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Ausgabe 114-2/2008

"Ich wollte das Leben in all seinen Aspekten darstellen"

Gespräch mit Elissa Down, Regisseurin und Co-Autorin der australischen Produktion "The Black Balloon"

(Interview zum Film THE BLACK BALLOON)

KJK: Wie haben Sie die Geschichte für Ihren ersten Spielfilm gefunden?
Elissa Down: "Inspiriert hat mich dazu meine eigene Familie. Ich habe drei jüngere Brüder, von denen zwei autistisch sind. Ich wollte aber keinen Film über eine tief greifende Entwicklungsstörung machen, keinen Film über Autismus, der einen bloß runterzieht, sondern das Leben in all seinen Aspekten darstellen. Manchmal ist es lustig, manchmal richtig verrückt, manchmal ist es zum Lachen, dann wieder möchte man nur noch weinen. Natürlich wollte ich auch Einblick geben, wie es ist, wenn ein Behinderter und seine Angehörigen dauernd geärgert, mit Herablassung gedemütigt oder gar mit Gewalt konfrontiert werden. Ich wollte zeigen, was eine Behinderung für den Betroffenen und seine Familie bedeutet und welche Katastrophen da jeden Augenblick ausgelöst werden können. Aber so ist das Leben und beim Schreiben dachte ich mir, wenn man den Alltag einer solchen Familie so ehrlich wie möglich darstellt, kann man diesen ganzen Reichtum an Gefühlen und überraschenden Wendungen darstellen, die das Leben ausmachen. Bei so einer Geschichte erfährt man etwas Neues und wird trotzdem gut unterhalten."

Bleiben wir noch einen Augenblick bei Ihnen. Wie war bei dieser Familien-Konstellation Ihre Kindheit und Jugend?
"Nicht ganz leicht natürlich. Mein Bruder David hat diesen Autismus, den man aus 'Rain Man' kennt, er ist sehr liebenswürdig, sehr intelligent. Dann kommt James, der wie ich 'normal' ist, und schließlich Sean, der jüngste, der mit fünf Jahren aufgehört hat zu sprechen und außerdem noch an ADHD leidet, dem sogenannten Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Sean ist das Vorbild für Charlie in unserem Film. Er hat so viel Aufmerksamkeit beansprucht, dass für einen selbst kaum was blieb. Aber als Heranwachsende will man natürlich auch beachtet werden und nicht dauernd auf seine Brüder aufpassen! Wie oft konnte ich nicht zu meinen Schulfreunden gehen, weil ich mich um meine Brüder kümmern musste! Und natürlich nervt es, wenn einen die Leute dauernd anglotzen oder ihretwegen aufziehen. Es ist auch nicht lustig, wenn die Polizei dauernd vor der Tür steht oder Sean, der inzwischen größer ist als mein Vater, tobt und man drei Leute braucht, um ihn zu halten. Ich habe meine Brüder wirklich geliebt, aber manchmal habe ich sie auch gehasst."

Hatten Sie auch manchmal Lust, sich wie Sean zu benehmen?
"Klar. Jeder würde sich selbst gern mal jenseits aller Normen und Regeln bewegen, vergessen, was 'man' tut oder lässt. Wir sind ja alle von klein auf an bestimmte Verhaltensweisen und Regeln so gewöhnt, dass wir schlecht mit ansehen können, wenn sich Leute die absolute Freiheit nehmen, sich nicht um die soziale Kontrolle zu scheren. Deshalb regen sie sich über Behinderte auch so auf. Wobei sie vergessen, dass die ja nicht anders können. Auch im Film sieht man bei der Aufführung von Charlie und seinen Leidensgenossen, wie viel Spaß es Charlies Bruder Tom macht, als 'Normalo' wie ein Behinderter auf der Bühne zu tanzen."

Sind Ihre Eltern eigentlich auch so stark wie Toni Collette und Eric Thomson als Mutter und Vater Mollison?
"Ja. Sie haben sich immer so verhalten wie ich es im Film gezeigt habe. Für sie war und ist es ganz selbstverständlich, dass sie ihre Kinder, die nicht für sich selbst sorgen können, liebevoll beschützen müssen. Mein Vater ist – wie Eric – beim Militär, deshalb sind wir auch dauernd umgezogen, und meine Mutter war Krankenschwester, musste aber ihre Berufstätigkeit wegen der behinderten Söhne aufgeben."

