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Ausgabe 115-3/2008

"Wir haben versucht, eine zweite Ebene zu schaffen, weil es auch ein Familienfilm sein soll"

Gespräch mit Felicitas Darschin, Regisseurin des Films "Zwerg Nase"

(Interview zum Film ZWERG NASE – 2008)

KJK: Was hat Sie an dem Märchen "Zwerg Nase" besonders interessiert?
Felicitas Darschin: "Das war vor allem der Humor, den Wilhelm Hauff in seinen Geschichten hat. Wenn man sich zum Beispiel die Grimmschen Märchen anschaut, sind diese sehr archaisch, sehr ernst. Wenn man sie verfilmt, kann es passieren, dass man sie mit erhobenem Zeigefinger erzählt und das wollten wir nicht. Ich finde es sehr wichtig, bei Kinderfilmen auch eine ironische Note rein zu bringen und da war 'Zwerg Nase' die ideale Vorlage."

Gab es auch thematisch etwas, das Sie reizte?
"Die Kernaussage der Geschichte ist, dass der äußere Schein nicht das Wichtigste ist, sondern innere Werte zählen. In diesem Märchen steckt also ein zeitloses Thema, das für Kinder besonders wichtig ist, gerade wenn man ihnen beibringen will, dass sie beispielsweise einen Penner auf der Straße nicht beschimpfen, dass sie auf den inneren Wert des Menschen achten sollten. Das ist ein sehr schönes Thema in 'Zwerg Nase'."

Sie haben auch am Drehbuch mitgewirkt. Stand da mal zur Debatte, das Märchen in die heutige Zeit zu transportieren?
"Das stand tatsächlich zur Debatte und einige Fernsehsender haben bei anderen Märchen versucht, eine moderne Rahmenhandlung zu finden. Es wurde aber klar herausgefunden, dass das bei Kindern nicht gut ankommt. Wir waren der Meinung, dass der Film in die Biedermeierzeit gehört, in der auch das Originalmärchen spielt. Wir wollten der Vorlage treu bleiben, denn die Atmosphäre dieses Märchens entfaltet sich am besten in dieser Zeit. Authentisch zu sein und die Traditionslinie zu verfolgen, war meiner Meinung nach die beste Entscheidung. Natürlich ist das eine Gratwanderung. Wir haben auch eine moderne Note gefunden, beispielsweise das Haus der Fee sehr stark modernisiert und dort eine surreale Welt geschaffen, die losgelöst von der Biedermeierzeit und den damaligen Kostümen ist. Wir haben auch den Humor noch sehr verstärkt, auch das ist ein moderner Ansatz. Was wir aber nicht wollten, ist die Figur völlig aus ihrer Welt zu lösen und in das Jahr 2000 zu versetzen. Dann kann man nicht mehr erzählen, dass eine Fee auf den Markt kommt und den Sohn einer Gemüsehändlerin entführt."

Ist es nicht zu sehr der Humor von Erwachsenen, gerade was die sexuellen Anspielungen betrifft?
"Also ich glaube, dass es eine zweite Ebene gibt, die für die Erwachsenen funktioniert, die Kinder aber nicht verstehen müssen, zumindest nicht zu hundert Prozent, um der Handlung des Films zu folgen. Wir haben versucht, diese zweite Ebene zu schaffen, weil es auch ein Familienfilm sein soll. Eltern und Großeltern sollen am Film ebenfalls ihren Spaß haben. Diese zweite Ebene sollte der Wahrnehmung der Kinder aber nicht im Weg stehen. Es gab zwar Diskussionen über die sexuellen Anspielungen, aber ich glaube, Kinder haben sehr viel Spaß an diesem urtümlichen Genuss, der beim Essen herrscht, das hat etwas sehr Haptisches und das funktioniert bei Kindern sehr gut."

Warum wurde dem Herzog und der Gräfin vergleichsweise viel Raum gewidmet?
"Kinder haben interessanterweise sogar oft mehr Spaß an erwachsenen Figuren. Es gibt eine Website im Internet, auf der die Kinder ankreuzen sollten, wer ihnen am besten gefällt und da lag der Herzog immer weit vorne, unter anderem auch, weil die Essmanieren den Kindern Spaß machen, alles, was nicht so diszipliniert wie zuhause zugeht."

