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Ausgabe 112-4/2007

"Ein Dokumentarfilm wäre vielleicht ein wenig abschreckender geworden"

Gespräch mit Darren Ashton, Regisseur und Co-Autor der australischen Produktion "Razzle Dazzle"

(Interview zum Film RAZZLE DAZZLE)

KJK: "Razzle Dazzle" lässt sich kaum übersetzen. Gemeint ist wohl so was wie Verzauberung, Hokuspokus. Wie kommt es zu diesem Titel?
Darren Ashton: "Er stammt aus 'Chicago', dem bekannten amerikanischen Musical aus den 70er-Jahren, in dem es heißt: 'Give them the old razzle dazzle'. Wir haben diesen Song durch unseren Mr. Jonathon noch mal interpretieren lassen, aber es dann doch nicht mit rein genommen. Im Gegensatz zu allen anderen habe ich den Titel selbst nie gemocht – aber es macht schon Sinn, weil 'Razzle Dazzle' für Kenner dieser Szene ein Begriff ist."

Was ist so interessant an dieser Szene?
"Die Welt der Tanz-Wettbewerbe ist in Australien ziemlich einzigartig, auch in Großbritannien. Von dieser Welt weiß man eigentlich nichts. Sie fasziniert uns und ist doch wie jede andere Welt, in der man sich in hartem Konkurrenzkampf behaupten muss."

"Razzle Dazzle" ist ein sogenanntes Mockumentary – ein fiktionaler Dokumentarfilm mit satirischer Überspitzung.
"Ja, die Geschichte ist total erfunden, aber sie sollte aussehen wie eine Dokumentation. Deshalb haben wir immer mit zwei Kameras gleichzeitig gearbeitet, bei den Massenszenen mit vier, wir haben unscharfe Bilder in Kauf genommen und keine Szenen wiederholt. Um eine größtmögliche Spontaneität zu erreichen, hat auch keines der Kinder je ein Drehbuch gesehen. Was sie spielen sollten, haben wir ihnen erst kurz vor der Aufnahme erklärt. Ich mag den Mockumentary-Stil und hatte damit schon 1999 mit meinem Kurzfilm 'The Extra' Erfolg. Diese sehr unterhaltsame Form bot sich auch hier an, weil sich damit die 'Razzle Dazzle'-Welt universeller darstellen lässt, kritisch und freundlich zugleich."

Ein Spielfilm verbot sich wahrscheinlich auch wegen der Kosten und in einem echten Dokumentarfilm hätten Sie wohl kaum so viel pointierte Szenen und witzige Aussagen bekommen, oder?
"Doch, da wäre sicher lustiges Material zusammengekommen, aber ein Dokumentarfilm wäre vielleicht ein wenig abschreckender geworden und ich wollte ja nicht über diese Welt urteilen. Dafür mag ich sie viel zu sehr. Zumal meine jüngere Tochter auch mit fünf Jahren zum Tanzen gekommen ist und sie mich zu diesem Projekt inspiriert hat. Ausgangspunkt dafür war übrigens eine todtraurige Kurzgeschichte von Carolyn Wilson, meiner Frau. Da erzählt eine Mutter von ihrer Tochter, die eine begnadete Tänzerin war und alles von ihr gelernt habe. Aber dann sei sie mitten im Finale zusammengebrochen und sie, die Mutter, sei auf die Bühne gestürzt, um sie wieder auf die Beine zu bringen. Vergeblich, weshalb dann sie an ihrer Stelle weitergetanzt habe. Ihren Tanz haben wir nicht gezeigt, aber vom Charakter dieser penetranten Bühnen-Mutter aus haben wir unsere Geschichte entwickelt."

Ihre Frau hat auch das Drehbuch geschrieben, zusammen mit dem Engländer Robin Ince, da bildet der Zusammenbruch des Mädchens den dramatischen Schluss-Punkt vor dem Triumph. Wer ist Kerry Armstrong, die diese Mutter durch ihre unglaubliche Energie und Bravour so unvergesslich verkörpert?
"Kerry ist eine wundervolle Komödiantin und wahrscheinlich eine der bekanntesten australischen Schauspielerinnen – in den 80er-Jahren hat sie z. B. auch in der amerikanische Fernseh-Serie 'Der Denver Clan' mitgespielt. In Wirklichkeit ist sie das genaue Gegenteil von Justine, nämlich eine liebevolle Mutter, die sich zurücknehmen und auf die Kinder eingehen kann. Sie war uns eine große Hilfe, indem sie ihre Film-Tochter Shayni während der Schauspiel-Proben-Phase behutsam und freundschaftlich angeleitet hat. Und nie bestand sie auf ihrem Text, wenn die Kinder anders agierten als vorgesehen. Sie sah sofort, was für das Ganze wichtig war. Kerry ist übrigens auch Botschafterin der 'Cure for Life-Foundation', die krebskranken Kindern hilft."

Auch wieder ein Thema für eine Choreographie von Mr.Jonathon ...
"Das hat der Veranstalter einer Vor-Aufführung bei uns auch gesagt und gemeint, dass es noch etliche Themen und politische Diskussionen gäbe, zu denen wir den Film vorführen könnten. Mr. Jonathon war übrigens der einzige Schauspieler, den wir nicht in Australien finden konnten – diesen sehr speziellen britischen Typ haben wir in England gesucht und als Ben Miller zum Vorsprechen kam, wussten wir sofort, dass er genau der Richtige ist."