Wie haben Sie es geschafft, Ihre Film-Familie so glaubwürdig agieren zu lassen? Wie ist es Ihnen gelungen, Luke Ford als Charlie so zu führen, dass ich öfter im Zweifel war, ob er nicht selbst Autist ist?
"Eine Menge Leute haben das gedacht, auch aus meiner weiteren Verwandtschaft. Sie waren richtig schockiert, als ich ihnen den Trailer vorführte. Und meine Mutter war tief beeindruckt von Lukes phantastischer Leistung. Er hat dafür hart gearbeitet, hat sich ausführlich mit Charlies Behinderung beschäftigt, hat ausgiebig mit meinem Vater gesprochen, hat sich von einem Freund beim Essen, Gehen und Computerspielen filmen lassen, mir dann die DVDs gezeigt und wir haben sie durchgesprochen. Vor allem hat er viel Zeit mit Sean verbracht, hat sein Mienenspiel, sein Verhalten und seine Reaktionen auf andere beobachtet. Dann habe ich ihn zusammen mit seinen Film-Eltern und Rhys Wakefield, der seinen Bruder Tom spielt, auf die Straße und zum Einkaufen in Geschäfte geschickt. Sie mussten sich so bewegen und verhalten wie die Mollisons. Niemand durfte wissen, dass sie nur schauspielern. Auf diese Weise sind die Schauspieler sehr zusammengewachsen und immer dichter an ihre Rollen gekommen. Vor allem aber haben sie am eigenen Leib erfahren, wie die Leute reagieren und wie man sich dabei fühlt."

Warum haben Sie Toms Freundin Jackie von dem Super-Model Gemma Ward spielen lassen? Sie macht es ja wirklich sehr gut, aber mir schien sie fast zu schön für ihre Rolle. Und natürlich fiel nicht nur mir auf, dass sie größer ist als er.
"Ich kannte Gemma schon, bevor sie das weltberühmte australische Model wurde. 2004 hat sie in einem meiner Kurzfilme, in 'Pink Pyjamas', gespielt und sie ist auch in Wirklichkeit dieser selbstbewusste, aufgeschlossene, freundlich-burschikose und humorvolle Clowns-Typ, der sie als Jackie sein muss. Dass sie sich zu den herzlichen Mollisons hingezogen fühlt, ist ja auch darin begründet, dass sie gerade ihre Mutter verloren hat. Ich finde, Gemma hat ihre Rolle ganz toll gespielt und ich denke, dass sie als Schauspielerin noch eine lange Karriere vor sich hat. Mit ihr wollte ich diesen schönen Menschen ein Denkmal setzen, die so besonders freundlich und liebevoll mit meinen Brüdern umgingen. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass es gerade die hinreißend gut aussehenden, herzlichen und tollen Leute waren, die ihnen ohne Scheu Küsschen gaben oder kleine Geschenke mitbrachten. Und dass Gemma im Film größer ist als er, gefällt mir besonders, weil es viele Mädchen gibt, die größer sind als die meisten Jungen in ihrer Klasse. Mir ging das auch immer so."

Wie sind Sie selbst zum Film gekommen?
"Ich habe immer gerne Geschichten gehört und erzählt, auch in der Schule. Ich habe auch gern Sport gemacht, aber besonders gern Theater gespielt, gezeichnet, gemalt und fotografiert. Und weil beim Film alles zusammenkam, was ich mochte, habe ich dann an der Curtin Universität in Perth Film studiert und meinen Abschluss mit dem 'Bachelor of Arts' gemacht. Mit meinen Kurzfilmen hatte ich einen ziemlichen Erfolg, ich wurde damit auf Festivals eingeladen, auch in Europa, und 1999 und 2000 wurde ich mit 24 bzw. 25 Jahren als beste Nachwuchs-Filmerin für den Westaustralischen Film-Preis nominiert. 2004 habe ich mich dann an das Drehbuch für meinen ersten Spielfilm gemacht und bei einem Film- und Fernseh-Büro eingereicht. Daraufhin lud man mich ein, an einem Drehbuch-Workshop mit renommierten Leuten teilzunehmen und als das Buch endgültig fertig war, wurde es Toni Collette zugespielt. Die war von der Geschichte ganz begeistert und da konnte dann eigentlich nichts mehr schief gehen."

Warum haben Sie Ihren Film "The Black Balloon" genannt?
"Ein bunter Luftballon steht oft als Sinnbild für die unbeschwerte Bilderbuch-Kindheit. In meinem Familienfilm aber erzähle ich von einer etwas anderen, mitunter sehr chaotischen Kindheit, in der es neben all dem Spaß und der Lebensfreude eben auch viele traurige Momente gibt. Deshalb schien mir 'Der schwarze Ballon' als Titel sehr geeignet. Meinem Produzenten und der Crew auch.

Mit Elissa Down sprach Uta Beth

 

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