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Ausgabe 114-2/2008

CITY OF MEN

CIDADE DOS HOMENS

Produktion: O2 Filmes – Co-Produktion: Fox-Film do Brazil / Globo Filmes; Brasilien 2007 – Regie: Paulo Morelli – Drehbuch: Elena Soárez – Kamera: Adriano Goldman – Schnitt: Daniel Rezende – Musik: Antonio Pinto – Darsteller: Douglas Silva (Acerola, 'Ace'), Darlan Cunha (Laranjinha, 'Wallace'), Jonathan Haagensen (Midnight), Eduardo BR (Fasto), Rodrigo dos Santos (Heraldo), Camila Monteiro (Cris), Naima Silva (Camila) u. a. – Länge: 106 Min. – Farbe – FSK: ab 16 – Verleih: Kinowelt – Kinostart: Sommer 2008 – Alterseignung: ab 16 J.

Im Jahr 2002 landete Fernando Mereilles mit seinem Film "City of God" über die Geschichte des Drogenhandels in den Favelas von Rio de Janeiro einen internationalen Überraschungserfolg. "City of Men" von Paulo Morelli und mit der gleichen Produktionsgesellschaft entstanden, ist in gewisser Hinsicht die Fortsetzung dieses Films und der daraus entstandenen, in Brasilien überaus erfolgreichen TV-Serie, die in Deutschland nur auf DVD erschienen ist. Einige der Hauptfiguren aus dem ersten Film spielen auch hier mit, zwei der einstigen Kinderdarsteller stehen nun an der Schwelle zum Erwachsensein und bilden mit ihrem 18. Geburtstag zu Beginn und am Ende des Films den äußeren Rahmen der Geschichte. Den Fokus wollte man diesmal weniger auf die Auseinandersetzungen zwischen den Drogenbanden, sondern mehr auf die Alltagsprobleme der Bewohner dieser Armenviertel und das persönliche Umfeld der beiden Hauptfiguren Ace und Wallace setzen.

Acerola, genannt Ace, und Laranjinha, genannt Wallace, sind im Armenviertel Doña Marta von Rio aufgewachsen und seit frühester Kindheit eng miteinander befreundet. Täglich erleben sie hautnah die soziale Kluft zwischen Arm und Reich, denn die Favela, in der sie leben, liegt an einem Berghang direkt oberhalb des weltberühmten Strandes von Ipanema. Trotz zahlreicher Versuchungen konnten sie sich bisher aus den Geschäften der Drogenbanden und ihren Intrigen heraushalten. Und eigentlich haben sie ganz andere Sorgen. Ace hat mit seiner ebenfalls minderjährigen Freundin Cris schon einen Sohn, Clayton, der gerade dem Krabbelalter entwachsen ist. Er verdient sich als Nachtwächter in einer Wohnanlage für Reiche zwar etwas Geld, doch Cris möchte vorübergehend eine gut bezahlte Stelle in Sao Paulo annehmen und Ace soll deshalb auf den Sohn aufpassen.

Wallace wiederum möchte endlich wissen, wer sein leiblicher Vater ist. Mit Hilfe seines Freundes gelingt es ihm tatsächlich, ihn ausfindig zu machen. Heraldo, der gerade eine 15-jährige Zuchthausstrafe wegen Diebstahl und Mord abgesessen hat, beginnt zwar widerstrebend, seinen Sohn zu akzeptieren, treibt aber einen tiefen Keil in die Freundschaft zu Wallace, denn er scheint am Tod von dessen Vater nicht ganz unschuldig zu sein. Als die beiden nun verfeindeten Freunde schließlich auch noch in die Schusslinie zwischen rivalisierenden Drogenbanden geraten, müssen sie eine Entscheidung treffen, wer und was ihnen im Leben wichtig ist.

An die ästhetische Kraft und Geschlossenheit seines Vorgängers reicht "City of Men" leider nicht heran. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Nebenfiguren nicht ausgearbeitet wirken, vor allem, wenn man die TV-Serie nicht kennt, die große Teile dieser Vorgeschichten enthält, beispielsweise die in die frühe Vaterschaft mündende Beziehung zwischen Ace und Cris. Der größte Schwachpunkt des Films allerdings liegt in seinem der sozialen Realität geschuldeten Anspruch auf Authentizität, die er vor allem mit wackeliger Handkamera und schnellen Schnitten erzielen möchte. Das wirkt schnell aufgesetzt, in der zweiten Hälfte zunehmend actionlastig. Gedreht wurde zwar vor Ort in der Favela selbst, aber spätestens als dort ein Haus in Brand gesetzt wird und ohne jegliche Löscharbeiten keine Gefahr für die umliegenden Hütten besteht, verschwindet damit auch jede Glaubwürdigkeit.

In einem Punkt ist der Film jedoch wirklich interessant und lässt das Potenzial erkennen, das eigentlich in ihm schlummert. Es ist die vaterlose Gesellschaft, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht und sich bei Vorrecherchen übrigens auch als der bestimmende Faktor vieler junger Menschen in diesen Favelas erwies: Vornehmlich aus Bewunderung für die mächtigen Drogenbosse als Ersatzvaterfiguren steigen viele von ihnen überhaupt nur ins Drogengeschäft ein. In Brasilien stellt sich dieses Problem der abwesenden Väter sicher auf spezifische Weise und es gelingt Regisseur Morelli hier vor allem auch in den offenen Schlussbildern, Alternativen aufzuzeigen, Hoffnung und Mut zu machen. Aber auch in Deutschland ist die Problematik nicht ganz ohne Brisanz, wie bereits 1963 Alexander Mitscherlich in seinem Buch "Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft" über die deutsche Nachkriegszeit und 1998 Matthias Matussek in "Die vaterlose Gesellschaft" aufzeigten.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 114-2/2008 - Interview - "Die Situation in den Favelas ist nach wie vor hoffnungslos"

 

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