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Ausgabe 113-1/2008

"Wir wollen nicht nur Geschichte vermitteln"

Ein Gespräch mit Claudia Dillmann, der Direktorin des Deutschen Filminstituts in Frankfurt, über die Aktivitäten bei der Filmbildung

Interview

Im Januar 2006 wurden in Frankfurt am Main das Deutsche Filminstitut und das Deutsche Filmmuseum, das mit dem "Lucas" das älteste deutsche Kinderfilmfestival auf den Weg gebracht hat, verschmolzen. Unter der Leitung von Claudia Dillmann hat das DIF seitdem verstärkt Initiativen zur Verbesserung der Film- und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen entwickelt und entsprechende Projekte auf den Weg gebracht. Über die Hintergründe und Zielsetzungen dieses filmkulturellen Kurses gab Claudia Dillmann Auskunft.

KJK: Rund zwei Jahre sind seit der Fusion von DIF und Filmmuseum vergangen. Hat sie sich bewährt?
Claudia Dillmann: "Ja. 2004 habe ich im Auftrag der Stadt Frankfurt ein Perspektiv-Konzept für die fusionierte Einrichtung geschrieben und unter anderem deutlich gemacht, was die Stärken des Hauses sein könnten und welcher neuen Vermittlungsformen es bedarf, um diese Ziele umzusetzen. Die Vermittlung von Filmkultur und Medienkompetenz an Kinder und Jugendliche war eines der Hauptziele. In dieser Hinsicht sind wir seitdem einen großen Schritt weitergekommen. Die Fusion selbst findet auf einer programmatischen und einer operativen Ebene statt, zu der gehört beispielsweise die Zusammenlegung von Archiven, der Bibliothek oder der Nachlässe. Das Filmarchiv wird im ersten Halbjahr 2008 zusammengeführt. Die Neuausrichtung des Hauses soll aber auch nach außen sichtbar werden. Dazu haben wir im September 2006 als erstes das Programmheft völlig neu gestaltet, das bis dahin ja nur eine Art Ankündigungsblatt für das Kinoprogramm war, ergänzt durch Kurztexte zu den Ausstellungen. Wir bringen nun jeden Monat ein Heft mit 24 oder 36 Seiten über das Gesamtprogramm heraus, das ja das Entscheidende ist. Das Heft macht die eigentliche Fusion sichtbar, also die einheitliche Politik, die alle Abteilungen und die vorher getrennten Institutionen umfasst."

Das DIF setzt seit einiger Zeit einen klaren Schwerpunkt bei Angeboten zur Medienkompetenz. Welche Motive stecken hinter dieser Offensive?
"Es gibt viele Gründe. Zunächst einmal möchten wir Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, die Gelegenheit geben, überhaupt wieder wichtige Werke der Filmgeschichte oder besondere aktuelle Filme sehen zu können. Denn das Umfeld ist einfach nicht mehr da, in dem Kinder und Jugendliche zum Beispiel ältere Filme, Schwarzweißfilme, auch schwerer konsumierbare Filme kennen lernen können. Die öffentlich-rechtlichen wie auch die privaten Sender zeigen keine alten Filme mehr oder wenn, dann nur um Mitternacht, so dass Kinder und Jugendliche normalerweise keine Chance haben, andere Werke als die üblichen kennen zu lernen. Hier besteht ein Desiderat.
Ein zweiter Punkt, warum wir versuchen, dieses Desiderat ein Stück weit aus eigener Kraft zu beseitigen: Kinder und Jugendliche gelten als sehr medienaffin und medienerfahren. Wenn man aber genauer hinschaut, dann kennen sie nur einen kleinen Ausschnitt, was den Film angeht, und ihre kritischen Fähigkeiten werden eben nicht gefördert. Daher gilt es, Techniken, Fertigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen zu vermitteln, das können wir besonders gut.
Ein dritter Punkt: Wer ein Filmmuseum, ein Filmarchiv, ein Kino mit besonderem Anspruch unterhält, muss auch schauen, dass sein Publikum nachwächst, dass auch künftige Generationen sich für diese Themen interessieren. Das können sie wiederum nur, wenn sie wissen, wovon dieses Haus und unsere Arbeit handelt."

Im Februar und März 2008 finden in Hessen zum zweiten Mal die Schulkinowochen statt. Welche Rolle spielt dabei das DIF?
"Wir organisieren die Schulkinowochen in Hessen im Auftrag von Vision Kino, die uns zusammen mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst die Mittel zur Verfügung stellen. Es gibt auch inhaltliche Absprachen mit Vision Kino. Aber ansonsten ist es unsere Aufgabe, möglichst viele Kinos und Schulen in Hessen zusammenzubringen und ein erfolgreiches Programm zusammenzustellen. Diesmal werden 86 Filme in 77 Kinos gezeigt."

