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Ausgabe 112-4/2007

Marken oder Originalstoffe?

Interview

Im Rahmen des diesjährigen Münchner Filmfest veranstaltete das Kinderfilmfest in Kooperation mit dem Bundesverband Jugend und Film eine Podiumsdiskussion zum Thema "Welche Chancen haben Originalstoffe in der deutschen Kinderfilm-Produktion?". Die Diskussion verlief kontrovers. Arend Agthe, einer der erfahrensten Autoren und Regisseur vieler Kinderfilme, brach eine Lanze für Filme, denen Originalstoffe zu Grunde liegen. Mit seinen Filmen hat er Standards gesetzt, sie trugen wesentlich dazu bei, dass wir hierzulande von einer Kinderfilmkultur sprechen können.

Für KJK Spezial formulierte Arend Agthe seine bei der Podiumsdiskussion vorgetragenen bedenkenswerten Ansichten.

 

Arend Agthe wurde 1949 in Rastede geboren. Abitur in Oldenburg, Studium der Germanistik und Politik in Marburg, ab 1972 Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie in Frankfurt/Main. Daneben experimentelle Theater- und Kurzfilmarbeit. Ab 1969 Kurzfilmproduktionen mit F. K. Waechter und Robert Gernhardt. Mit Waechter, Gernhardt und Eilert Gründung eines Filmkollektivs (Arnold Hau Film, 1972). 1972-74 Mitarbeit bei Pardon. 1975 Staatsexamen. Illustrator und Mitarbeeiter an Musikfilmproduktionen der CBS.

Filme (Auswahl): "Der Bretterplanet" (1973), Serien und Produktionen für "Sesamstraße" (1976), Beiträge für das Jugendmagazin "Treffpunkt" (1977-79), "Flussfahrt mit Huhn" (1983), "Küken für Kairo" (1985), "Der Sommer des Falken", "Brausepulver"/TV-Serie (1988), "Wunderjahre" (1990), "Karakum" (1992-93), TV-Beiträge, zurzeit dreht Arend Agthe für das ZDF die Märchenverfilmung "Dornröschen".

KJK: Herr Agthe, was mögen Sie an "Marken" nicht?
Arend Agthe: "Das kann ich Ihnen nicht so einfach plakativ beantworten. Grundsätzlich ist an Marken nichts Schlechtes. Sie sind ein Stück Realität unseres Kulturlebens. Wir treten zu ihnen in Beziehung, mögen sie, lieben sie gar, oder lehnen sie ab. Marken- und Originalstoffe müssen im Grunde keine Gegensatzpaare sein. Ein guter Kinderfilm braucht beides, in ausgewogener Weise. Was wäre der deutsche Kinderfilm ohne seine Klassiker wie 'Emil und die Detektive, 'Momo' oder 'Das Sams'?"

Und trotzdem gibt es etwas, was Sie an Marken stört?
"Das liegt nicht nur an dem, was ihnen anhaftet, sondern an der ausschließlichen Art, wie mit ihnen gegenwärtig umgegangen wird, in unserer deutschen Kinderfilmkultur und in der Förderungspraxis."

Könnten Sie uns das erläutern?
"Dazu muss man sich erst einmal genau anschauen, wie sich 'Marke' definiert. Sie ist ein auf dem Markt eingeführtes Produkt und dadurch bereits in den Köpfen seiner Rezipienten vorhanden; als Buch, als Hörkassette oder als älterer Film. Die Marke funktioniert in der Regel als 'Duftmarke'. Sie ruft schnelle Assoziationen hervor und erinnert an bekannte Gefühle. Sie 'verlinkt' sich in den Köpfen von Erwachsenen und Kindern – und führt dazu, dass die Konsumenten oft lieber das eingeführte Produkt vorziehen, als sich auf Neues oder Unbekanntes einzulassen.
Für viele ist das Alt-Bekannte oft ein Garant für Sicherheit und inhaltliche Unbedenklichkeit. Dadurch ist die Marke besonders für Produzenten interessant, fällt sie doch auf bestellten Boden. Er benötigt weniger Input, sprich Werbung. Die Marke minimiert sein finanzielles Risiko und auch das des Verleihers. Und die Förderungen, egal ob regional oder überregional, schließen sich diesen rein wirtschaftlichen Kriterien gerne an."

