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Ausgabe 117-1/2009

"Ich habe den Film nicht nur für Bayern gemacht!"

Gespräch mit Marcus H. Rosenmüller (Jahrgang 1973) am 20. November 2008 während der Tonmischung zu seinem sechsten Kinofilm "Die Perlmutterfarbe"

(Interview zum Film DIE PERLMUTTERFARBE)

"Die Perlmutterfarbe" ist eine Geschichte der jüdischen Schriftstellerin und späteren Psychotherapeutin Anna Maria Jokl, die im Jahre 193l spielt, vor dem Hintergrund des heraufziehenden Faschismus in Deutschland. Sie nannte ihr Buch, das erstmals im Jahre 1948 in Berlin erschien, einen "Kinderroman für fast alle Leute". Und so möchte Rosenmüller auch seinen Film verstanden wissen: Ein Kinderfilm für fast alle Leute.

KJK: Das ist Ihr erster Film mit einer großen Anzahl von Kindern. Wie ist das für Sie gewesen?
Marcus H. Rosenmüller: "Bei 'Wer früher stirbt ist länger tot' gab es auch schon Szenen, in denen nur Kinder dabei waren, der Kindergeburtstag zum Beispiel. Bei der 'Perlmutterfarbe' war es einigermaßen einfach für mich, weil die Kinder sehr diszipliniert und engagiert waren, alles wohlerzogene Kinder, die Respekt vor Erwachsenen haben. Sie haben einander geholfen, waren füreinander da. Aber etwa nach einer Stunde vergessen auch die diszipliniertesten Kinder, dass sie ruhig sein sollen, dann wird die Gruppe quirlig. Langsam steigert sich der Pegel, bis man wieder mal 'einischreiten' muss." (Rosenmüller spricht durchwegs bayrisch, was hier nicht wiedergegeben werden kann. Das Wort 'einischreiten' – nur als Beispiel – klingt natürlich nicht so hart wie 'einschreiten', und das gehört zum Stil des sympathischen Regisseurs. Anm. d. Red.)

Waren die Kinder manchmal durch Ihr "Einschreiten" verstört?
"Wir hatten ein Klima, in dem man auch mal schimpfen hat dürfen, ohne dass es als böse verstanden wurde. Es war sehr freundschaftlich. Wir haben alle Kinder ins Herz geschlossen. Da ist das Abschiednehmen richtig traurig. Umso mehr freue ich mich auf die Premiere, wenn ich alle Kinder im Kino wieder treffe."

Markus Krojer, kleiner Hauptdarsteller aus "Wer früher stirbt ist länger tot", hat auch in der "Perlmutterfarbe" eine Hauptrolle. Mit ihm und auch für ihn war das Drehen ja etwas anderes als mit den anderen Kindern, oder?
"Ja, mit Sicherheit. Das Vertrauen, das beim Markus absolut da ist, musste für die anderen Kinder erst geschaffen werden."

Hat Markus, der nicht viel größer geworden scheint, mit seinem Erfahrungsvorsprung Einfluss gehabt?
"Ja, durchaus. Er hat eine Entwicklung durchgemacht, auch vom Kopf her. Vom Ausschauen her dachte auch ich zuerst, da hat sich nicht viel verändert. Aber wenn ich mir den ersten Film mit ihm ansehe, ist doch vieles anders. Er ist zwar immer noch Kind, aber als Schauspieler ist er ein kleiner Mann geworden. Man kann sich mit ihm richtig über die Rolle unterhalten und es kommen durchaus Vorschläge von ihm."

Im Presseheft steht: "Wer sagt eigentlich, dass ein Film, in dem Kinder die Hauptrollen spielen, automatisch ein Kinderfilm ist?" Was bedeutet das?
"Keine Ahnung. Wer sagt eigentlich wer sagt ... Es ist ein Film, der eine interessante Geschichte für Kinder erzählt. Ich nehme Kinder immer ernst, wie auch Erwachsene. Es gibt natürlich Filme, so wie dieser, wo vom Kinderverstand her auch das Kind im Erwachsenen angesprochen wird."

Welche Zielgruppe haben Sie im Auge?
"So denke ich nicht. Ich las den Roman und fand mich in Alexanders Dilemma wieder. Auch ich habe mich in Lügen verstrickt, um mich nicht zu blamieren."

