seinem Malerfreund Heiko die DDR und starb zehn Jahre später an AIDS. Stephan beurteilte einst die Welt hoch moralisierend, heute wirkt er ernüchtert und will sich kaum noch an seine damaligen Maßstäbe erinnern. Auch Kirsten, die einstige Jugendliebe von Olaf Kaiser, blickt heute sehr abgeklärt auf die Welt und sie scheint froh, dass sie als alleinerziehende Mutter eines elfjährigen Sohns das Leben einigermaßen zufriedenstellend organisieren kann. Anders Marian, der schon in den 70er-Jahren vor Lebensplänen förmlich übersprudelte und nach wie vor höchst neugierig auf die Welt ist. Zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen durchquerte er gerade mit dem Fahrrad Nord- und Südamerika.

Ausgerechnet dieser Querdenker muss sich mit der Schuld, IM der Staatssicherheit gewesen zu sein, auseinander setzen. Am deutlichsten kann Stefan seinen bisherigen Lebensweg reflektieren. Der Sohn jüdisch-kommunistischer Eltern und entsprechend erzogen, geriet zu dem, was sich "realer Sozialismus" nannte, zunehmend in Konflikt und flüchtete noch vor der Maueröffnung in den Westen. Der einstige Philosophiestudent arbeitet inzwischen in Aachen bei einer Versicherung und hat seine Liebe zu guten Büchern kultiviert.

Der Film geht auf die vielfach geäußerte Forderung ein, Ost- und West-Deutsche sollten sich ihre Biografie erzählen, um einander besser verstehen zu können. Hierin liegt auch sein besonderer Wert. Ob er darüber hinaus als ein Generationsporträt gelten kann, sei dahingestellt. Dafür ist der gewählte Personenkreis sicher nicht repräsentativ genug und Kaisers Fragestellungen sind zudem zu wenig strukturiert. Allerdings wird in der Begegnung mit den Protagonisten eines deutlich: Individuelles Leben ist weitaus vielschichtiger und differenzierter, als dies durch die Klischee-Brille erkennbar wäre. Die acht vorgestellten "Ossis" können in ihrer heutigen Lebensposition und in ihrer Weltsicht kaum unterschiedlicher sein. Lediglich der Umstand, dass keiner von ihnen gesellschaftspolitische Ambitionen erkennen lässt, könnte eine alle erfassende Klammer bilden.

Diese würde dann auch auf eine wichtige gemeinsame Wurzel ihrer Herkunft deuten. Wie die Ausschnitte aus den Diskussionsrunden des "Jugendfilmklubs" zeigen, war gesellschaftspolitisches Denken in der DDR permanent gefordert. Die jetzige diesbezügliche Abstinenz mag Teil des daher rührenden Phantomschmerzes sein. Auf der anderen Seite gehört es aber auch zu den allgemeinen Lebenserfahrungen, dass die individuelle Gestaltung des Alltags, die Suche nach persönlichem Glück und subjektiver Erfüllung weitaus komplizierter ist, als dies durch ständigen Verweis auf die Belange der Allgemeinheit zu gewinnen wäre. Solche Erkenntnis stellt sich zwangsläufig mit wachsendem Lebensalter ein, ist aber im Falle einer DDR-Sozialisierung von besonders einschneidender Bedeutung. Leider sind Kaisers Fragen insgesamt viel zu unverbindlich, als dass sich in der Gesamtsicht diesbezüglich signifikante Differenzierungen hätten ergeben können. Der Regisseur verharrt weitgehend im gemütlichen Plauderton eines Klassentreffens. Die Begegnung als solche scheint ihm zu genügen. Das ist auf den ersten Blick recht interessant, weil es authentisch wirkt, bleibt schließlich aber doch weitgehend an der Oberfläche.

Eine größere Tiefe wäre möglich gewesen, wenn Kaiser auch Fragen an sich selbst hätte erkennen lassen. Doch hier hält er sich bedauerlicherweise bedeckt. Insofern wirkt es etwas vordergründig spektakulär, wenn er vor laufender Kamera Marian mit dessen Stasiakte konfrontiert oder Dieter mitteilt, dass dieser Opa sei. Hier werden jeweils dunkle Punkte in der Biografie der einstigen Freunde angesprochen. Das ist heikel, wäre allerdings zu vertreten, wenn sich damit weitergehende Fragen zu den Themen Verrat, Liebe, Verantwortung etc. verbinden würden. Über solche Aspekte hätte Kaiser auch mit seiner Jugendliebe Kirsten sprechen können. Stattdessen wirkt die Begegnung mit ihr wie ein spätes und zudem ziemlich gockelhaftes Werbegespräch nach dem Scheitern einer 24-jährigen anderen Ehe. Angesichts dessen verwundert es nicht, wenn sich Kirsten deutlich zurückhält.

"Irgendwann wird' ich mal etwas ganz Großes tun" – diese Songzeile der Renft-Combo wird im Film mehrfach zitiert. Die Worte symbolisieren sowohl einen Traum, den viele DDR-Jugendliche hatten, sie greifen aber auch eine Aufforderung auf, die allenthalben an die jungen Leute herangetragen wurden. Angesichts verplanter Leben hinter der Mauer schwingt in diesen Zeilen deutlich ein nicht zu verkennender Hauch bitterer Ironie mit. Die damit verbundenen Fragen und Antworten kann sich der Zuschauer – angeregt durch den Film – suchen. Gern hätte man diese aber mit entsprechenden Aussagen der Protagonisten verglichen. Hier wäre eine intensivere Auseinandersetzung mit den Diskussionsrunden im einstigen "Jugendfilmklub" unter Einbeziehung des damaligen Moderators Uwe Römhild sicher hilfreich gewesen. Gleiches gilt mit Blick auf die Filmzitate, die mit ihren oftmals hochmoralischen Botschaften mehr Potenzial bieten, als lediglich Stimmungen zu untermalen.

Klaus-Dieter Felsmann

 

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