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Ausgabe 114-2/2008

FEUERHERZ

Produktion: TV 60 Filmproduktion GmbH, in Co-Produktion mit Senator Film Produktion GmbH und in Zusammenarbeit mit Aichholzer Filmproduktion / Beta Film GmbH / BR / ORF / Arte; Deutschland 2007/2008 – Regie: Luigi Falorni – Drehbuch: Gabriele Kister, Luigi Falorni, nach dem gleichnamigen Roman von Senait G. Mehari – Kamera: Judith Kaufmann, Michael Hammer – Schnitt: Anja Pohl – Musik: Andrea Guerra – Darsteller: Letekidan Micael (Awet), Solomie Micael (Freweyini), Seble Tilahun (Ma'aza), Daniel Seyoum (Mike'ele), Mekdes Wegene (Amrit), Samuel Semere (Haile) – Länge: 92 Min. – Farbe – FSK: beantragt ohne Altersbeschränkung – Verleih: Senator Film – Uraufführung: 14.02.2008 Internationale Filmfestspiele Berlin (Wettbewerb) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Es gibt Filme, bei denen es im Vorfeld viele Auseinandersetzungen gibt, die den Blick auf den Film selbst verstellen. Bei der Berlinale-Aufführung war schon der Weg ins Kino mit Flugblättern gepflastert, auf denen Berlin zur "Propaganda-Hauptstadt" gekürt wurde. Der Streit begann bei der Vorlage des Films: Das Buch über die Kindheitserinnerungen der Sängerin Senait Mehari erschien 2004 und avancierte zum Bestseller. Mehari schildert ihre Zeit in einem Ausbildungslager der eritreischen Befreiungssoldaten, die im Kampf um die Unabhängigkeit von Äthiopien auch Kinder rekrutiert haben sollen. Doch vor einem Jahr wurden Zweifel an der Authentizität von Meharis Darstellung laut: Die Autorin gestand daraufhin ein, dass sie keine Kindersoldatin war, sondern "ein Kind des Krieges". Zeitzeugen der Tsebah-Schule, die Senait Mehari besucht hat, meldeten Protest an: "Es ist der völlig verfälschende Raub unserer Kindheitsgeschichte gewesen, der uns, die Zeitzeugen der wahren Geschichte unserer Schule, der Tsebah-Schule, schon nach dem Erscheinen des Buches zusammengeführt hat, um gegen das 'Märchen aus Tausend und einer Nacht' zu protestieren. Es ist keine 'Empfindlichkeit', sondern unser Anspruch auf Würde und auch das Wissen, dass es das traurige Schicksal von Kindersoldaten in Afrika wirklich gibt. Mit Schwindelgeschichten werden wir zu Kindersoldaten gemacht und mit Schwindelgeschichten dieser Art werden die Schicksale der wirklichen Kindersoldaten zur vermeintlichen Farce!"

Um den Vorwürfen, die dem Buch gemacht werden, für den Film auszuweichen, ließen sich Regisseur und Produzenten angeblich nur von der Buchvorlage und insbesondere von der Hauptfigur des Buches inspirieren. Auf der Basis eigener Recherchen soll der Film nun eine frei-fiktionale Geschichte sein, trotzdem beharrt man darauf, ganz nah an der Wahrheit zu sein und eine wahre Geschichte zu erzählen. Solche Widersprüche zeugen von enormer Unsicherheit, einerseits vom Wirbel um das Buch profitieren, andererseits aber den Film als das bessere, authentischere Produkt vermarkten zu wollen. Regisseur Luigi Falorni wehrte sich gegen Vorwürfe einer falschen Darstellung des eritreischen Bürgerkrieges, seit Jahren müsse er sich immer wieder dieselben Argumente anhören, die nicht stimmen. Daher werde ein Teil seiner Recherchen bald auf einer Internetseite öffentlich zugänglich sein. In Wahrheit habe es auch Kindersoldaten gegeben, wie zahlreiche Fotos und Berichte belegten. "Das Thema ist ein Tabu in Eritrea." Deshalb konnte zwar in der eritreischen Landessprache Tigrinya, aber nicht an Originalschauplätzen gedreht werden: "Nachdem die eritreische Regierung die Drehgenehmigung blockierte, haben wir die Dreharbeiten in Nairobi vorbereitet, weil in Kenia die größte emigrierte eritreische Volksgruppe lebt", erklärte Luigi Falorni.

