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Ausgabe 116-4/2008

„Dornröschen“

(Hintergrund zum Film DORNRÖSCHEN – 2008)

Regie und Drehbuch: Arend Agthe, Deutschland / Österreich 2008, 81 Min, Altersempfehlung: ab 6 J.

Dokumentation der Filmvorführung (26. Juni 2008) beim 26. Kinderfilmfest München

Inhalt

Zur Taufe ihrer lang ersehnten Tochter Rosa laden König und Königin zum großen Freudenfest. Unter den Gästen sind auch die weisen Frauen des Landes, doch weil ein goldener Teller fehlt, hat die letzte, die 13. Fee das Nachsehen und verflucht rachsüchtig Rosa: An deren 15. Geburtstag soll sie sich an einer Spindel stechen und sterben. Die zwölfte Fee kann den Fluch mit ihrem Segensspruch abmildern: Nicht der Tod, sondern 100 Jahre Schlaf sollen Rosa ereilen. Trotz aus dem Königreich verbannter Spindeln geschieht das Unglück, und Prinzessin und Schlossbewohner fallen in Schlaf. Hundert Jahre später startet der wissenschaftsbegeisterte Prinz Frederik eine abenteuerliche Befreiungsaktion inklusive erlösendem Kuss. Und weil die beiden sich gut verstehen und dieselben Interessen teilen, wird aus Prinz und Prinzessin ein glückliches Paar.

Reaktionen während der Vorstellung

Die mit 109 Zuschauern knapp ausverkaufte Schulvorstellung im Vortragssaal der Bibliothek des Gasteig besuchten Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 13 Jahren (5. und 7. Klassen).

Während des gesamten Films herrscht hohe Aufmerksamkeit, was angesichts der für Märchen eigentlich etwas zu "alten" Altersgruppe der Besucher zunächst erstaunen mag. Lediglich bei den längeren Dialogszenen wie z. B. zwischen Prinz Frederik und seiner Mutter, Königin Margarete, lässt die Konzentration vorübergehend nach und es wird unruhig im Saal. Am besten kommen die "Action"-Szenen an, vor allem die waghalsigen Flugversuche des Prinzen und seine spektakuläre Prinzessinnen-Errettungsmission. Hier werden sogar Kommentare an das Leinwandgeschehen gerichtet, etwa warnende "Nein!"-Rufe, wenn Frederik auf die todbringende Hecke zugeht. Erleichtert klatschen einige Kinder Beifall, sobald die Hecke unter dem Schwert zerfällt.

Der Humor des Films funktioniert gut, die Schüler lachen gern und oft, z. B. wenn das Baby bei der Taufe niest, über den Namen des als Skelett im Dornengestrüpp wieder gefundenen Urgroßonkels Ottokar, oder wenn Frederik und der Professor einander missverstehen ("Pest" statt "Süd-Südwest"). Die Schüler reagieren ebenfalls mit vergnügtem Lachen auf die Bruchlandung im Heuhaufen oder die Slapstick-Gags, wenn das Schloss erwacht (von der Leiter fallen usw.).

Es wird intensiv mitgelitten und -gefühlt: Während bei Frederiks Versuchen, die Hecke zu überwinden, die einen laut über den Ausgang spekulieren, kauen ein paar Kinder aufgeregt auf ihren Fingernägeln. Beim Sinkflug des Heißluftballons hält sich ein Junge Augen und Ohren zu, wofür vermutlich auch die bedrohliche Musikuntermalung mit verantwortlich ist. Die Aufregung im Publikum ist groß, wenn Prinz und Professor im Wald notlanden, es wird viel getuschelt. Interessanterweise ruft zu Beginn der Geschichte das Spindelverbot, das von einem singenden Barden erzählt wird ("Als alle Spindeln brannten"), bei mindestens einem Jungen Angst hervor.

Die Reaktionen auf die Liebesgeschichte fallen erwartungsgemäß aus: So wie für ein paar der Kinder schon feststeht, "jetzt verliebt er sich", als Frederik mit seiner Laterna Magica das Bild der schlafenden Prinzessin sieht, so ruft der finale Kuss begeisterte Ablehnungsbekundungen ("Iiih!") hervor. Ein Großteil der Schüler applaudiert aber auch dem Happy End, wie es im Film selbst getan wird.

Verwendbarkeit des Films für die Kinderkulturarbeit

Arend Agthes "Dornröschen" ist eine intelligente und gleichermaßen poetische Adaption des Grimmschen Märchens. Phantasievoll und frisch umgesetzt, ohne die ursprüngliche Geschichte zu verraten oder ihren romantischen Reiz einzubüßen – so sind Handlung und Orte des Geschehens im 18. bzw. 19. Jahrhundert belassen –, erfahren Figuren und Handlung eine moderne Interpretation. Prinzessin Rosa ist nicht einfach märchenhaft schön, sondern auch ein wahrer Wildfang, der Turniere reiten will und ansonsten DaVinci verehrt und Apparate erfindet – eine emanzipierte Persönlichkeit ersetzt den schablonenhaften Prinzessinnenstatus. Ebenso wird Prinz Frederik mit einem eigenen Charakter ausgestattet: Er ist dem modernen Zeitalter der Wissenschaft entsprungen, liest lieber Bücher statt das traditionelle Kriegshandwerk zu erlernen, ist ein Forscher, der sich speziell für Flugapparate begeistert – ein junger Jules Verne, wie Drehbuchautor und Regisseur Agthe selber über seine Figur sagt (siehe Interview). Damit bügelt die Adaption die (genretypischen) Schwächen des Märchens aus, in dem der Zufall regiert und Handlungen nicht hinterfragt werden.

Man erfährt zum Beispiel die Hintergründe dafür, warum Frederik heiraten soll: eine wirtschaftlich "gute Partie" soll das bankrotte Königreich retten. Noch gravierender ist die Motivation, die der Ausgang der Handlung erfährt: Prinz und Prinzessin werden nicht durch die bloße Errettung und ihren Status ein (fremdbestimmtes) Paar, sondern aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten und gegenseitig erwiderten Gefühle. Diese moderne Auslegung gehört zu den stärksten Argumenten für dieses "Dornröschen". Hinzu kommt, dass der Humor alle Altersgruppen anspricht und erfreulicherweise ohne Blödeleien und Zoten auskommt, wie es sonst so häufig der Fall ist.

Für Kinder ist das altbekannte Märchen vom Dornröschen neu, dabei vor allem spannend, lustig und abwechslungsreich erzählt und schön anzusehen. Die Länge von 81 Minuten und das Erzähltempo überfordern auch das jüngere Publikum nicht, wobei sich, wie die Vorstellung gezeigt hat, auch die etwas Älteren nicht langweilen, sondern durchaus auf ihre Kosten kommen.

Für die Kinderkulturarbeit ist der Film "Dornröschen" sehr geeignet und wird für Kinder ab 6 Jahren empfohlen.

Ulrike Seyffarth

 

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KJK-Ausgabe 116/2008

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