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Ausgabe 115-3/2008

Märchen passen wunderbar in unsere gegenwärtige "restaurative" Zeit

Wir sprachen mit Arend Agthe anlässlich der Weltpremiere seiner Märchenverfilmung "Dornröschen" für das ZDF beim Kinderfilmfest im Rahmen von Filmfest München.

(Interview zum Film DORNRÖSCHEN – 2008)

Dies ist nach "Rotkäppchen" (2005), "Hänsel und Gretel" (2006) und "Rumpelstilzchen" (2007) die vierte von sechs geplanten Neuverfilmungen der bekanntesten Märchen der Brüder Grimm.

KJK: Wie war die Zusammenarbeit mit dem ZDF und der Redakteurin Dagmar Ungureit, die diese Märcheninitiative gestartet hat?
Arend Agthe: "Es war vor allem von Vertrauen geprägt. Dagmar Ungureit hat mir bei meiner Arbeit viel Freiheit gelassen."

Hatten Sie von Anfang an bestimmte Vorstellungen, wie Sie es machen bzw. nicht machen wollten?
"Nachdem ich mir einige Märchenverfilmungen angesehen hatte, fand ich manches vom Ansatz nicht so geglückt – einiges war mir zu humorlos, anderes zu dicht der Symbolik verhaftet, oder 'bleiern' ernsthaft. Ich hatte es dadurch natürlich leichter, bestimmte Fehler zu vermeiden."

Wann haben Sie sich erstmals mit der Märchenverfilmung von Dornröschen beschäftigt?
"Vor etwa fünf bis sechs Jahren, als ich in einer Autorengruppe für das Projekt ins ZDF eingeladen worden war. Damals durfte ich mir aus den sogenannten 'Grimmschen Kernmärchen' eines aussuchen. Ich habe damals alle durchgelesen und meine Wahl fiel zielgerichtet auf 'Dornröschen'. Ich war überrascht, dass kein anderer Autor dieses Märchen optiert hatte."

Können Sie sich vorstellen, warum das so war?
"Nicht wirklich! Allerdings fand ich beim Lesen einen Aspekt des Märchens unbefriedigend: die Geschichte des Prinzen. Bei Grimm ist er ein 'Hans im Glück', nicht gerade mit viel Intuition und Intellekt ausgerüstet. Einfach einer, der blind den Sirenenklängen der Liebe folgt und in die Dornenhecke rennt. Nur hat er das Glück, dass in diesem Moment die hundert Jahre um sind. Dadurch überlebt er. Ich fand das als Schwachstelle und wollte einen Prinzen, der aktiv um seine Liebe kämpft."

Geht es also in Ihrem "Dornröschen" um die Kraft der Liebe?
"Auch. Und ums Erwachsenwerden, um erste erotische Gefühle und die Ängste, die damit verbunden sind. Und um die Angst der Eltern, besonders die der Mutter, ihr Kind zu verlieren. Es gibt ja diese doppelte Mutterfigur im Märchen. Die gute Mutter, die behütende, die ihr Kind nicht loslassen kann und die böse, die 13te Fee, die das Kind verstößt und verflucht."

Eine originelle Idee auch, das Märchen im 18. Jahrhundert zu starten und im 19. Jahrhundert zu vollenden ...
"Ich fand es schön, mit Dirk Bach und ChristTine Urspruch ein mittelalterlich anmutendes Bilderbuch-Königspaar zu zeigen, das sich so sehr ein Kind wünscht. Im Gegensatz dazu die Welt des Prinzen, die bereits der Moderne verhaftet ist. Es macht den 100-jährigen Zeitsprung für den Zuschauer deutlich."

Herausgekommen ist ein Arend-Agthe-Film mit eigener Handschrift. Wie viele Drehtage standen zur Verfügung?
"Zwanzig. Wir mussten es schaffen, denn wir hatten weniger Geld zur Verfügung als ein normales Fernsehspiel. Der Film war, für das was er bietet, extrem preiswert, 1,17 Millionen. Eigentlich waren ursprünglich 26 Tage veranschlagt."

Hat das Wetter mitgespielt? Denn es ist ja auch ein sommerlicher Film ...
"Da hatten wir wirklich unwahrscheinliches Glück. Wir drehten 1200 Meter hoch im österreichischen Mauterndorf. Da fiel Anfang September bereits ein Meter Schnee. Das sahen viele als schlechtes Omen. Aber dann kurz vor dem Dreh wurde es wieder sommerlich warm und der Schnee taute weg."