Die Hauptfigur des Films ist die kleine Awet, in der die Zuschauer zweifellos Senait Mehari erkennen können. In den 1980er-Jahren wird das Mädchen Awet als Kleinkind von der Mutter verlassen und wächst in einem Waisenhaus in Asmara auf. Sie wird von italienischen Schwestern im katholischen Glauben erzogen. Schon früh entwickelt sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, schon als kleines Mädchen versucht sie sich durchzusetzen und gegen Unrecht zu protestieren. Doch das behütete Leben in der Klosterschule hat ein jähes Ende: Nach einigen Jahren holt ihr verschwunden geglaubter Vater sie zu sich und seiner neuen Familie. Aber dort ist Awet nicht willkommen. Der Vater zecht mit seinen Kumpanen, während die Frauen die Arbeit machen – ein Umstand, der die kleine Awet empört. Fest blickt sie ihrem Vater in die Augen: "Wieso müssen die Frauen die schweren Wasserkrüge schleppen, wenn die Männer viel stärker sind?" Solchen Widerspruch duldet der Vater nicht und gibt sie zusammen mit ihrer älteren Stiefschwester an die militärische Kampfeinheit "Töchter Eritreas" ab, wo sie in einem Rebellen-Camp zu Soldatinnen ausgebildet werden. Awet erlebt den Wahnsinn des Krieges: Nur ihrem starken, mutigen "Feuerherz" verdankt sie es, dass sie Hunger, Einsamkeit, harte Arbeit und die Konfrontation mit Tod und Fanatismus überlebt.

Die Geschichte des Films könnte nicht nur in Eritrea spielen, sondern in vielen anderen Ländern, in denen Kinder zu Soldaten und zum Töten ausgebildet werden. So ist der Streit um den Wahrheitsgehalt und um Authentizität völlig irrelevant, denn der Film ist insgesamt lediglich eine nicht sonderlich spannend bebilderte These: Krieg ist grausam, der Missbrauch von Kindern als Soldaten ist unmenschlich. Sympathieträger ist Letekidan Micael als zehnjährige Awet, die mit staunenden Augen die ganze Last dieser These auf ihren Schultern tragen muss. Zwar wird ihr Sinn für Gerechtigkeit früh begründet, doch kommt ihr Wandel von der Begeisterung, endlich das Holzgewehr mit einem echten Gewehr zu tauschen, zur glühenden Pazifistin, die aus allen Waffen ihrer Gruppe die Munition entfernt, völlig unvermittelt: Dem Film gelingt es nicht, diesen Wandel zu begründen, sieht man von der platten Erkenntnis des Mädchens Awet ab, dass die toten Feinde die gleichen Schuhe tragen.

Dokumentarist Luigi Falorni, der 2003 mit dem Film "Die Geschichte vom weinenden Kamel" bewiesen hat, dass Tatsachen und Gefühle keine Gegensätze sind, scheint mit der Regie eines Spielfilms überfordert zu sein: "Feuerherz" schafft es nicht, Charaktere zu entwickeln und Motivationen zu verdeutlichen. Die Atmosphäre im Rebellen-Camp erinnert zuweilen an die Idylle eines Jugendfreizeitlagers. Rücksichtnahmen, wohin man schaut: Auf ein junges Publikum, dem die Gewalttätigkeiten des Krieges eher zurückhaltend gezeigt werden, auf die Kritiker der Buchvorlage, in dem der Film die historischen und politischen Hintergründe des kriegerischen Konflikts (vom italienischen Kolonialismus bis zur äthiopischen Herrschaft in Eritrea) in keiner Weise zu erklären versucht, und auf jeden Zuschauer, weil im Film Gewalt und Fanatismus nur eine Nebenrolle spielen. Senait Mehari wurde geschlagen und von den älteren Jungen sexuell missbraucht, sie litt Hunger und Durst und erkrankte schwer an Malaria, aber im Film werden Vergewaltigungen und Misshandlungen der Kindersoldaten völlig ausgespart, im Camp werden höchstens mal Ohrfeigen verteilt. Rund 250.000 Mädchen und Jungen in mehr als 35 Ländern kämpfen als Kindersoldaten. Viele von ihnen überleben nur als Invaliden und tragen schwere seelische Schäden davon. Dagegen können das Mädchen Awet und zwei weitere Kinder in der Schlussszene fast mühelos in den Sudan entkommen, schlafen im Wüstensand ein und werden vom Kamel eines Beduinen gerettet – da schwindet noch der letzte Funke von Ernsthaftigkeit. Ein rundweg banaler Film, bei dem die Zuschauer erfahren haben, was sie vorher schon wussten: Ein unwichtiger Spielfilm zum wichtigen Thema Kindersoldaten.

Manfred Hobsch

 

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