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Ausgabe 117-1/2009

Die schönen Blumen, die im Schatten stehen

Gespräch mit Catherine Laakmann vom Kölner Kino Metropolis

Interview

In die Wiege gelegt wurde ihr das Kino nicht gerade. Nach einer Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, wie sie immer sagt und wie das auch in ihren Papieren steht, hat sie sich zum Betriebswirt weitergebildet. Danach arbeitete sie zunächst als Abteilungsleiterin und später als Filialleiterin. Nach ihrer Mutterschaftspause begann sie noch mal ein Studium der Sozialpädagogik, bekam aber nach ihrem Abschluss 1985 keine Anstellung. Inzwischen leitet sie seit über 22 Jahren höchst erfolgreich das Kölner Kino Metropolis, das 1987 als eines der ersten Kinos in der BRD ein tägliches Kinderfilmprogramm anbot. Dafür wird das Kino regelmäßig ausgezeichnet; zuletzt bekam es von der Filmstiftung NRW den Hauptpreis für das beste Kinder- und Jugendfilmprogramm sowie einen weiteren Preis für das Hauptprogramm; hier laufen vor allem Filme in der (zumeist untertitelten) Originalversion. Im Gespräch berichtet sie KJK-Mitarbeiter Lutz Gräfe von ihren Erfahrungen mit gewerblichem Kinderkino.

Catherine Laakmann: "Nach meinem Studium traf ich Rolf-Rüdiger Hamacher, der immer meinte, dass ich alles könnte, was man bräuchte, um Kino zu machen. Aber eigentlich wollte ich gar kein Kino machen. Als man mir 1986 aber mitteilte, dass ich auf eine ABM-Stelle noch sieben Monate warten müsse, habe ich mir die Bilanz des Metropolis vorgeknöpft und sechs Wochen später eröffneten wir das Kino (das war am 1. Mai 1986, Anm. LG). Wir waren damals zu dritt: außer mir noch Rolf-Rüdiger Hamacher sowie eine Kommilitonin, Claudia Wolscht, die heute als erfolgreiche Cutterin arbeitet. Ich war damals vor allem für das Kaufmännische zuständig. So bin ich dann aktiv ins Kinogeschäft eingestiegen. Ich hatte mich allerdings schon während meines Studiums mit Themen wie Fernsehen, Medien und Kinder oder Medien und Eltern beschäftigt. Zu diesen Themen habe ich auch Seminare in der VHS gegeben.
Allerdings habe ich von den Mechanismen des Kinos nicht viel verstanden. Aber es ging dann doch erstaunlich schnell, dass man durchgeblickt hat, wie die Sachen laufen. Das lag wohl auch daran, dass ich nicht so verzaubert war vom Kino. Ich war auch die verletzlichste im Team, denn es war ganz klar: Wenn wir hier pleite gehen, stehe ich nie wieder auf. Ich hatte ein Kind zu ernähren, aber im Gegensatz zu meinen Partnern keine weitere Einnahmequelle. Und eigentlich war ich schon zu alt. Man hat ja schon damals zu mir gesagt: Was machen Sie da eigentlich – zuerst sind Sie Kaufmann, dann Pädagoge, was wollen Sie eigentlich? Von daher stand bei mir zunächst das Ökonomische im Vordergrund. Also, dass wir immer sicher die Kinomiete und ähnliche laufende Kosten begleichen konnten. Ich habe zugesehen, dass alle ihre Programmwünsche und ihren Anspruch ans Kino erfüllen konnten, aber stets unter der Prämisse, dass wir jeden Monat die Miete zahlen können."

KJK: Da war es ja schon mutig, bereits im Oktober 1987 ein tägliches Kinderfilmprogramm zu starten. Das war ja zu einer Zeit, als Kinderkino (nicht nur) in Köln daraus bestand, dass es sonntags in einigen Kinos eine Matinee gab.
"Das begann mit einem Stadtteilfest vor unserem Kino, wo wir erstmals Kinderkino an einem Wochenende gemacht haben. Danach habe ich mich viel intensiver mit Film auseinandergesetzt und mich im Verein 'Kinderfilm im Kino' engagiert. Das hat mir unglaublich viel Kraft und Motivation gegeben. Wir haben uns jeden Monat vor die Schulen gestellt und den Kindern die Programmhefte in die Hand gedrückt. Dann haben wir eine Adressdatei erstellt mit allen Kindergärten, -horten und -tagesstätten. Denen haben wir dann monatlich die Programmhefte geschickt; und das alles noch ohne Computer."

