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Ausgabe 116-4/2008

EIN AUSSERIRDISCHER SOMMER

SUMMER OF THE FLYING SAUCER

Produktion: Magma Films / Galway; Irland 2007 – Regie: Martin Duffy – Buch: Marteinn Thorisson – Kamera: Seamus Deasy – Schnitt: Michael Leszczylowski – Musik: Stephen McKeon – Darsteller: Robert Sheehan (Dan), Joanne Kernan (Janis), Jens Winter (Jimi), Dan Colley, Hugh O’Conor, Lorcan Cranitch, John Keogh, Pay Sweeney u. a. – Länge: 84 Min. – Farbe – Deutsche Erstaufführung: "Lucas 2008", 31. Internationales Kinderfilmfestival in Frankfurt am Main – Weltvertrieb: www.telepool.de" – Altersempfehlung: ab 10 J.

Die irische Literatur ist reich an Stoffen mit außergewöhnlichen Ereignissen und skurrilen Typen. Die "Killoyle"-Romane von Roger Boylan oder die Bücher von Flann O'Brien sind dafür die besten Belege. Unmögliches wird möglich und mit lakonischer Selbstsicherheit wird bewiesen, was sonst als unbeweisbar gilt, wie in "In Schwimmen-Zwei-Vögel" beispielsweise. O'Briens Roman handelt von einem nicht sonderlich begabten Schriftsteller, der die Dinge durcheinander bringt, bis sich die Personen seines Romans verselbständigen und sich in einem alten Kino zu einer Protestversammlung gegen ihren Autor treffen. Das ist ebenso selbstverständlich wie die Dienstauffassung der Polizisten in "Der dritte Polizist". Statt einen Mörder zu verhaften, der sie auf ihren surrealen Dienstfahrten begleitet, sind sie ausschließlich mit der Registrierung, Suche und Exekution von Fahrrädern beschäftigt. Und das, was in der Literatur möglich ist, gilt auch für irische Filme. Der 1952 in Dublin geborene und heute in Berlin lebende Autor und Regisseur Martin Duffy ist einer von denen, die solche Sujets lieben und in ihren Arbeiten Phantasien freisetzen. In seinem Film "Der Junge vom Merkur" (1996) fühlt sich ein achtjähriger Junge aus Dublin als Außerirdischer und in "Ein außergewöhnlicher Sommer" geht es um die Liebesgeschichte zwischen einer Außerirdischen und einem irischen Jungen im Sommer des Jahres 1967 – dem "Summer of Love", der alles möglich macht.

Ort des Geschehens ist ein kleines Nest in Mayo. Der zentrale Platz ist – wie in jedem irischen Dorf – der Pub, rechts daneben ein Kinozelt und linkerhand die Kirche. Der 14-jährige Dan Mullaney kommt zu Beginn der Sommerferien nach Hause. Er hat sich verändert; er trägt lange Haare, auf der Jeansjacke ist das "Peace"-Zeichen befestigt und sein Motto ist "Make Love not War". Die "Hippies" sind auch das Thema in "Feeney's" Pub. Die Zeitungen berichten von Demos und Verhaftungen. Der Wirt, gleichzeitig auch Wortführer seiner Gäste und tonangebend in politischen Dingen, wettert energisch gegen diese Jugend. Sie ist ihm ebenso verhasst wie der Kommunismus, der für alles Schlechte dieser Welt herhalten muss.

Dans Mutter ist tot; sein Vater ist Farmer und hat alle Hände voll zu tun. Er ist mit dem Outfit seines Sohnes nicht einverstanden und auch nicht damit, dass Dan später zum College gehen und den Ort verlassen möchte. In einer Situation, als Dan verzweifelt über seine Zukunft nachdenkt, passiert es: Aus dem Schuppen dringen ungewöhnliche Geräusche. Als Dan nachsieht, stößt er auf ein geheimnisvolles Wesen, das von einem Kapuzenmantel umhüllt ist und die Flucht ergreift. Dan folgt der Gestalt und kann sie einholen, als sie stürzt. Es ist ein junges Mädchen mit merkwürdig strahlenden Augen: ein Alien. Da es sich beim Sturz leicht verletzt hat, braucht es Hilfe. Dan kümmert sich um dieses Wesen. Als Dan seinen Freund Pat am nächsten Tag zu der Stelle führt, wo ein gelandetes Ufo Spuren hinterlassen hat, kommt das Mädchen in Begleitung des Fluglehrers hinzu, dessen stoischer Gesichtsausdruck keine Emotionen zeigt. Die Jungen erfahren, dass die beiden Alien notgelandet sind und ihr Raumschiff repariert werden muss. Dan und Pat bieten ihre Hilfe an. Aber es ist nicht einfach, sie vor den neugierigen Augen der Dorfbewohner zu verstecken, deren Ängste vor den "Außerirdischen" durch den aktuellen Kinofilm "They came from beyond" geschürt werden. Beim Kinobesuch kommt es zu einem ersten Zusammentreffen mit den Leuten aus dem Ort. Dan und Pat müssen improvisieren; die beiden Alien geben sich Namen, die sie zufällig aufgeschnappt haben: Janis Joplin und Jimi Hendrix; sie sind Hippies und kommen aus Polen.

