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Ausgabe 114-2/2008

"Stark, klug und voller Leben"

Gespräch mit den Regisseurinnen Natasha Arthy und Dana Nechushtan

(Interview zum Film FIGHTER)

Von den Kämpfen starker Mädchen handelten die Filme "Fighter" (Regie: Natasha Arthy) aus Dänemark sowie "Dunya & Desie" (Regie: Dana Nechushtan) aus den Niederlanden, die im 14plus-Wettbewerb gezeigt wurden. Beide Filme erzählen von jungen Musliminnen aus Einwandererfamilien, die sich die Rechte und Freiheiten westlicher Mädchen wünschen und einen Lebensweg zwischen den Kulturen suchen und finden müssen. Während es bei "Dunya & Desie" den Mädchen durch ihre unerschütterliche Freundschaft gelingt, alle Höhen und Tiefen zu überstehen, muss sich Aïcha aus "Fighter" allein mit Kung Fu durchsetzen.

Natasha Arthy, geb. 1969 in Gentofte (Dänemark), studierte in Bristol und Roskilde. Mit ihrem Spielfilmdebüt "Mirakel" ("Miracle – Engel für Dennis P.") gelang ihr im Jahr 2000 der größte dänische Kinohit im Family-Entertainment. Der Film wurde mit großem Erfolg beim Kinderfilmfest der Berlinale gezeigt und erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen. Dabei hatte ihre Karriere nicht gerade viel versprechend begonnen: 1987 lehnte die dänische Filmschule die Bewerbung der damals 18-Jährigen ab. Ab 1991 war sie dann in der Kinder- und Jugendabteilung des Dänischen Fernsehens tätig und führte bei zahlreichen TV-Kinderkurzfilmen Regie. Mit ihrem Dogma-Film "Alt, Neu, Geliehen & Blau" (2003) im Stil einer temporeichen Komödie landete sie auch in Deutschland einen Kinoerfolg.

Dana Nechushtan, geb. 1970 in Afula (Israel), studierte Film (Drehbuch/Regie) an der Niederländischen Film- und Fernsehakademie, realisierte nach ihrem Abschluss 1994 mehrere TV-Produktionen und mit "Total Loss" im Jahre 2000 ihren ersten Kinofilm. Von 2002 bis 2004 inszenierte sie 19 Episoden der mehrfach preisgekrönten Fernsehserie "Dunya & Desie", die auch im ZDF und im Kinderkanal zu sehen war. Auf den Charakteren der TV-Serie basiert ihr Kinofilm "Dunya & Desie", der die Geschichte der beiden Mädchen weiter erzählt.

KJK: Wie haben Sie denn die Newcomerin Semra Turan für Ihren Film "Fighter" gefunden?
Natasha Arthy: "Ich war im Internet unterwegs und suchte nach verschiedenen Kampfklubs in Dänemark und entdeckte dabei, dass eine Meisterschaft mit Norwegen stattfinden wird. Zu dieser Meisterschaft bin ich dann hin und dort habe ich Semra Turan das erste Mal kämpfen gesehen, ich war sofort begeistert, aber sie war natürlich keine Schauspielerin – trotzdem hat sie für den Film beides hervorragend gemeistert. Ich hatte mir auch noch andere Mädchen angesehen, bin aber dann wieder zu Semra Turan zurückgekehrt, sie war einfach die beste Besetzung für die Rolle der Aïcha."

Wie kommt es, dass Kung Fu in Ihrem Film eine so wichtige Rolle spielt?
Natasha Arthy: "Wenn man Filme macht, besteht für mich doch der große Reiz darin, sich nicht allein über Worte auszudrücken, sondern eine Geschichte über Bilder zu erzählen. Beim Film hat man doch viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten, da ist die Musik, der Gesang, der Tanz, die Bewegung, der Sport oder eben auch Kung-Fu- oder Ninja-Kämpfe. Und all das will ich einsetzen, um eine Geschichte zu erzählen, die Dialoge kommen dann dazu, aber sie haben für mich keinen Vorrang. Aïcha ist für mich so bemerkenswert, weil sie ein Mädchen ist, aber in ihren Kämpfen bekommt sie durchaus auch männliche Züge, sie kann sich da ebenbürtig durchsetzen, was ihr als Mädchen sonst vielleicht verwehrt ist."