Welche Vorgaben gab es für das Märchen, welche Kriterien sollten erfüllt werden?
"Der Film sollte möglichst eng an der Märchenvorlage bleiben. Mit erkennbaren Elementen, z. B. Original-Zitate. Aber es war uns allen klar, dass man die Original-Märchen, die ja bei Grimm relativ knapp erzählt sind, nicht so einfach auf neunzig Minuten bringen kann. Es mussten zusätzliche Episoden und Handlungsstränge erfunden werden. Als ich mir darüber Gedanken machte, bin ich auf den 'Jules Verne-Ansatz' gekommen. Der Prinz als Erfinder und Pionier, der mit Katapulten, Stabhochsprung und einem Gasballon versucht, die Dornenhecke zu überwinden. Übrigens, die kleine Kamera, mit der die Taube Luftaufnahmen macht, ist wirklich zeitgemäß nachgebaut. Sie wurde im deutsch-französischen Krieg 1870/71 erstmalig an Tauben ausprobiert."

Märchenfilm ist ein Genre, das man nicht mit dem Namen Arend Agthe verbindet, was hat Sie veranlasst, dieses Angebot anzunehmen?
"Genres, die ich noch nicht ausprobiert habe, interessieren mich, sie beflügeln die Phantasie ... Aber ich hatte mich schon einmal mit einer Märchenadaption beschäftigt, mit dem 'Fischer und siner Fru'. Das Werk scheiterte allerdings an den Kosten. Es war nämlich als Open-Air-Eis-Show geplant. Für die Produzenten als Realfilm einfach zu teuer und zu aufwändig."

Wie bei vielen Kinderfilmen spielt auch hier ein Kind des Regisseurs mit. Wie kam es dazu?
"Unser Sohn David hatte Herbstferien und besuchte uns am Set und da hatte er Lust mitzumachen. Er spielt ein Kind am Hofe von Königin Margarete, die übrigens von meiner Frau, Bettina Kupfer, dargestellt wird."

Wer suchte die Kinder aus?
"Britt Beyer, eine Casterin aus Berlin. Sie hat viele Vorschläge gemacht. Die haben wir dann genau in Augenschein genommen. Es blieben am Ende zehn bis zwölf junge Paare; mit denen machten wir Probeaufnahmen. Ich empfinde Moritz Schulze als Prinz Frederik eine Entdeckung. Er hat so etwas Altmodisches, spielt wach und sehr intelligent. Bei der Besetzung der erwachsenen Rollen lief es anders. Viele hatte ich bereits beim Schreiben im Kopf."

Brauchen Kinder Märchenfilme?
"Wenn damit phantasievolle Filme gemeint sind, die archaische, menschliche Grundkonflikte ansprechen, würde ich sagen: ja."

Warum steigt das Fernsehen so sehr auf Märchen ein?
"Ich vermute, weil sie gerade in Mode sind. Schließlich ist es mehr als 30 Jahre her, dass Märchenfilme in großer Anzahl produziert worden sind. Sie sind also in gewisser Weise wieder 'dran'. Sie passen wunderbar in unsere gegenwärtige 'restaurative' Zeit. Solche Epochen gibt es offenbar immer wieder. Sie sind gekennzeichnet durch Risikolosigkeit und Ausblendung von gesellschaftlichen Problemen. Man könnte heute doch so viele zeitgemäße Themen filmisch behandeln, dass einem schwindlig wird. Stattdessen wird im Kinderfilm weitgehend Unterhaltung gemacht. Allerdings spüre ich langsam ein Ende dieser Phase. Es wird wieder mehr gewagt."

Was bedeutet das für den Kinderfilm?
"Dass man möglicherweise wieder anders an Stoffe herangeht. Die, die sich als 'Marke' eignen, sind ja nur begrenzt vorhanden. Und was das Produzieren angeht, kann man für weniger Geld als üblich gute Filme machen. Es gibt andere Formen, die auch für Kinder interessant sind. Man könnte sich semi-dokumentarische Formen vorstellen, mit real existierenden Kindern. Was die Märchen angehen, denke ich, dass in ein, zwei Jahren eine Müdigkeit einsetzen wird, weil einfach zu viele produziert worden sind."

Was ist Ihrer Meinung nach die optimale Länge für Kinderfilme?
"80 bis 85 Minuten. Auf jedem Fall unter 90. Das Kinderfilm Publikum hat sich verjüngt. Wer heute einen Kinderfilm macht, muss die Altersgruppe tiefer ansetzen; zwischen 6 und 10 Jahren, da heute mit 10 meistens schon die Pubertät einsetzt."

Zurück zu "Dornröschen", wie sieht die Zukunft dieser Märchenverfilmung aus?
"Der Film läuft in diesem Jahr zu Weihnachten im Fernsehen. Wir werden vorher noch durch einige Festivals gehen, Hamburg, Starnberg, Wien."

Aber ein Verleih wäre ihm zu wünschen.
"Ja, das wäre schön!"

Interview: KJK-Redaktion

 

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