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Ausgabe 115-3/2008

ZWERG NASE – 2008

Produktion: Kinderfilm GmbH Erfurt, in Koproduktion mit Moviepool GmbH München, im Auftrag des BR; Deutschland 2008 – Regie: Felicitas Darschin – Drehbuch: Felicitas Darschin und Egbert van Wyngaarden – Kamera: Axel Block – Schnitt: Thomas Kohler – Darsteller: Justus Kammerer (Jakob als Kind), Michael Markfort (Jakob als "Zwerg Nase"), Mechthild Großmann (Fee Kräuterweis), Markus Majowski (Herzog Alois), Inga Busch (Gräfin Wilhelmine) u. a. – Länge: 89 Min. – Farbe – Alterseignung: ab 6 J.

Jakob ist ein guter Junge, der lieber seiner Mutter auf dem Gemüsemarkt hilft als dem Vater in der Schusterwerkstatt. Er besitzt einen ausgeprägten Sinn für das Schöne, sortiert Gemüse und Obst nach Farben. So ist Jakob erbost und wird unflätig, als ein hässliches altes Weib die frischen Kräuter verdirbt. Die Alte lässt Jakob ihre Einkäufe nach Hause tragen, wo sie sich als Fee Kräuterweis zu erkennen gibt und ihn mit Zauberlist in ihrer Hexenküche sieben Jahre lang in die Lehre nimmt. Mit Hilfe eines verbotenen Krauts kann Jakob danach zwar entkommen, aber er ist missgestaltet. Seine eigenen Eltern erkennen ihn nicht mehr und jagen ihn fort. Am Hofe des exzentrischen Herzogs Alois kann Jakob sich einen Ruf als Koch machen, wird aber weiterhin wegen seiner Gestalt verspottet. Seine größte Herausforderung ist es, als er für die anspruchsvolle Gräfin Wilhelmine, um deren Gunst der Herzog wirbt, die Pastete Souzeraine oder Souzerainée zubereiten soll. Gans Mimi, ihrerseits ein verzaubertes Mädchen, hilft ihm dabei. Die besondere Zutat ist ein Kraut namens "Niesmitlust", das auch Jakob zurück verwandeln kann ...

Mit "Zwerg Nase", dem Spielfilmerstling der jungen Regisseurin und HFF München-Absolventin Felicitas Darschin, wurde das 26. Kinderfilmfest München eröffnet. Die Adaption des klassischen Märchens von Wilhelm Hauff verzichtet im Großen und Ganzen auf eine moderne Neuinterpretation der Geschichte vom hübschen und schöngeistigen Jungen Jakob, der bei einer Kräuterhexe in sieben Lehrjahren harte Arbeit und Küchendienste verrichten muss und danach in verwunschener, hässlicher Gestalt von seinen eigenen Eltern nicht mehr erkannt wird. Die größte inhaltliche Veränderung besteht im Verzicht auf die politische Aussage des Märchendichters, der die Vielstaaterei im Deutschland seiner Zeit kritisierte. Anstelle von Krieg und einem herzoglichen Gast, der mit den Kochkünsten von Zwerg Nase zum "Pastetenfrieden" bewegt werden soll, setzt das Drehbuch auf die Liebe, die bekanntlich durch den Magen geht. Die Angebetete des Herzogs, anspruchsvoll und verwöhnt, soll dessen Werben mit Hilfe der exquisiten Speisen von "Koch Nase" endlich nachgeben. Bedauerlicherweise versteigt sich hier der Film darin, die Lust am Essen allzu deutlich in orgiastisches Vergnügen umzusetzen, wie wir es aus der Restaurantszene bei "Harry und Sally" kennen – ein überflüssiger running gag, vermutlich zugunsten des erwachsenen Anteils beim "Family Entertainment" eingeführt, der den Eindruck verstärkt, dass der Film mitunter sein eigentliches, junges Publikum – Kinder ab sechs Jahren – aus den Augen verliert.

Zugute halten muss man der rund 1,2 Millionen teuren Fernsehproduktion ihren äußerst stimmigen Look. In der "guten alten Zeit" belassen, begeistert die üppige und aufwändige Ausstattung mit detailfreudigen Kulissen, Kostümen und phantasievollen Requisiten wie etwa der Feuer speienden Drachen-Kuckucksuhr, die die sieben Lehrjahre Jakobs schlägt. Die Szenen im Haus der Kräuterfee wurden effektvoll in und auf Eis gedreht, was bei der Kinoprojektion der Digi Beta-Kopie etwas an Wirkung einbüßte, aber das "Caligari"-Zitat des expressionistischen Interieurs blieb unverkennbar.

Auch bei der Besetzung beweist "Zwerg Nase" ein glückliches Händchen, vom aufgeweckten Justus Kammerer als der junge Jakob bis zu Michael Markfort, der den "Koch Nase" mit großer Sensibilität spielt. Mechthild Großmann gibt eine phantastisch wandelbare Kräuterfee-Hexe, und mit Markus Majowski als unersättlichem Herzog bewegt sich der Film ohnehin auf der sicheren, wenn auch klamaukigen Seite. Man merkt den Schauspielern an, dass sie beim Dreh viel Spaß gehabt haben müssen, so ausgelassen sind vor allem die Szenen im herzoglichen Schloss, die von einer beschwingten Musik untermalt werden. Leider sind die dramaturgischen Schwächen der Märcheninszenierung nicht zu übersehen: So führt die Kurzsichtigkeit der Gans Mimi erst umständlich zu einer Brille, die sie dann doch nie trägt und die für die entscheidende Suche nach dem erlösenden Zauberkraut auch nicht nötig ist. Wie es Jakobs Eltern ergeht, als ihr Sohn von seinem Botengang mit der unheimlichen alten Frau nicht zurückkehrt, bleibt uns Zuschauern ebenfalls verborgen – wie auch in Hauffs Märchen. Schade um die Chance, dieser wichtigen, "modernen" Frage einmal nachzuspüren und damit den Figuren mehr Tiefe zu geben und ihr Leiden erfahrbar zu machen.

So ist die Moral von der Geschicht' das größte Manko des Films wie des Märchens: Nur der wohlgestalte Jakob wird von seinen Eltern erkannt und als Sohn akzeptiert. Bei der ersten Begegnung in Zwergengestalt kann Jakob seine Mutter nur scheinbar von seiner wahren Identität überzeugen; sobald der Vater den Missgestalteten als Betrüger beschimpft und hinauswirft, zerrinnt ihre Gewissheit – ihrem Erkennen lag eher die Sehnsucht zugrunde, den verlorenen Sohn wieder gefunden zu haben. Jakob und seine Braut Mimi lernen sich zwar in jeweils verwunschener Gestalt kennen und lieben, aber die beiden werden erst in menschlicher bzw. hübscher Gestalt von der Gesellschaft akzeptiert. Die tragische Figur Zwerg Nase wird somit nicht wirklich erlöst und die Botschaft, dass die wahren Werte hinter dem schönen oder eben hässlichen Schein liegen, greift nicht so recht. Den Kindern gefällt das Märchen dennoch, weil ja schließlich alles gut ausgeht – scheinbar.

Ulrike Seyffarth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 115-3/2008 - Interview - "Wir haben versucht, eine zweite Ebene zu schaffen, weil es auch ein Familienfilm sein soll"

 

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