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Ausgabe 117-1/2009

NOVEMBERKIND

Produktion: Sommerhaus Filmproduktionen in Kooperation mit SWR / Filmakademie Baden-Württemberg / cine plus / Filmemacher Produktion; Deutschland 2007 – Regie: Christian Schwochow – Drehbuch: Heide und Christian Schwochow – Kamera: Frank Lamm – Schnitt: Christoph Wermke – Musik: Daniel Sus – Darsteller: Anna Maria Mühe (Inga/Anne), Ulrich Matthes (Robert), Christina Schorn (Oma Christa), Hermann Beyer (Opa Heinrich), Jevgenij Sitochin (Juri), Ilja Pletner (Juri jung), Thorsten Merten (Alexander), Juliane Köhler (Claire) u. a. – Länge: 95 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Schwarz Weiss Filmverleih – Altersempfehlung: ab 14 J.

Die 25-jährige Inga lebt in Malchow. Die Großeltern zogen sie auf, ein ehemaliger Schuldirektor und seine Frau. Inzwischen kränklich, sind sie auf Ingas Hilfe angewiesen. Von ihren Eltern weiß sie nicht viel. Ihr Vater scheint unbekannt; die Mutter Anne soll in der Ostsee ertrunken sein. Sie kennt ihr Grab. Eines Tages taucht der Literaturprofessor Robert in Ingas Bibliothek auf und erzählt von Anne, die er bei einem Kurs für kreatives Schreiben in Konstanz kennen gelernt hat. Inga ist irritiert. Sie befragt die einstige Freundin, ihre Großeltern und fühlt, dass seit vielen Jahren Schicksalhaftes verschwiegen wurde. Sie macht sich auf die Suche nach der Wahrheit, spürt den ehemaligen Geliebten der Mutter und ihren biologischen Vater auf. Robert begleitet sie. Er hat ganz eigene Motive, die er für sich behält. Er will basierend auf dieser ungewöhnlichen Familiengeschichte seinen ersten Roman schreiben. So wird Inga schon wieder betrogen und zieht daraus letztendlich ihre Konsequenzen.

Christian Schwochow war 1989 elf Jahre alt, als seine Eltern mit gepackten Koffern auf die Genehmigung ihres Ausreiseantrages warteten. Dann kam der 9. November. Die Familie zog nach Hannover, trotz des Protestes vom Sohn: "Ich war der erste Ostler an der Schule. Wenn über das System der DDR geschimpft wurde, verteidigte ich das Land, das meine Eltern am Ende so abgelehnt hatten. Das mache ich noch heute."

"Novemberkind" ist ein Film mit großartigen Schauspielern, allen voran Anna Maria Mühe in der Doppelrolle als Anne und Inga. Sie zeigt die Verletztheit und Ohnmacht von Anne, die ihr Kind liebt und alleine aufziehen muss. Sie versteckt den russischen Soldaten Juri, der desertiert ist und von den Militärkontrollen der Sowjetischen Armee gesucht wird. Sie verliebt sich in ihn und wird von ihm bedrängt, mit in den Westen zu fliehen, um eine gemeinsame Zukunft zu haben. Eine scheinbar ausweglose Situation, denn sie lässt ihr krankes Baby bei ihren Eltern. Ein Verlust, den sie nie verwinden wird. Als Inga stellt Anna Marie Mühe eine selbstbewusste junge Frau dar, die ihr Leben im Griff hat. Sie ist unbekümmert und lebenslustig. Nackt ins eiskalte Wasser zu springen, ist für sie ein Spaß, natürlich nur mit ihrer Tschapka auf dem Kopf. Erst als sie Robert begegnet und er erzählt, steht ungläubiges Entsetzen in ihrem Gesicht. Sie recherchiert und wird aktiv, macht sich auf die Suche und scheut sich nicht vor der Wahrheit. Sie schont sich nicht und nicht die, die sie bis dahin belogen haben. Ihnen hält sie vehement den Spiegel vor. Ihre bisherige Identität, ihr Heimatgefühl sind schließlich in Frage gestellt.

Die Kamera findet außer einfühlsamen Großaufnahmen von den Protagonisten poetische Landschaftsbilder von Mecklenburg-Vorpommern und bedrückend kalte Aufnahmen in blauer, grauer und brauner Farbzeichnung für die Stadt. Die Jahreszeit wird zum Symbol der Geschehnisse in der schnörkellosen und von den Akteuren unprätentiös gespielten Geschichte. Die parallel erzählten Rückblenden in die 80er-Jahre werden durch einen dokumentarisch wirkenden Stil mit grobkörnig gelblichen Bildern abgesetzt. Der Film nimmt den Zuschauer auf eine visuelle Reise mit, bei der Dialoge nur, wenn sie notwendig erscheinen, eingesetzt sind. Im Schweigen von Robert, den Großeltern oder dem Vater Alexander gegenüber Inga verbergen sich existenzielle menschliche Fragen des Zusammenlebens: Wer schützt hier wen und warum? Wer benutzt wen? Warum werden die Ereignisse selbst nach der Veränderung der gesellschaftlichen Situation verdrängt? Macht es Sinn, nach der absoluten Wahrheit zu suchen? Gibt es ein richtiges Leben im Falschen?

Damit geht dieser beeindruckende Debütfilm weit über die Aufarbeitung von DDR- Geschichte hinaus. Zu Beginn des Films macht sich der mit seinem bisherigen Leben unzufriedene Robert an einen Neuaufbruch im Beruflichen wie Persönlichen. Zum Schluss steht er verloren da. Die junge Inga hatte sich schon eingerichtet und entscheidet sich dann, alles Bisherige zu ändern. Sie sitzt am Ende des Films allein in einem Zug mit unbekannter Richtung – auf dem Schoß die Tagebuchnotizen ihrer toten Mutter.

Regine Jabin

 

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KJK-Ausgabe 117/2009

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