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Ausgabe 117-1/2009

FROHE ZUKUNFT

Produktion: Tiger TV GmbH, SWR, mit Unterstützung von Radio Bremen; Deutschland 2008 – Regie: Bianca Bodau – Co-Regie: Claudia Mützelfeldt – Buch: Bianca Bodau – Kamera: Jürgen Partzsch – Schnitt: Petra Hölge, Bela Zollmann – Länge: 87 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – FBW: wertvoll – Verleih: Tiger TV GmbH, e-mail: e.baur@t-online.de – Altersempfehlung: ab 14 J.

2009 jährt sich der Fall der deutschen Mauer zum 20. Mal. Zu diesem Anlass sind eine Reihe an Filmen, Dokumentationen, Büchern und Publikationen zu erwarten, von denen man nur hoffen kann, dass sie die bisherige Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte und Wendezeit auf ein neues Niveau heben. Bianca Bodau, 1965 in Strausberg bei Berlin geboren, aufgewachsen in Rostock-Lichtenhagen, dann Studium der Soziologie und später der Regie an der HFF "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg, wartet mit einem Dokumentarfilm auf, der sich mit ostdeutschen Familienschicksalen der Wendezeit beschäftigt. Ausgehend von ihren eigenen Eltern, deren Ehe zerbrach, weil der Vater im vereinigten Deutschland nicht mehr Fuß fassen konnte und sich resigniert dem Alkohol ergab, erkundet Bianca Bodau, wie es anderen Familien nach der Wende ergangen ist. 40 Menschen hat sie während der Recherche interviewt, übrig geblieben sind für den Film drei Familien: Eltern und deren Kinder, Gewinner und Verlierer der Wende.

Da ist die Familie Ditze aus Halberstadt. Vater Klaus, zu DDR-Zeiten ökonomischer Direktor eines Holzverarbeitungskombinates, muss nach 1990 das Werk im Auftrag der Treuhand liquidieren und kauft eine Tochterfirma des Kombinats. Er arbeitet von früh um 7 bis nachts um 24 Uhr, der Betrieb geht pleite, Klaus Ditze ist gesundheitlich am Ende. Hätte ihm nicht seine Familie, vor allem seine Frau Regina zur Seite gestanden, wäre der gescheiterte Unternehmer zerbrochen. Regina hat nach der Wende umgeschult und danach eine feste Anstellung bekommen. Sie hat es "geschafft" und ist stolz darauf. In der Familie beteiligt sie sich nun aktiver an Entscheidungen und wird von ihrem Mann mehr akzeptiert. Traurig ist nur, dass die drei Kinder in Halberstadt keine Zukunft sehen. Für Tochter Ilona, 1980 geboren, war die Wende ein "Glücksfall". Sie hat Sozialpädagogik studiert, in Ecuador in einem Frauengefängnis unterrichtet und möchte über Frauenbewegungen in Lateinamerika promovieren. Dass sie zwei Systeme bewusst erlebt hat, habe sie "ein Stück weit kritischer gemacht, so dass man nicht irgendwo blind reinläuft". Ihre jüngere Schwester Liane möchte nach einem längeren Aufenthalt in Neuseeland nicht mehr in Deutschland bleiben. Sie zieht es in die weite Welt, eine Freiheit, die sie zu DDR-Zeiten nicht hatte.

Die Hallenserin Martina Nicolas ist eine resolute, korpulente Frau, eine Art "Angstchefin", wie ihre Kollegen meinen. In der DDR war sie als Sachbearbeiterin beim Rat der Stadt angestellt, Möglichkeiten, sich beruflich weiterzuentwickeln, gab es für sie so gut wie keine. Nach der Wende nutzt Martina die Gunst der Stunde: Sie wird Personalmanagerin bei der Stadtwirtschaft Halle. Die Arbeit macht ihr Spaß, erfüllt sie ganz und gar. Doch ihre Ehe zerbricht. Ehemann Bernd, damals technischer Leiter einer Kaufhalle, verliert seine Arbeit, ist lange auf Jobsuche, bis er als Hausmeister in einem Münchener Hotel unterkommt: Für ihn nicht nur ein sozialer Abstieg. Unter den Streitereien und der Trennung der Eltern leiden die vier Kinder, vor allem Liane. Sie hält es zu Hause nicht mehr aus, geht als Au-pair-Mädchen ins Ausland, studiert in England und lebt heute mit ihrer Familie in Heidenheim (Baden-Württemberg). Dort arbeitet sie in der Marketingabteilung eines Maschinenbauunternehmens. Bruder Uwe, von Beruf Tischler, ist nach erfolgloser Arbeitssuche in Deutschland nach Australien ausgewandert. Dort "tackert" er in einem Tischlerei-Betrieb Schubkästen zusammen.