War es schwierig, die Kampfszenen zu inszenieren?
Natasha Arthy: "Die Kampfszenen waren eine enorme Herausforderung für mich, ohne meinen Choreographen, der alle trainiert hat, wäre das gar nicht möglich gewesen. Am Anfang haben wir uns zusammengesetzt, um genau festzulegen, was die Kampfszenen ausdrücken sollen, geht es um Liebe oder geht es um Hass, so erzeugten wir ein Gefühl für die unterschiedlichen Stimmungen und daran orientierte sich dann die Choreographie."

Wie war denn die Zusammenarbeit mit dem berühmten chinesischen Stuntman Gao Xian, der auch im Film mitspielt?
Natasha Arthy: "Er ist eine wundervolle Persönlichkeit, er hat sehr viel Humor und sehr viel Verständnis. Als ich ihn getroffen habe, war das zwar nett, aber er sprach nur Chinesisch und kein Wort Englisch, das machte die Verständigung schwierig: Ich habe kein Wort verstanden, von dem was er sagen wollte und ihm ist es mit mir genauso gegangen. Dann brachte er seine Tochter mit und von da an war es kein Problem, sie konnte Englisch und war dann unsere Dolmetscherin. Seine beste Charaktereigenschaft ist seine unendliche Geduld bei der Arbeit, denn er hatte es ja mit einer Schar von Amateuren zu tun, die er trainieren musste. Die einen konnten schauspielern, die anderen Kung Fu – und das alles musste zusammengebracht werden."

"Fighter" ist nicht nur ein Film über Kung Fu, sondern auch übers Laufen, das erinnert ein wenig an "Lola rennt". Gab es noch andere Inspirationen?
Natasha Arthy: "Für mich ist 'Lola rennt' ein absoluter Lieblingsfilm und ich wollte diese Energie, die in diesem Film von Tom Tykwer steckt, unbedingt auf meinen Film übertragen, der eine Coming of Age-Geschichte erzählen soll – und ein bisschen ist er auch wie der englische Film 'Billy Elliott' über einen Jungen, der tanzen will. Den Film mag ich auch sehr und er hat mich ebenso für 'Fighter' inspiriert."

"Fighter" und "Dunya & Desie" – beide Filme beschreiben das Leben mit fremden Kulturen ...
Dana Nechushtan: "Es ist überhaupt keine fremde Kultur, es geht einfach um eine neue Generation von jungen Leuten."

Aber für Dunya ist Holland fremd und für Desie ist es Marokko ...
Dana Nechushtan: "Für Desie ist Marokko eine fremde Kultur, aber für Dunya ist Holland überhaupt nicht fremd, denn hier ist sie aufgewachsen, hier ist sie geboren worden, also kann es für sie überhaupt keine fremde Kultur sein. Es ist wirklich eine neue Generation, die längst einen eigenen Mix der Kulturen für sich entwickelt hat. In meinem Film geht es um zwei Mädchen und um ihre Freundschaft, das hat überhaupt nichts mit unterschiedlichen Kulturen zu tun. Desie verursacht viel mehr Ärger und Probleme als Dunya, Desie gerät in Schwierigkeiten, die sie selbst nicht ausgelöst hat, allein Dunya ist dafür verantwortlich. Aber die beiden brauchen sich gegenseitig, um diese Schwierigkeiten zu überwinden. Das ist bei 'Fighter' ganz anders, denn Aïcha ist ganz auf sich allein gestellt, sie muss diesen Kampf für sich allein ausfechten und findet keinerlei Unterstützung. Am Ende gelingt ihr die Versöhnung mit der Familie, aber Dunya und Desie brauchen sich gegenseitig und ihre Freundschaft, um ihren Weg im Leben zu finden."
Natasha Arthy: "Wenn wir über den Film in Dänemark diskutieren, dann spielen verschiedene Kulturen überhaupt keine Rolle, denn es ist ein Film über junge Leute in Dänemark, ein Film über uns."

