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Ausgabe 116-4/2008

PHOEBE IM WUNDERLAND

PHOEBE IN WONDERLAND

Produktion: Silverwood Films; USA 2007 – Buch und Regie: Daniel Barnz – Kamera: Bobby Bukowski – Schnitt: Robert Hoffman – Musik: Christophe Beck – Darsteller: Elle Fanning (Phoebe), Felicity Huffman, Patricia Clarkson, Bill Pullman, Campbell Scott u. a. – Länge: 96 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Voltage Pictures, 6360 Deep Dell Place, 90068 Los Angeles, USA, Tel.: +1 323 464 8351, Fax: +1 323 464 8362, e-mail: sales@voltagepictures.com – Altersempfehlung: ab 10 J.

Zumindest im Fall von Elle Fanning, der neunjährigen überragenden Hauptdarstellerin der Titelfigur Phoebe, gewinnt man den Eindruck, dass die Schauspielerei wohl auch in den Genen liegen muss. Denn sie ist tatsächlich die vier Jahre jüngere Schwester von Dakota Fanning, die seit ihrem Welterfolg als Lucy Diamond in "Ich bin Sam" (2002) zur gefragten Kinderdarstellerin wurde. Als knapp Dreijährige schon hatte Elle in diesem Film ihrer Schwester mitgespielt (als die zweijährige Lucy). In "Phoebe in Wunderland" wiederum mag man fast nicht glauben, dass sie ihre Rolle nur bravourös spielt und nicht wirklich und wahrhaftig dieses so ängstlich und verletzbar wie mutig und selbstsicher agierende Mädchen Phoebe ist.

Vergleichbar mit dem zehnjährigen Musiker Chris in "The Tic Code" (1999) leidet Phoebe unter dem sogenannten Tourette-Syndrom, das sie durch unbedachte und nicht ihrem Willen unterworfene Äußerungen und Verhaltensweisen zur Außenseiterin in der Klasse und ansatzweise sogar in der eigenen Familie und gegenüber ihrer jüngeren Schwester macht. Zum Glück vermittelt der Film diese Diagnose erst gegen Ende hin und stellt nicht die Krankheit und ihre Folgen, sondern Phoebes Auseinandersetzung zwischen der äußeren Realität und ihrer eigenen Fantasiewelt in den Mittelpunkt der Handlung. Denn der Film funktioniert in seiner tiefe Emotionen hervorrufenden Dramaturgie, selbst wenn Phoebe einfach "nur" besonders fantasiebegabt wäre, sich angesichts reichlich oberflächlich und unsensibel agierender Lehrer und ungerecht handelnder Mitschüler in ihre eigene Welt zurückziehen würde und in der von einer neuen Lehrerin geleiteten Schultheateraufführung von "Alice im Wunderland" ihre innere Bestimmung und Erfüllung fände. In dieser Theaterwelt ist Phoebe ganz sie selbst, sie geht förmlich in dem Stück auf, dessen Figuren in ihrer Fantasie mit realen Figuren aus ihrer Umwelt verschmelzen. Vergeblich bittet sie in ihrer zunehmenden Not diese Figuren um Hilfe, die ihr die Erwachsenen mit einer einzigen Ausnahme aus unterschiedlichen Gründen und keineswegs böswillig nicht geben können: Phoebe fasst Vertrauen zu dieser seltsam verschrobenen Lehrerin, die sich ganz der Welt des Theaters widmet, die Kinder nicht mit Vorschriften und strengen Regeln fordert, sondern ihre Eigeninitiative fördert, sie scheinbar machen lässt, was sie wollen. Daraus ergibt sich eine Reihe von humorvollen Szenen, die zum außerordentlichen Reiz dieses Films beitragen. Als der Direktor Phoebe wegen ihres schlechten Benehmens – sie spuckte spontan eine Mitschülerin an, die sie ungerecht beschuldigte – vom Theaterspielen ausschließen möchte, ist das für Phoebe eine Katastrophe. Die Theaterlehrerin kann das Schlimmste verhindern, doch später wird man ihr grob fahrlässiges Verhalten gegenüber Phoebe unterstellen und sie der Schule verweisen. Nun liegt es vor allem an Phoebe, das in die Tat umzusetzen und fortzuführen, was sie von der Lehrerin gelernt hat.

In künstlerischer Hinsicht vermag das Langspielfilmdebüt von Daniel Barnz seines unkonventionellen Inszenierungsstils und der gelungenen Visualisierung von Phoebes Fantasiewelten wegen voll zu überzeugen, und selbst einige zu lang geratene Dialogszenen unter den Erwachsenen können den positiven Gesamteindruck nicht schmälern. Ansatzweise wird das Thema Außenseiter auch noch in einer Nebenhandlung variiert, denn Phoebe freundet sich mit einem Klassenkameraden an, der ebenfalls seine Marotten hat und von den anderen als "Schwuchtel" gebrandmarkt wird, weil er im Theaterstück eine Frauenrolle spielt.

Im Wettbewerbsprogramm des Frankfurter Kinderfilmfestivals LUCAS war dieser Film eindeutig der Innovativste und im Anspruch, Kinder in ihren Bedürfnissen und selbst in ihren Ängsten ernst zu nehmen, der Wagemutigste, was die FICC-Jury mit ihrem Don-Quijote-Preis und der Begründung würdigte: "Es ist ein Film, der auch Kinder anspricht, aber ebenso Erwachsene nicht kalt lässt und ein breites Spektrum an Themen aufnimmt ... Es ist ein Film, der die Wichtigkeit der Fantasie aufzeigt und den Kampf eines Kindes, sich den Anforderungen der Realität zu stellen und zugleich ihre Fantasiewelt nicht zu verlieren. Die Verwandlung in eine Kunstfigur auf der Bühne gibt ihr die Stärke, auch im Alltag an sich zu glauben."

Holger Twele

 

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KJK-Ausgabe 116/2008

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