Im Gegensatz zu Martina Nicolas scheint es für Dorit Maas aus Ückermünde nach der Wende keine berufliche Perspektive mehr zu geben. Die ehemalige Angestellte der SED-Kreisleitung/Abteilung Volksbildung versucht, als Chemie- und Biologielehrerin im Schuldienst unterzukommen. Schon nach einem Jahr wird sie entlassen. Es ist die schlimmste Zeit ihres Lebens. Damit ihr niemand "die Arbeitslosigkeit ansieht", geht sie nur geschminkt und chic gekleidet aus dem Haus. Später findet sie Arbeit als Ernährungsberaterin, jetzt ist sie in Altersteilzeit. Ihre Tochter Kathrin, eine verbeamtete Lehrerin, hatte damals immer ein schlechtes Gewissen, weil sie in dem Beruf arbeiten konnte, in dem auch ihre Mutter glücklich geworden wäre. Arbeitslosigkeit und Angst vor Entlassung kennt Kathrin nicht, im Gegensatz zu ihrem Mann Armin. Als Langzeitarbeitsloser macht Armin, wenn er nicht zufällig mal eine Fortbildungsmaßnahme "ergattert" hat, den Haushalt. Das Gefühl, wertlos, "Müll", "Abfall" zu sein, lässt ihn trotz der Aufgaben in der Familie nicht los. Kathrins Bruder Edgar, ein ehemaliger Offizier, wird nach seiner Entlassung aus der NVA Versicherungsvertreter. Er arbeitet rund um die Uhr, verdient aber wenig Geld. Seine Ehe scheitert, Frau und Kind gehen in die Altbundesländer. Heute hat Edgar eine eigene Versicherungsagentur, die gutes Geld einbringt, er hat eine neue Familie und ein Haus.

Gerade die unterschiedlichen Schicksale, die nicht in ein Schwarz-Weiß-Schema passen, machen diese Dokumentation mit dem vieldeutigen, vielleicht ironisch gemeinten Titel "Frohe Zukunft" so interessant und spannend. Denn entgegen der Annahme, dass besonders die Elterngeneration mit den Anforderungen der Marktwirtschaft nicht zurechtkam, zeigt Regisseurin Bianca Bodau auf, dass es für Ostdeutsche unabhängig vom Alter schwer war und ist, berufliche Perspektiven zu finden. Andererseits findet man Vertreter in beiden Generationen, die sich gerade nach der Wende beruflich verwirklichen konnten und können.

Bianca Bodau konzentriert sich in ihrem Dokumentarfilm auf zwei Schwerpunkte: den beruflichen Werdegang und die Familiensituation der Befragten. Dabei schafft sie es, ihre Protagonisten so aufzuschließen, dass sie in aller Offenheit und Ehrlichkeit von ihren Problemen und Enttäuschungen genau wie von ihren Freuden und ihren neuen Möglichkeiten erzählen. "Jammer-Ossis" sind die Protagonisten in diesem Film wahrlich nicht, im Gegenteil! Trotzdem zeigt Bianca Bodau die immensen Brüche in den Biographien aller Beteiligten auf, durch die sie nicht nur gestärkt hervorgingen. Sich mit diesen Brüchen und deren Wirkung auf die Befindlichkeit der ostdeutschen Menschen auseinanderzusetzen, sollte Aufgabe der im Jubiläumsjahr zu erwartenden Produktionen und Arbeiten sein. Eine wichtige Rolle müssten dabei auch die Veränderungen im politischen Denken und die Auseinandersetzung mit der erlebten Geschichte spielen, ein Aspekt, der leider in diesem Dokumentarfilm etwas zu kurz gekommen ist.

Barbara Felsmann

 

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KJK-Ausgabe 117/2009

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