Sehen Sie denn keinerlei Verbindung zwischen den beiden Filmen?
Dana Nechushtan: "Beide Film erzählen universelle Geschichten. In 'Fighter' sehen wir das Mädchen und wissen sofort, dass es für sie schwierig ist, sich in einen dänischen Jungen zu verlieben. Aber das sind doch ganz prinzipielle Probleme, die jedes Mädchen hat, das sich verliebt – lässt es sich darauf ein oder nicht, was wird die Familie sagen. Man kann den Fokus generell auf die negativen Aspekte richten, aber das will ich nicht: 'Dunya & Desie' will die Freundschaft in den Vordergrund rücken, mir geht es um die positiven Aspekte – nur gemeinsam lassen sich die Probleme lösen, mal muss der eine mehr einstecken, mal der andere, aber solche Belastungen muss eine Freundschaft eben aushalten können, sonst ist es für mich keine Freundschaft.
Man sollte einfach diesen negativen Blick nicht verstärken, denn es gibt überall auf der Welt Freundschaften zwischen Mädchen, die gemeinsam alle Widerstände überwinden – die gegenseitige Zuneigung ist entscheidend, dann lassen sich auch Krisen meistern. Wir wollten von Anfang an, unbedingt einen Film über gute Leute machen, die negativen Figuren sollten draußen bleiben. Und doch sind die beiden Filme verschieden, denn in 'Dunya & Desie' geht es um die Freundschaft zwischen zwei Mädchen, bei 'Fighter' um die Liebe zwischen einem Mädchen und einem Jungen."
Natasha Arthy: "In 'Fighter' geht es weniger um Freundschaft, im Mittelpunkt steht der Kampf eines Mädchens: Sie will ihren Weg finden – trotzdem ist das universell, denn für junge Menschen ist es generell wichtig, ihren Weg zu finden, ihre Persönlichkeit zu entwickeln."

In beiden Filmen sehe ich die Elterngeneration als Vertreter der Traditionen und auf der anderen Seite die Mädchen, die einen eigenen Weg finden wollen. So gesehen machen Sie doch Aussagen über das Leben von Moslems in Europa?
Dana Nechushtan: "Das ist eine politische Frage, aber es wird von mir kein politisches Statement dazu geben, denn weder kann man es wirklich beantworten, noch hat es für mich bei 'Dunya & Desie' wirklich eine Rolle gespielt – es ist ein Film über zwei Mädchen."
Natasha Arthy: "Auch für mich sind dies die Probleme von allen jungen Leuten, egal welchen Glauben sie haben oder welche Traditionen ihre Familien pflegen. Religion spielt doch keine Rolle, man kann auf ganz verschiedene Art ein Christ und ebenso auf unterschiedliche Weise ein Moslem sein."

Auffällig waren für mich in beiden Filmen die Haltungen der moslemischen Jungen, die immer kontrollierend am Rande stehen und die Mädchen beobachten ...
Dana Nechushtan: "Wir sind Regisseurinnen einer neuen Generation, politische Aussagen spielen keine vorrangige Rolle, denn wir erzählen in unseren Filmen vom Leben junger Leute, die dem keine besondere Bedeutung beimessen. Wir wollen auch nicht ständig Unterteilungen vornehmen, hier ein Christ, dort ein Moslem, wir wollen umfassende Bilder einer neuen Generation zeigen. Schaut man sich die Fernsehnachrichten an, dann gibt es immer nur Opfer zu sehen, dem will ich etwas entgegen setzen. Es darf einfach nicht sein, dass wir die Welt immer nur aus der Perspektive der Opfer betrachten, dann fühlen wir uns nämlich irgendwann nur noch als Opfer. Natürlich kann man immer auf die Unterschiede und Gegensätze abheben, aber das ist partout nicht meine Betrachtungsweise."
Natasha Arthy: "Ja, natürlich haben wir denselben Blick, denn wir sind Frauen und wir erzählen in unseren Filmen Geschichten über Mädchen, also nehmen wir auch ihre Perspektive ein. Viele Leute haben Vorurteile über Mädchen mit einem anderen ethnischen Hintergrund. Sie glauben, die seien so schrecklich unterdrückt. Aber diese Mädchen sind stark, klug und voller Leben."
Dana Nechushtan: "Das mag sein, dass die Jungs ähnlich schauen, aber noch viel auffälliger ist für mich, dass in unseren Filmen die Mütter so stark und so wichtig für die Mädchen sind. Sie sind viel härter und strenger als die Väter."

Wenn die Mütter und die Töchter so stark sind, dann heißt das doch, dass die Männer schwach sind und die Jungs den Traditionen viel stärker verbunden sind ...
Dana Nechushtan: "Wenn es schon um ein politisches Statement geht, dann vielleicht dieses: Die Frauen stehen vor den Männern, sie sind mutiger und offener. Die Mädchen sind schon viel weiter als die Jungen, die brauchen vielleicht noch zwei Generationen mehr, um so weit zu kommen."

Interview: Manfred Hobsch

 

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