Allerdings haben Sie doch recht anspruchsvoll begonnen. Eröffnungsfilm war damals "Die kleine Bande", den niemand kannte, und im selben Monat lief der genauso unbekannte "Jonasi und die weiße Schildkröte / Der Stumme".
"Also, 'Die kleine Bande' war ein Lieblingsfilm von Herrn Hamacher. Und der ist nicht nur ein wandelndes Filmlexikon, sondern hat auch einen sehr guten Filmgeschmack. Aber je länger ich mich mit dem Thema befasste und mich auch bei 'Kinderfilm im Kino' engagierte, desto mehr wusste ich über Kinderfilme. Wir haben vom Verein aus einen Verleihkatalog gemacht und auch Seminare für Kinobetreiber angeboten. Mit dem Ergebnis, dass dann in Köln fast alle Kinderkino gemacht haben. Ich glaube, dass es bis heute keine Stadt in Deutschland gibt, wo so viel Kinderkino gemacht wird wie in Köln."

Zeitgleich zum Start des Kinderkinos haben Sie auch eine Jugendfilmreihe angeboten, die aber schon nach relativ kurzer Zeit wieder eingestellt wurde.
"Wir veranstalteten damals zusammen mit der ÖTV (eine der Vorläufergewerkschaften von ver.di; Anm. LG) ein Seminar für Jugendliche, wo wir jeweils einen Film vorstellten und ich hielt dazu das einleitende Referat. Das war eigentlich eine sehr schöne Erfahrung. Das war für die Jugendlichen kostenlos und da war immer volles Haus. Da sagten wir uns natürlich, wir führen das nach dem Ausstieg der ÖTV in eigener Regie weiter. Das hat aber überhaupt nicht funktioniert und im November 1988 haben wir begonnen, stattdessen zwei Kinderfilme pro Tag zu zeigen. Damals sagten viele, das ist ja völlig falsch, zwei Kinderfilme nebeneinander zu zeigen. Aber ich meinte immer: Ich muss zwei unterschiedliche Kinderfilme spielen, denn damit verstärke ich das Programm. Und so war das dann ja auch. Inzwischen haben wir bis zu fünf verschiedene Kindervorstellungen täglich."

Im November 1989 gestalteten Sie zusammen mit dem Kölner "Alle[r]weltskino" ein Programm, das Kindern Dokumentar- und Spielfilme aus der Dritten Welt zeigte. Das war damals ja völlig neu und durchaus riskant.
"Bei solchen Programmen haben wir natürlich meist draufgezahlt. Aber weil ich halt stets drauf geachtet habe, dass die Finanzen insgesamt stimmen, konnten wir uns eben auch Dinge leisten, die uns am Herzen lagen, auch wenn sie ökonomisch eher ein Minusgeschäft waren. Wir hatten von Anfang an eine gemeinsame Programmsitzung im Team. Ich habe dabei immer gesagt: OK, das bringt uns ein paar Mark – aber das bringt nix, das auch nicht und das auch nicht. Also muss ein Film raus. Wir konnten nicht in einer Woche zwei unbekannte Filme spielen, sondern mussten das ausgleichen. Dann ist nach zwei Jahren Claudia Wolscht gegangen und nach weiteren vier Jahren Rolf-Rüdiger Hamacher. Ab dieser Zeit machte ich alles alleine; allerdings hatte ich das Kinderkino schon vorher fast allein entschieden. Wir zogen zu einem bestimmten Zeitpunkt die Anfangszeiten vor, damit das für die Kindertagesstätten noch machbar war. Denn viele Gruppen hatten sich beschwert, dass 15.30 Uhr für sie zu spät sei, weil die Kinder zu spät nach Hause kämen. Also starten wir jetzt bereits um 14.15 Uhr."

Das Kinderkino im Metropolis hält sich ja jetzt seit längerer Zeit auf einem stabilen Niveau. Was hat sich denn im Lauf der Jahre verändert?
"Eine große Veränderung liegt im Bereich der Kindertagesstätten, die vorher mit vielen Kindern kamen. Doch seitdem die von der Stadt keine Freifahrten mehr beim Öffentlichen Nahverkehr für ihre Aktivitäten bekommen, sind die Zahlen rapide runter gegangen. Natürlich haben wir auch Zuschauer an andere Kinos abgeben müssen, weil wir bestimmte Filme einfach nicht bekommen. Das liegt daran, dass wir den neuen Trend, die Kinder-/Familienfilme auch abends zu zeigen, nicht mitgehen konnten. Mittlerweile machen wir je nach Film aber auch Ausnahmen. Am Abend zeigen wir fast ausschließlich unser ziemlich erfolgreiches Programm mit neuen Filmen in der Originalfassung. Hinzu kommt die Verlängerung der Schulzeiten, so dass es mit Kinderkino unter der Woche sehr viel schwieriger geworden ist. Das alles wirkt sich natürlich auf unsere Besucherzahlen aus. Momentan beobachten wir das und überlegen, was können, was müssen wir vielleicht verändern?"