Was ist daran schlecht?
"Nun, schlecht an der Entwicklung der letzten 5 bis 6 Jahre finde ich, dass vornehmlich wirtschaftliche Kriterien den Kinderfilmmarkt bestimmen und nicht mehr inhaltliche. Das Kriterium für einen Kinderfilm ist nicht mehr: Was erzählt er uns, wie geht er mit dem gesellschaftlichen Jetzt um, sondern: Wie minieren wir das wirtschaftliche Risiko und gewährleisten, dass sich das eingesetzte Geld amortisiert. Wir erleben parallel im Fernsehen ja bereits seit Jahren, dass sich das Diktat der Einschaltquote über alle Bereiche, auch die des Kinderfilms, erstreckt. Diese Entwicklung entspringt dem gleichen Geist: Es geht um Quantitäten statt um Qualitäten.
An der Marke haftet ein weiterer negativer Aspekt: Sie will gutes Marktprodukt sein, d. h. universell tauschbar sein. Universell tauschbar heißt aber auch: global einsetzbar. Sie zielt darauf, überall in der Welt von möglichst vielen Kindern gesehen zu werden. In China und in Grönland, in Lappland oder Madagaskar."

Aber ist es nicht genau das, was wir mit unseren Kinderfilmen erreichen wollen?
"Natürlich. Aber nicht auf Kosten des Inhalts. Kinderfilm-Marken haben die Tendenz, sich den größten gemeinsamen Nenner zu suchen. Zu spezielle Themen stören da – ebenso auch zu regionale Aspekte. Sie werden ja 'scheinbar' nicht überall verstanden. Gerne werden deshalb statt Menschen virtuelle Wesen zu Hauptdarstellern, die soziale Welt wird entpersonifiziert und in eine exotische, ahistorische transformiert. Im Grunde ist dies das Prinzip "Disney" und uns seit Jahren bekannt. Fatal finde ich nur, wenn es sich jetzt auf unsere deutsche Art und Weise Kinderfilme herzustellen erstreckt."

Wie denken Sie, lässt sich das ändern?
"Indem man sich der Sache bewusst wird und umdenkt. Und wieder anfängt sich auf das zu besinnen, was einmal den Kinderfilm stark gemacht hat. Stoffe, die mit den wirklichen Realitäten von Kindern zu tun haben.
Ich weiß, man wird die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die zur gegenwärtigen Entwicklung geführt haben, nicht von heute auf morgen aus der Welt schaffen können. Die wirtschaftliche Rezession ab 1998 hat stark dazu beigetragen und natürlich die Krise, in der die ganze Filmbranche steckte. Dazu kommen die fortschreitenden Innovationen der letzten Jahre: die digitale Entwicklung, DVD und Spielkonsolen, das Internet und all die anderen technischen Erfindungen, die zu neuen Sehgewohnheiten bei Kindern geführt haben. Ganz zu schweigen von dem Global-Kapitalismus, der dabei ist, unsere Kulturen zu nivellieren. Deshalb finde ich, dass das ausschließliche Setzen auf Marken zu einer Verarmung der Kultur und speziell des Kinderfilms führt. Weil das auf die ihm innewohnende Kraft verzichtet, aktuell zu sein. Am Puls der Zeit. An den Gefühlen und Konflikten der Kinder, für die er gemacht wird. Ich erlebe die gegenwärtige Filmszene als restaurativ und die Realität verdrängend. Die Angst vor dem Versagen, sprich Misserfolg, ist größer als die Neugierde und die Lust auf etwas Neues. Statt sich mit der Gegenwart auseinander zu setzen wird lieber Altbekanntes aufbereitet. Zum x-ten Mal Kästner, 'Wilde Kerle 5', 'TKKG', etc.
Wir hatten ein solches Kulturphänomen schon einmal, in den 50er- und 60er-Jahren. Damals definierte sich der deutsche Erwachsenenfilm über Landser-, Schlager- und Heimatfilme und der Kinderfilm über die Grimmschen Märchen. Damals kam die Erneuerung direkt von 'unten', von den Filmemachern selbst. Das Oberhausener Manifest erklärte 'Opas Kino' für tot und setzte sich mit der Realität auseinander. Damals war das der Todesstoß für das risikolose Kino der Marken und führte zu einer lang anhaltenden Belebung unserer Filmkultur. Im Sog dieser Bewegung machten sich bald auch einige Kinderfilmer auf und schlugen neue Wege jenseits des Märchenfilms ein. 'Nordsee ist Mordsee', 'Wir pfeifen auf den Gurkenkönig', 'Die Vorstadtkrokodile', um einige Titel zu nennen."

