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Ausgabe 115-3/2008

DER SOHN VON RAMBOW

SON OF RAMBOW

DER SOHN VON RAMBOW

Produktion: Hammer & Tongs; Großbritannien 2007 – Regie und Buch: Garth Jennings – Kamera: Jess Hall – Schnitt: Dominic Leung – Musik: Joby Talbot – Darsteller: Will Poulter (Lee Carter), Bill Milner (Will Proudfoot), Jessica Stevenson (Mary Proudfoot), Joshua (Joshua), Ed Westwick (Laurence Carter) u. a. – Länge: 96 Min. – Farbe – Verleih: Senator – Altersempfehlung: ab 12 J.

Ein englisches Städtchen irgendwann in den frühen Achtzigern. Der elfjährige Will Proudfoot und der etwas ältere Lee Carter sind so unterschiedlich, wie man es sich nur vorstellen kann. Will, ein folgsamer Junge, führt ein zurückgezogenes Leben innerhalb der strengen Regeln und Verbote der Plymouth Brethren, einer Religionsgemeinschaft, der auch seine verwitwete Mutter und seine jüngere Schwester angehören. Lee hingegen wird mehr schlecht als recht von seinem älteren Bruder versorgt, denn seine Mutter lebt im Ausland und seinen Vater hat er nie gekannt. Frech und unbekümmert tut er alles, um seinem Ruf als Schulrabauke gerecht zu werden. Zudem ist er ein ausgesprochener Kinofan, der die Vorführungen heimlich mit der Videokamera aufzeichnet. Will hingegen sind aus religiösen Gründen weltliche Zerstreuungen wie Musik, Fernsehen oder Filme untersagt. Doch mit selbst gezeichneten Comicstrips, die jede Seite seiner Bibel wild überwuchern, lebt er dennoch seine überbordende Fantasie aus.

In einer geschickten Parallelmontage skizziert der Film treffend den Alltag und die Charaktere dieser ungleichen Jungs, die in einem sterilen Schulflur erstmals zusammentreffen: Wieder einmal wartet Will vor seinem Klassenzimmer, bis seine Mitschüler einen Lehrfilm angeschaut haben. Zwei Türen weiter sitzt Lee, weil er, wie so oft, den Unterricht gestört hat. Eine folgenschwere Begegnung, die für Will gegen alle Widerstände der Plymouth Brethren zu einem "Erweckungserlebnis" der ganz anderen Art führen wird.

"Der Sohn von Rambow" ist nach "Per Anhalter durch die Galaxis" (USA, England 2005) der zweite Spielfilm des Hammer & Tongs-Teams, und in altbewährter Manier ist Garth Jennings für Regie und Drehbuch, Nick Goldsmith für die Produktion verantwortlich. Dass sich das englische Kreativduo bislang vor allem mit Video- und Werbefilmen einen Namen gemacht hatte, sollte nicht schrecken. Hier erleben wir keine auf Hochglanz polierte Mainstream-Geschichte, sondern eine sensibel inszenierte Kinder- und Jugendkomödie, die ihren ansteckenden Charme nicht zuletzt der unbekümmerten Spiellust ihrer jungen Laiendarsteller verdankt. Skurril, humorvoll und manchmal melancholisch lässt "Der Sohn von Rambow" den grenzenlosen Erfindungsreichtum, die Sehnsüchte und Rivalitäten der Kindheit wiederaufleben, auch den vorbehaltlosen Enthusiasmus, mit dem man sich den Dingen widmet. Und diesem breit grinsenden Lee und dem zerbrechlich wirkenden und doch so zähen Will nehmen wir die dazugehörigen Handlungsturbulenzen nur allzu gerne ab.

Denn trotz aller Unterschiede finden sich die beiden Außenseiter unverhofft bei einer gemeinsamen Leidenschaft wieder – dem Filmemachen. Mit List und Tücke heuert der gewiefte Carter den naiven Will als Stuntman für ein selbst gedrehtes Video an, das er beim diesjährigen Fernsehwettbewerb einreichen möchte. Zusammen drehen sie ein Remake von "Rambo". Dieser Actionklassiker ist der erste Film, den Will – dank Lee – in seinem Leben gesehen hat, und er hat ihn zutiefst beeindruckt. Die cineastische Initiation öffnet sämtliche Schleusen seiner gebändigten Kreativität und überrascht stellt Lee Carter fest, dass er nicht nur einen willfährigen Helfer, sondern auch einen höchst einfallsreichen Co-Regisseur und einen treuen Freund gefunden hat. Mit halsbrecherischen Stunts, fliegenden Pappmachéhunden und immer neuen Ideen schreiben sie Rambos Geschichte neu. Und in dem martialischen Helden finden die vaterlos aufgewachsenen Kinder einen gemeinsamen Ersatzvater – wenn auch nur im Film.

Immer bemüht, ihre cineastischen Aktivitäten vor den Erwachsenen, insbesondere den Lehrkräften und der argwöhnischen Plymouth-Bruderschaft geheim zu halten, sind Lee und Will nicht darauf vorbereitet, dass die wahre Bedrohung aus den eigenen Reihen kommt. Denn plötzlich wird das spannende Filmprojekt auch für den obercoolen französischen Austauschschüler Didier und seine devote Fangemeinde interessant. Und so finden die Jungregisseure sogar Einlass in den angesagten Clubraum der Oberschüler. Detailfreudig zelebrieren hier Kostüm, Maske und Musik den 80er-Jahre-Spirit mit seinen asymmetrischen Frisuren, schillernden Lidschatten, mit Depeche Mode- und Duran Duran-Songs. Dass ausgerechnet der schüchterne, aber einfallsreiche Will im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, verdrießt den eifersüchtigen Lee zunehmend. Am Ende steht nicht nur der gemeinsame Film, sondern auch ihre frischgebackene Freundschaft kurz vor dem Scheitern.

Ähnlich wie Michel Gondrys "Abgedreht" ist auch "Der Sohn von Rambow" eine Reminiszenz an die Kraft der Imagination und an das Filmemachen als kreativen, verbindenden Akt. Es ist komisch und verblüffend zugleich mitzuerleben, wie dünn die Trennlinie zwischen dem amateurhaften Home-Movie der Jungs und der professionellen Filmkunst tatsächlich ist – eine Frage von Technik und Budget. Allerdings sind ohne Ideenreichtum auch die teuersten Produktionen nicht viel wert. Dass manche Storybausteine etwas formelhaft geraten sind – der Schluss entwickelt sich allzu melodramatisch und die weltferne Religiosität Wills grundiert in erster Linie die unschuldige Ekstase, die das unbekannte Medium Film in ihm zu wecken versteht – ist durchaus zu verkraften. Denn es ist schwer, der liebenswerten Magie dieses Films, der die Erinnerung an die grenzenlos erscheinenden Möglichkeiten der Kindheit auch in uns Erwachsenen weckt, zu widerstehen.

Ula Brunner

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DER SOHN VON RAMBOW im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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