Dem Film wurde vorgeworfen, er sei sehr traditionell, auch in seinen Rollenbildern. Wie sehen Sie das?
"Die Anspielungen mit den weiblichen Fingern etwa sollen nicht bedeuten, dass die Frau in die Küche gehört oder dass es ihr nur ums Essen geht, ganz im Gegenteil. Ich glaube, wir haben sehr anarchische Figuren entwickelt wie zum Beispiel die Gräfin Wilhelmine, die sich auch mit Astrologie und Esoterik beschäftigt, die eindeutig Macht über Herzog Alois hat und mit ihm spielt. Da haben durchaus auch die Frauen die Hosen an. Einen Film traditionell zu erzählen im Sinn von archaischen Rollenfiguren ist nicht das Schlechteste, denn das hat sich im Laufe einer langen Filmgeschichte bewährt."

Was verbinden Sie mit der Kochkunst?
"Ich persönlich koche und esse sehr gerne. Das ist etwas sehr Sinnliches, was wir auch stark im Film thematisiert haben. Nicht zufällig sagt man: Liebe geht durch den Magen. Schließlich finden sogar Mimi und Jakob zueinander, weil sie das richtige Rezept für die richtige Pastete finden, was sie dann auch rettet. Kochen und Essen sind nach Liebe und Sexualität die wichtigsten Themen, die die Menschen beschäftigen. Deswegen ist es sehr schön, darüber auch einen Film machen zu können. Das ist etwas sehr Ästhetisches."

Gilt das auch für Kinder?
"Jein. Bevor ich den Film machte, habe ich mir das gleichnamige Marionettentheater in München angeschaut. Dort konnte ich feststellen, wenn viel über das Essen geredet wurde, aber kein Essen zu sehen war, wurde es den Kindern langweilig. Wir haben das also nicht zu theoretisch anpacken wollen und zu zeigen versucht, wie die Protagonisten mit dem Essen umgehen, dass es ihnen schmeckt, dass sie schmatzen und grunzen. Auf diese Weise wird das Thema für Kinder zugänglich."

Würden Sie sich wünschen, dass der für das Fernsehen produzierte Film auch ins Kino kommt?
"Man wünscht sich immer, dass man Filme auch im Kino vor großem Publikum zeigen kann, aber angedacht war es nie. Es war eine reine Auftragsproduktion für das Fernsehen. Umso erfreulicher ist es, dass der Film schon auf zwei Festivals gelaufen ist und auch im Kino immer wieder präsent sein wird. Grundsätzlich ist es schwer, für eine Fernsehproduktion noch einen Kinoverleih zu finden. Es wäre wünschenswert und ist auch noch möglich, war aber bisher kein konkretes Ziel."

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrem Debütfilm gemacht und möchten Sie sich weiter in Richtung Kinderfilm bewegen?
"Auf jeden Fall, ich hätte große Lust, auch wenn ich mir das vorher nicht zum Ziel gesetzt habe. Ich möchte aber nicht nur Kinderfilme drehen, denn für einen Regisseur ist es am Anfang besonders wichtig, seine Vielseitigkeit zu zeigen. Ich fand gerade den Bereich Märchen wunderschön und die Arbeit am Set mit den Kindern sehr angenehm, denn sie waren offen, phantasievoll und verspielt. Da arbeitet man weniger über den Kopf als über den Bauch. Das ist für einen Künstler, der ebenfalls verspielt und verträumt sein muss, eine schöne Erfahrung. Leider wird der Kinderfilm aber nicht so ernst genommen wie der Film für Erwachsene. Da wird argumentiert, weil es nur ein Kinderfilm ist, müssen wir mit weniger Geld und Gagen auskommen. Das ist falsch, denn ich finde es wichtig, gute Unterhaltung für Kinder zu machen."

Woran liegt es denn, dass der Kinderfilm nicht so ernst genommen wird?
"Da kann ich nur mutmaßen. Es könnte mit einer Werbepolitik zu tun haben, bei der wie im Fernsehen die Zielgruppen dominieren, die für die Werbung interessant sind. Besonders bei den Privatsendern ist das ganze Programm stark darauf ausgerichtet. Kinder sind aber keine kaufkräftigen Zuschauer, die haben in der Marktwirtschaft nichts zu sagen. Es liegt teilweise aber auch an den Filmemachern, die lieber Filme für Erwachsene drehen, weil dann das Publikum größer, breiter und intellektueller ist, weil man weniger schlicht erzählen muss. Ich sehe das aber nicht so, denn Kinder verstehen oft viel mehr als wir denken."

Interview: Holger Twele

 

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