Glauben Sie, dass es heute wieder zu einer solchen Bewegung kommen könnte?
"Potenziell ja. Natürlich hätte sie heute andere Ziele als die der 68er-Generation. Weil sich eben auch eine Menge geändert hat. Die Probleme unserer Welt sind gerade für Kinder handfester und bedrohlicher geworden. Sie haben mit Armut, mit Ressourcenknappheit, mit der Arbeitslosigkeit der Eltern und der eigenen Perspektivlosigkeit, mit technischer Überforderung, mit Ungleichheit und Ungerechtigkeit, überhaupt mit ungewissen Zukunftsaussichten zu tun.
Aber diese Realität ist ja für die Erwachsenen, die heute den deutschen Kinderfilm verantworten, nicht anders. Ich meine jene Multiplikatoren, die in den Gremien sitzen und über Kinder-Filmförderung entscheiden, die Produzenten und Filmemacher, die Autoren, die Medienpädagogen, die Jugendfilmarbeiter, die Redakteure und Kritiker. Wenn es ihnen wirklich um Bereicherung und Kreativität geht, dann müssen sie umdenken und Farbe bekennen. Sie sollten zum Beispiel einmal überlegen, ob der deutsche Kinderfilm wirklich mit den amerikanischen Großprodukten Schritt halten und sich an der Kinokasse als "hard-core" Markenprodukt beweisen muss, oder ob es nicht jenseits davon eine vernünftigere und angemessene Alternative gibt."

Welche Alternativen meinen Sie?
"Warum nicht auf Kosten einer Alt-Marke vier neue Stoffe realisieren? Das setzt natürlich eine andere Förder-Praxis voraus, etwa wie in Frankreich und Dänemark. Dort genießen Originalstoffe den Schutz einer Quote. Und wie ich aus den Akademien höre, gibt es bei uns reichlich gute neue Stoffe, die keine Chance haben realisiert zu werden, weil als Autor kein 'Kästner', 'Funke' oder 'Donelly' darunter stehen. Dabei haben einige der letzten 'Marken-Filme', die im Schnitt Budgets von 4 bis 6 Millionen Euro hatten, ihre Herstellungskosten nicht eingespielt, 'Die Wilden Hühner 2' zum Beispiel, 'Rennschwein Rudi Rüssel 2', oder 'TKKG'. Für jeden dieser Filme aber hätte man drei bis vier kleinere, denen originale Stoffe zu Grunde liegen, realisieren können.
Ich finde, hier sind die gefragt, die mit den Subventionsgeldern der Förderung umgehen. Denn in der Idee der Subvention steckt meines Erachtens auch die Freiheit und die Verantwortung, nicht ausschließlich nach marktstrategischen Gesichtspunkten Stoffe zu beurteilen, sondern nach inhaltlichen. Diese Freiheit steckt übrigens auch in der öffentlich-rechtlichen Idee. Nur wird bei den beiden großen Sendern, ARD und ZDF, zu wenig Gebrauch davon gemacht. Nach wie vor zählen dort Kriterien wie Zuschauerzahlen und Einschaltquote."

Klingt das nicht ein bisschen utopisch?
"Ganz und gar nicht. Wir müssen doch nur über unseren Tellerrand auf unsere europäischen Nachbarn blicken, um zu sehen, dass es dort anders geht. Filme wie 'Kletter-Ida' aus Dänemark oder 'Mama klaut' aus den Niederlanden sind gute Beispiele. Auch bei uns entstehen immer wieder kleine besondere Filme, denken Sie an 'Die Blindgänger' oder 'Mondscheinkinder' oder 'Paulas Geheimnis'. Aber es sind leider vereinzelte Lichtblicke. Dass solche Filme bessere Unterstützung bekämen, dass mehr Filme nach solchen Originalstoffen entstehen, das wünschte ich mir. Wir brauchen einfach wieder mehr Qualität und mehr Vielfalt in einer Zeit, die durch die fortschreitende Globalisierung unsere Kulturen zu vereinheitlichen droht.

Interview: KJK-Redaktion

 

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