Dan und Janis verbringen viel Zeit miteinander. Er zeigt ihr die Landschaft und erzählt von den Menschen, die hier leben, dafür erfährt er von Janis mehr über ihren Heimatplaneten. Jimi ist mit seinen übermenschlichen Kräften eine willkommene Hilfe bei den Arbeiten auf der Farm. Als er im Pub ein Glas Guinness trinkt, zaubert der Alkohol ein Lächeln auf seine Lippen. Leicht angetrunken führt er den verblüfften Gästen einen Tanz vor. Von nun an wird Jimi akzeptiert, nur der Wirt bleibt skeptisch. Dans Vater und Jimi schließen sogar Freundschaft. Als bei einer vom Pfarrer organisierten Feier mit viel Tanz und Musik, die mit einer Massenrauferei endet, ein Feuer ausbricht, Jimi ein Unglück verhindert und zwei nette ältere Ladies rettet, wird er von allen gefeiert. Seine übernatürlichen Fähigkeiten muss er erneut beweisen, als aus einer missverständlichen Situation heraus Dan von dem Gastwirt versehentlich erschossen wird. Jimi verfügt über ein Mittel, um Dan ins Leben zurückzuholen; seine eigenen Kräfte aber lassen mehr und mehr nach. Es ist allerhöchste Zeit, zurückzukehren. Die Dorfbewohner tragen uneigennützig mit dazu bei, den Start zu ermöglichen. Sie spenden ihren Goldschmuck, da das Gold als Anschubkraft für das Raumschiff benötigt wird. Es ist auch die Zeit des Abschieds für Dan und Janis gekommen. Als das Raumschiff startet, erlebt der Ort ein prachtvolles, buntes Lichtspiel am nächtlichen Himmel – ein Anlass zu einer ausgelassenen Feier im Pub. Alle sind miteinander versöhnt; es wird wieder getrunken, gesungen und getanzt. Am Ende des Sommers, als Dan mit dem Bus den Ort verlässt, sieht er am Himmel eine letzte Botschaft der Alien: ein aus Wolken geformtes "Peace"-Zeichen.

Die Geschichte von dem irischen Landjungen, der sich in den Hippie-Zeiten in ein außerirdisches Mädchen verliebt, klingt eigentlich recht banal. Was die Qualität dieses Films ausmacht, ist aber nicht das, was er erzählt, sondern wie es filmisch aufbereitet wird: witzig, charmant und äußerst unterhaltsam. Der Film lebt von seinen Protagonisten, von der Authentizität der Charaktere, die typisch für das irische Landleben sind. Hierzu zählen in den Nebenrollen noch der junge, schmächtige Father Burke, der heimlich Gitarre übt und am Ende im Pub seinen großen Auftritt hat, sowie die beiden älteren Ladies Rosie und Renie, die immer gemeinsam agieren und auch ihr Äußeres aufeinander abgestimmt haben. Die Begegnung mit den Alien hat sie verändert; sie sind toleranter geworden und haben gelernt, Vorurteile abzubauen. Dan hat an Selbstbewusstsein gewonnen und Janis hat die Liebe als ein ihr bislang unbekanntes Gefühl entdeckt. Und auch Jimi hat gelernt, dass der Genuss von Guinness Emotionen auslösen kann, die Aliens ansonsten nicht eigen sind.

Der Film startet mit einer überflüssigen, in der Gegenwart spielenden Rahmenhandlung, die auch vom Regisseur nicht autorisiert wird. In dieser erzählt der erwachsene Dan per Videobotschaft seinen Studenten vor Ferienbeginn von seinem "Sommer of Love". Und aus dem Off kommentiert er dann den Rückblick auf seine Jugendzeit. Dieser Einstieg stört die atmosphärisch hervorragend gelungene Rekonstruktion des irischen Landlebens Mitte/Ende der 60er-Jahre. Bis ins Detail überzeugen Buch und Regie dadurch, dass sie ihre Figuren ernst nehmen und ihre mitunter schrulligen Auftritte nicht der Lächerlichkeit preisgeben.

Von besonderem Charme ist das Kinoerlebnis im Film: die Reaktionen des Publikums auf die Szenen mit den Außerirdischen in dem Science-Fiction-Film "They came from beyond" – ein für diese Zeit typisches B-Movie im Stil von Jack Arnolds "Gefahr aus dem Weltall" (USA 1953) oder Ed Woods "Plan 9 aus dem Weltall". Die Ausstattung, die Kostüme und der Sound dieses Films im Film orientieren sich an den Science Fiction-Filmen der 50er/60er-Jahre, die hier gekonnt parodiert werden. Die Dorfbewohner, die im Kino mit dem Angriff von Ufos auf die Erde konfrontiert werden, lernen später Alien kennen. Sie vergessen ihre Ängste und öffnen sich für andere Lebensweisen und -formen. Um alle Facetten dieser illustren Dorfgemeinschaft richtig zu genießen, muss man sich den Film "Ein außerirdischer Sommer" mindestens zweimal ansehen – am besten mit einem dazu passenden Getränk.

Horst Schäfer

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 118-4/2009 - Interview - "Für mich gibt es schon einen Unterschied zwischen einem Kinderfilm und einem Familienfilm"

 

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