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Ausgabe 117-1/2009

MEIN FREUND AUS FARO

Produktion: Wüste Film West GmbH / WDR; Deutschland 2008 – Regie und Drehbuch: Nana Neul – Kamera: Leah Striker – Schnitt: Dora Vajda – Musik: Jörg Follert – Darsteller: Anjorka Strechel (Mel Wandel), Lucie Hollmann (Jenny Schmidt), Manuel Cortez (Nuno), Florian Panzner (Knut Wandel), Tilo Prückner (Willi Wandel) u. a. – Länge: 93 Min. – Farbe – Verleih: Alpenrepublik GmbH – Filmverleih, Tel. 089-309067 940, Fax 089-309067 911 – Altersempfehlung: ab 14 J.

Am wohlsten fühlt sich Mel, Anfang 20, knabenhaft wirkend und in Männerklamotten, wenn sie in ihrem roten Ralley-Auto sitzt und scheinbar ziellos umherfährt, irgendwo mitten in der Landschaft hält, sich aufs Autodach legt und in den Himmel schaut. Mit Mels Blick auf Flugzeuge im Start- oder Landeflug beginnt Nana Neuls Debütspielfilm.

Mels Tage in einer Cateringfirma sind eintönig und steril wie die abgepackten Menüs für Fluggäste, die sie dort am Fließband fertigt. Zuhause interessiert sie auch nichts mehr, denn ihr Traum, mit ihrem Bruder Knut auf Weltreise zu gehen, verfliegt, nachdem dessen Freundin schwanger ist. Nun fühlt sie sich von ihm bedrängt, sich doch endlich einen Freund zu suchen und auch der alleinerziehende Vater nervt sie mit dementsprechenden Fragen. Sie hat keinen und ihr gefällt auch keiner. Bis eines Tages Nuno aus Portugal, aus Faro, in der Firma anfängt. Sie findet ihn irgendwie interessant, sucht Kontakt zu ihm, doch der nimmt sie nicht als weibliches Wesen wahr, sondern nur als potenzielle Kundin für geschmuggelte Zigaretten, die er stangenweise verkauft. Eines Nachts, als Mel wieder einmal ziellos umherfährt, springt ihr aus dem Nichts ein Mädchen vors Auto: Jenny, erlebnishungrig und gestylt für den Discobesuch. Die sichtlich erschrockene Mel nimmt sie und ihre Freundin mit. Die 14-jährige Jenny hält Mel mit den kurzen Haaren, dem offenen Hemd, der Lederjacke, den lässigen Bewegungen für einen Jungen und beginnt zu flirten. Und Mel ergreift ihre Chance, in eine andere Identität zu schlüpfen. Nach ihrem Namen befragt, antwortet sie spontan und wie selbstverständlich: Miguel aus Faro. Damit beginnt eine zärtliche Romanze, ein Spiel der Verkleidung, Täuschung und Gefühlsverwirrung. Jenny gefällt dieser vermeintliche junge Mann von Stunde zu Stunde mehr, vor allem seine Souveränität und Zurückhaltung. Er gehört nicht zu den jungen Macho-Typen, mit denen sie ansonsten verkehrt.

Mels Vater bemerkt die Veränderung seiner Tochter, ihre offensichtliche Verliebtheit, und lädt den neuen Freund zum Geburtstag ein. Mel sagt zu – und verhandelt knallhart mit Nuno, der den Verliebten spielen und dafür stundenweise bezahlt werden soll. Der hat zunehmend Spaß an diesem Job, flirtet mit der spröden Mel, sieht erst jetzt ihren Reiz. Für ihre Familie ist damit die Welt in Ordnung, und Mel hat erst mal Ruhe für ihre zaghafte Beziehung zu Jenny, über deren Ausgang sie sich keine Gedanken machen will. Sie ist glücklich verliebt, ein bisher nicht gekannter Zustand. Dass diese Liebe anders ist, spürt Jenny. Als sie mit der nackten Wahrheit konfrontiert wird, läuft sie weinend fort und findet sich in einem Gefühlschaos wieder. Ihre Frage an die beste Freundin, "bin ich jetzt lesbisch?", beantwortet Nana Neuls Film nicht: "Es geht um die Liebe, und die fällt dahin, wo es ihr gefällt. Man muss mutig sein, um sich ihr hinzugeben, denn sie verändert das Leben." Es ist nicht ausgemacht, wohin es Mel zieht. Nur eines ist klar: Dass die 23-Jährige mit der 14-jährigen Jenny keine Beziehung haben darf. Dieser Verantwortung wird sich Mel bewusst. Sie verzichtet und gibt ihrem bisherigen Leben eine neue Perspektive: Sie möchte das Land kennenlernen, aus dem Miguel in ihr Leben geplatzt ist und ihr damit eine neue Richtung eröffnet hat – zwar mit typisch männlichen Gesten und Verhaltensweisen, aber mit weiblichem Empfinden.

Mit der Theaterschauspielerin Anjorka Strechel, die hier ihr Kinodebüt gibt, hat Regisseurin und Drehbuchautorin Nana Neul (Jg. 1974) die ideale Verkörperung dieser ambivalenten Figur gefunden. Deren Spiel ist intensiv, glaubwürdig und anrührend. "Mein Freund aus Faro" überzeugt durch präzise gesetzte Dialoge und eine Bildgestaltung, die die Welten der beiden Handlungsträgerinnen stimmig charakterisiert. Die behutsam wie eindringlich inszenierte Geschichte vom Erwachsenwerden kann vor allem jungen Mädchen Orientierung sein. Auf der Suche nach sexueller Identität hat Mel viel über sich gelernt, hat Ängste überwunden und weiß, dass sie von zuhause weggehen muss, um ihr eigenes Leben zu leben. Nana Neul erhielt auf dem Max Ophüls Festival 2008 in Saarbrücken den Drehbuch-Preis: "... Ehe man sich versieht, zieht uns die Autorin mit eindrucksvollen Bildern in ein Spiel der Verführung und Verwirrung der Geschlechter. Ohne ein schweres Drama zu sein, erzählt uns der Film die dramatische Suche nach Identität durch ein fein gezeichnetes Figurenensemble. Mit wenigen Worten wird hier viel gesagt."

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

 

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KJK-Ausgabe 117/2009

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