Wie sehen Sie denn die Perspektive Ihres Kinderkinos?
"Also eigentlich bin ich ein bisschen traurig und ich möchte auch nicht dahin kommen, dass ich vor- und nachher mit den Kindern ein großes Brimborium veranstalte; also dass man die Kinder hier um 13 Uhr abliefert und um 17 Uhr wieder abholt. Ich möchte, dass der Film für sich alleine stehen kann. Dass das hier zum Beispiel auch ein Ort wird, wo die 'Wochenend-Väter' mit ihren Kindern ins Kino gehen. Und man dann hinterher drüber redet und sich so einander wieder nähert. So etwas finde ich viel wichtiger als so ein Beschäftigungsprogramm vor und nach dem Film oder gar aus dem Kinobesuch einen Schulunterricht zu machen. Natürlich kann man über Kinofilm einen Schulunterricht machen, aber da müsste man dann viel individueller auf die einzelnen Kinder eingehen. Dass man da hier ein wenig malt und da ein bisschen bastelt, da bin ich kein Freund von."

Was würden Sie sich wünschen?
"Ich würde mir mehr Kinder wünschen. Und ich würde mir wünschen, dass die auch eine Chance bekommen, mal andere Filme kennen zu lernen. Aber diese Chance haben sie ja gar nicht (mehr). Denn Marketing und Werbung funktionieren eben so, dass das geguckt werden muss, was etwa bei 'Wetten, dass ...' promoted wird. Dabei werden dann aber die schönen Blumen, die im Schatten stehen, übersehen. Aber mein Herz hängt eben an genau diesen Blumen: an Filmen wie 'Danny, der Champion'. Da habe ich neulich den Verleiher getroffen und ihm davon vorgeschwärmt und gemeint, dass wohl kein Kino den so oft gespielt hat wie wir. Da meinte er: Ja, ich wollte ihn schon bei dir stehen lassen. Und jetzt ist er versehentlich in die Schrottung gegangen, weil der Verleiher einfach vergessen hatte, mir wenigstens eine Kopie zu sichern. Filme wie diesen oder 'Kannst du pfeifen, Johanna?' lernen die Kinder nur noch über das Fernsehen kennen. Aber das ist eben was ganz anderes; vor allem emotional kommt das im TV einfach nicht so intensiv rüber, als wenn man gemeinsam in einem dunklen Saal vor einer großen Leinwand sitzt.
Dabei finden die Kinder auch die kleinen Filme gut. Aber wenn jeder in der Schule nur über den Film redet, der gerade angesagt ist, dann wollen die Kinder nur den sehen; egal wie schön der andere, kleinere Film auch immer ist. Das ist aber nicht die Schuld der Kinder, die Schuld liegt da ganz klar bei uns Erwachsenen, weil wir darin versagen, den Kindern diese Inhalte zu vermitteln.
Mir ist immer wichtig, dass die Kinder mitgehen. Wenn die rufen 'Pass auf, da hinten kommt er', wenn die mitgehen wie früher im Kasperle-Theater; das sind die schönsten Kinderfilme. Das schönste Kinoerlebnis in der Hinsicht war 'Das kleine Gespenst'; da haben wir eine Aktion gemacht, bei der jedes als Gespenst verkleidete Kind freien Eintritt hatte. Wir hatten 273 Plätze und ein ausverkauftes Haus. Gruppen standen noch draußen und es war ein richtiges Drama. Da bin ich auf die Bühne und habe gesagt: Liebe Kinder, wir haben ein Problem. Draußen stehen noch jede Menge Kinder und wir möchten alle hineinlassen. Wir haben dann auch alle Kinder reinbekommen; z. B. haben manche Mütter ihre kleinen Kinder auf den Schoss genommen. Das war eine Stimmung, die Kinder sind richtig toll mitgegangen, das war so rührend. Wer das einmal erlebt hat, der vergisst das nie."

Mit Catherine Laakmann sprach Lutz Gräfe

 

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