Nach welchen Kriterien wurden die Kinder ausgesucht?
"Wir haben in drei Monaten ungefähr 400 Kinder gecastet. Sie kamen aus allen möglichen Tanz-Kompanien, denn in erster Linie interessierte uns, wie sie tanzen konnten. Dann haben wir ihnen Schauspielunterricht gegeben und ein intensives Tanz-Training von drei Wochen veranstaltet. Die reine Drehzeit hat nur 27 Tage gedauert, aber da war manchmal was los, denn wir brauchten insgesamt etwa 200 Tänzer."

Wie fand denn Ihre Tochter den Film?
"Sie fand ihn lustig, meinte aber, dass er vielleicht doch mehr für Erwachsene sei. Aber ich glaube, sie hat ihn fertig noch nicht gesehen. Auf jeden Fall haben sich beide Mädchen, die ältere ist jetzt 13 und macht beim Zirkus mit, lernt dort Jonglieren usw., also beide haben sich beschwert, dass ich einfach zu viel über den Film geredet hätte."

Was sind Ihre nächsten Projekte?
"Mein nächster Film heißt 'Wrestle'. Darin zeigen wir das Milieu der Ringer in den 70er-Jahren und werfen einen satirischen Blick auf das Fernsehen, wo lauter Leute ohne Talent arbeiten. Und Carolyn schreibt bereits an einem Drehbuch, das ich danach inszenieren möchte. Da geht es um die Fans der Country-Musik. Aber eigentlich handelt der Film von der Einwanderungspolitik unserer konservativen Regierung. Von allen OECD-Ländern nimmt unser Land die geringste Anzahl von Flüchtlingen auf und natürlich nur die, die am besten ausgebildet sind. Wir hatten hier Einwanderer, von denen die Regierung gesagt hat, dass sie keine Flüchtlinge wären, sondern nur Leute, die illegal ins Land kommen wollen. Deshalb wurden sie wieder in ihre Länder zurückgeschickt und man hat nie wieder von ihnen gehört, auch ihre Familien nicht, weil sie entweder getötet oder als politische Gefangene ins Gefängnis gesteckt wurden. Amnesty International, die UN, jeder hat gesagt, dass wir das im Auge behalten müssen – und ich möchte das so herausarbeiten, dass es trotz des ernsten Themas wieder eine Komödie werden kann."

Erzählen Sie uns bitte noch was von sich selbst.
"Ich wurde 1963 geboren und habe 2004 meinen ersten Spielfilm gedreht: 'Thunderstruck', ein Roadmovie über die Lebensgeschichten von fünf AC/DC-Fans. Ich bin auf dem Land groß geworden und als ich 12 war, machte das örtliche Kino dicht. Aber Filme haben mich auch auf Video fasziniert und so wollte ich Filmemacher werden. Deshalb nahm ich nach der Schule einen Job an, kaufte mir von dem Geld die Zugfahrkarte und in der Stadt eine Kamera und machte dann tatsächlich einen Film über Höhlenmenschen. Der war richtig schlecht, aber ich versuchte trotzdem, auf eine Filmschule zu kommen. Ich bekam erste Verbindungen, die Möglichkeit, Dokumentarfilme zu machen und am Theater zu arbeiten, und daneben habe ich meinen Bachelor in Kommunikation gemacht.
Ich glaube, ich bin immer ein Geschichtenerzähler gewesen. Als Junge schon habe ich immer erzählt, vor allem Witze und komische Geschichten, weil ich in unserer doch sehr rauen Schule nicht das Glück hatte, einem Fußballteam anzugehören. Also spielte ich den Klassen-Clown und der Humor hat mich sicher durch alle Fährnisse durchgeführt. Andererseits war ich auch Schulsprecher, weil ich Ungerechtigkeiten einfach nicht ausstehen konnte. Das ist noch heute so und ich werde immer aktiv, wenn es darum geht, Freunde aus Schwierigkeiten mit der Regierung, der Stadtverwaltung, mit Versicherungsagenturen oder anderen großen Gesellschaften rauszuholen. Auf eine sehr persönliche Weise glaube ich nämlich an Gerechtigkeit. Deshalb war ich auch Präsident der Studentenvereinigung, Vorsitzender an der Uni und in meiner Arbeit versuche ich natürlich auch gegen Ungerechtigkeit anzugehen."

Das merkt man auch am Schluss Ihres Films, wenn nach dem ganzen Abspann, wo die meisten Leute sicher längst das Kino verlassen haben, noch mal die inzwischen hochschwangere Justine erscheint, auf ihren Bauch zeigt und uns verrät, dass ihr Baby das beste Rhythmus-Gefühl habe, dass sie je gespürt hat.
"Eigentlich wollten wir das schon früher bringen, aber was wir auch immer probierten, es hat jedes Mal das Ende kaputt gemacht, weil Mr. Jonathon einfach das letzte Wort haben musste. Aber ich mochte diese Szene mit Justine so gern und so haben wir sie nun an den Abspann gehängt, wo vielleicht nur wenige Leute das im Kino sehen, weil sie – wie ich auch oft – schon vorher rausgehen, aber ich bin zufrieden damit.

Mit Darren Ashton, dessen Film auf der Berlinale/Generation 2007 zu sehen war, sprach Uta Beth

 

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