Wie ist denn die bisherige Resonanz, gerade bei den Lehrern und Kinobetreibern?
"Die Erfahrungen des ersten Jahres waren sehr gut. Rund 40.000 Schüler, Lehrer und Eltern haben die Vorstellungen in 75 Kinos besucht. Die Betreiber haben ein Interesse daran, dass Kinder und Jugendliche Kino als Ort erleben und erfahren. Denn es gehört nicht mehr zur normalen Sozialisation, ins Kino zu gehen, die Jugendlichen machen ihre Medienerfahrungen woanders. Wir haben bei den Vorführungen gemerkt, dass etliche Kinder zum ersten Mal in einem Kino saßen. Außerdem gibt es ein politisches und wirtschaftliches Interesse an dem Projekt, Vision Kino wird von der Filmförderungsanstalt und dem BKM gefördert."

Und wie verlief die Kooperation mit den Lehrern?
"Die Lehrer stehen zum Teil schon unter enormem Druck. Die müssen ihre Unterrichtsgarantie erfüllen, im Gymnasium ist die Schulzeit verkürzt worden. Manchen Eltern fällt es schwer zu akzeptieren, dass ihre Kinder während der Unterrichtszeit ins Kino gehen. Mit Hilfe der hessischen Kultusministerin haben wir eine Argumentation aufbauen können, die diesen Besuch für sinnvoll erklärt. Diese politische Unterstützung tut uns gut."

Welche neuen filmkulturellen Aktivitäten für Kinder und Jugendliche wurden im Haus parallel zu den Schulkinowochen gestartet?
"Wir haben 2006 angefangen, unser hauseigenes Angebot für Schulen zu erweitern. Es ist unsere Aufgabe, nicht nur Geschichte zu vermitteln, sondern auch Filmanalyse. Im Oktober 2006 hat das Projekt 'Schule des Sehens' begonnen, das ist eine Filmanalyse anhand von Kurzfilmen im Kino. Die Schulklassen nehmen das sehr stark an, unter anderem weil sich das gut mit einer Führung durch das Museum kombinieren lässt."

Wie viele Schulklassen nehmen denn im Jahr an der "Schule des Sehens" teil?
"In diesem Jahr hatten wir insgesamt 641 Veranstaltungen für Schulklassen, das sind fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Diese Steigerung ist auf das erweiterte Angebot zurückzuführen."

Ein besonders ambitioniertes Projekt ist die kürzlich gestartete Jugend-Film-Jury. Was verbirgt sich dahinter?
"Die Jugend-Film-Jury ist derzeit unser größtes Modellprojekt, das sich an 15- und 16-jährige Schüler wendet. Sie werden 2008 einen Teil unseres Kinoprogramms für den Sommer mitgestalten und dort auch in die Filme einführen. Sie sollen lernen, Filme anders zu sehen und zu beurteilen und uns helfen herauszufinden, welche Filme denn eigentlich noch bei Jugendlichen funktionieren."

Das Ungewöhnliche ist ja, dass die Jugend-Film-Jury über ein Schuljahr läuft und damit ein richtiges Langzeitprojekt ist. Warum diese lange Laufzeit?
"Es braucht halt so lange. Die Schüler treffen sich einmal die Woche, sie sehen insgesamt mindestens 20 Filme, meist Klassiker, also sind schon 20 Wochen abgedeckt. Darüber hinaus sind in das Projekt Praktika eingebaut, die Schüler erkunden bei der 'Frankfurter Rundschau', wie über Kultur berichtet wird. Außerdem veranstalten wir für sie einen Rhetorik-Workshop, wo sie lernen, wie sie zu Urteilen finden und wie sie zu vertreten sind. Und wir bieten eine Schreibwerkstatt an, denn die 'Rundschau' hat sich bereit erklärt, Kritiken der Schüler zu den ausgesuchten Filmen zu veröffentlichen. Am Ende soll schließlich ein Programmheft entstehen, in dem Texte der Jugendlichen erscheinen werden, und das Filmprogramm, in das sie öffentlich einführen sollen. Geplant ist auch, dass unsere Juroren bei Treffen mit Schulklassen, die wir einladen, Filme vorstellen und begründen, warum sie die gut finden und dann darüber diskutieren. Das alles ist ein so anspruchsvoller Prozess, dass man das nicht in einer Woche umsetzen kann."

Ist diese Jury aus einem Klassenverband zusammengesetzt oder aus einzelnen interessierten Schülern?
"Aus einzelnen Schülern, die sich gemeldet haben. Wir hatten sechs Schulen aus verschiedenen Stadtteilen und Schulformen angesprochen."

Neben der "Schule des Sehens" gibt es im Museum neuerdings auch ein "Kinderatelier". Was ist der Unterschied?
"Das Kinderatelier ist ein Angebot, das sich an Einzelbesucher wendet, nicht an Schulklassen. Die Kids können am Wochenende oder in Kursen Möglichkeiten nutzen, die eigenen Erfahrungen beim Museumsbesuch spielerisch in praktischen Übungen umzusetzen, etwas mit Legetrick oder Trickfilm. Dagegen richtet sich die 'Schule des Sehens' an Schulklassen, die das buchen können."

Ein ehrgeiziges Projekt des Hauses ist das Kinderfilmportal, sozusagen ein Ableger von filmportal.de. Wie ist denn der Stand der Dinge?
"Das Kinderfilmportal sollte gefördert werden von der Multimedia-Initiative Hessen, das ist eine strategische Partnerschaft des Landes Hessen mit der Deutschen Telekom. Diese Partnerschaft ist derzeit ausgesetzt, der Vertrag wird neu verhandelt. Wir hoffen, dass das Kinderfilmportal wieder auf die Agenda kommt, sobald es einen neuen Vertrag gibt. Wir sind zuversichtlich, dass wir da ein Stück weiter kommen."

Es gibt Vorarbeiten und erste Probeversionen. Waren die ersten Tests erfolgreich? Oder hakt es noch irgendwo?
"Nein, die Vorarbeiten sind abgeschlossen. Wir könnten jetzt starten, aber dazu braucht man Geld. Mit dem Portal ist eine kleine Datenbank verbunden, es soll bestimmte Animationen geben, das ist alles recht teuer. Ohne Förderung können wir das aus eigener Kraft nicht umsetzen."

Das Internationale Kinderfilmfestival "Lucas" ist ein Vorzeige-Projekt des DIF und des Filmmuseums. Kürzlich wurde eine neue Leiterin berufen, warum?
"Was ich gerade geschildert habe, zeigt, dass wir eine bestimmte Perspektive entwickelt haben und jede Menge Aktionen, die sich dieser Perspektive unterordnen. Alles soll aufeinander bezogen sein. In diesem Zusammenhang war es mir wichtig, 'Lucas' ins Haus zu holen und in die vorhandenen Strukturen einzubinden. Sei es, dass die Leiterin der Schulkinowochen die Organisation für 'Lucas' mitmacht, sei es, dass aus dem Programm von 'Lucas' wieder vermehrt Filme in die Schule des Sehens oder in die Kinderkino-Reihe des Museums übernommen werden."

Nun hat Günther Kinstler mit Unterstützung des Teams einige Neuerungen eingeführt und das Festival wieder nach vorne gebracht, mit der Erweiterung und Professionalisierung des Filmmarktes und Branchen-Diskussionsrunden. Wird diese Linie künftig fortgeführt?
"Diese Linie ist ja schon zum Teil aus den konzeptionellen Diskussionen hervorgegangen und wird natürlich fortgesetzt. Wir werden weiter in diese Richtung gehen."

Gibt es schon Überlegungen für 2008, was sich ändern soll?
"Wir werden uns in diesem Winter mit diesen Fragen beschäftigen. Eine ist die Nachhaltigkeit in den Schulen der Region. Ich halte es für sinnvoll, davon abzurücken, dass die Schulklassen zum Festival kommen, sich einen Film ansehen, ein bisschen diskutieren und wieder nach Hause fahren. Was wir gerne hätten, wären Antworten auf Fragen wie: Wie können wir 'Lucas' vorab im Unterricht verankern, dann den Kinobesuch und dann die Nachbereitung? Welche Materialien werden dafür gebraucht? Wie schaffen wir es, die Lehrerfortbildung über das Jahr hinweg zu verstetigen? Zumindest dafür haben wir gerade eine Rahmenvereinbarung mit der Landesanstalt für privaten Rundfunk in Kassel abgeschlossen. Um 'Lucas' in unsere ganzjährigen Aktivitäten einbinden zu können, wird es auch Veränderungen bei der Veranstaltung selbst geben. Ganz wichtig ist mir, das Festival in der Branche zu verankern. 2007 haben sich Expertenrunden mit Fragen befasst wie: Wo steht der Kinderfilm? Welche neuen Vertriebsformen gibt es? Eine andere Frage könnte für 2008 sein: Wie können wir Kinos ermuntern, wieder mehr Kinderfilme zu spielen? Welche Erfahrungen gibt es da?"

Interview: Reinhard Kleber

Kontakt: dillmann@deutsches-filminstitut.de

 

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