Was ist für Sie das Schöne bei Kinderfilmen?
"Man kann Kinder voller Naivität nachfragen lassen: Warum ist das besser? Warum ist der Freund von meinem Feind mein Feind? Beim 'Krieg der Knöpfe' zum Beispiel fragen sie: 'Was ist Demokratie?' Im Kinderfilm kann man die Erwachsenenwelt mit ihren Regeln bloßstellen und die Dummheit darin entlarven. Wahrheit braucht man nicht zu erklären. Kinder gehen ehrlicher, unschuldiger an die Dinge heran. Deshalb mag ich gerne mit Kindern drehen und die Welt der Erwachsenen in Frage stellen."

Welche Intentionen hatten Sie mit der Verfilmung der Vorlage von Anna Maria Jokl?
"Ich habe versucht, ihrem Credo 'wir sind alle Menschen' gerecht zu werden. Die Buchverbrennung ist eine ganz wichtige Szene, im Buch wie im Film. Es geht nicht nur um den aufkommenden Faschismus. Wie schnell wird man zum Mitläufer, weil man den einfachen Weg geht. Und der Unauffällige ist plötzlich mit dabei. Weil wir alle Menschen sind – aber wir sind auch alle Monster. Das ist auch der Grund, warum ich mehrmals kurz Monsterszenen inszenierte."

Sehen Sie Ihren Film als einen zeitgeschichtlichen Beitrag, sozusagen als Mikrokosmos der damaligen Gesellschaft, oder ist er ein universelles Thema von Lüge und Verrat, von Freundschaft und Wahrheit?
"In jedem von uns ist alles drin. Man kann verführen, man kann verführt werden. Ich kann nicht nach Jahrzehnten sagen, wie die damals waren. Ich kann mich aber fragen: Wie war ich? Ich mag es nicht, an einen Roman vollkommen freigeistig heranzugehen. Ich habe versucht, in dem Geist der Autorin zu wirken. Es ist immer schwierig, ob man das schafft, aber es ist mein Wunsch. Für mich war ganz klar, dass es nicht darum geht zu zeigen, wie die SS entstanden ist, sondern wie wir uns verstricken in der Lüge ..."

Sie sprechen bayerisch, schreiben Drehbücher in Bayerisch. Glauben Sie, dass die Kinder überall in Deutschland Ihren Film verstehen können?
"Ich war der Meinung, man könnte es verstehen. Aber nach ersten Testvorführungen hörte ich, dass es schwierig ist, alles zu verstehen, wenn man die Sprache nicht kennt. Nach der Endmischung wird es viel besser sein. Denn ich habe den Film nicht nur für Bayern gemacht, sehe mich auch nicht als Sprachenpfleger. Es geht mir eher darum, eine regionale Orientierung zu geben, es erdiger zu machen."

Könnte man den Film nicht synchronisieren?
"Ich würde mich gegen eine Synchronisation nicht wehren; das ist aber auch eine Kostenfrage. Doch der Dialekt gehört für mich dazu. So könnte ich mir den Film auch gut in anderen Dialekten vorstellen, oder in anderen Regionen, im Ruhrpott zum Beispiel mit seinen Industrieanlagen."

Wollen Sie also nicht als bayerischer Mundartfilmer in die Filmgeschichte eingehen, als Erfinder des neuen Heimatfilms?
"Nein, es geht mir nicht um die Konsequenz, dass man mich als bayerischer Filmemacher sieht."

Öffnet der Name Rosenmüller die Türen für die Finanzierung? – "Die Perlmutterfarbe" bekam von der Kinderfilmförderung des BKM/Kuratorium junger deutscher Film 250.000 Euro Produktionsförderung. Wie hoch belief sich das Gesamtbudget und war es schwierig, das Geld zusammen zu bekommen?
"Der Film kostet vier Millionen Euro und war lange vom Produzenten Robert Marciniak vorbereitet. Wie das im Einzelnen lief, muss man wirklich ihn fragen. Meine letzten drei Filme 'Beste Zeit', 'Beste Gegend' und 'Räuber Kneissl' habe ich ohne Produktionsförderung – nur mit Fernsehgeld – produziert."

Warum nicht auch "Die Perlmutterfarbe"?
"Einen Kinderfilm in Deutschland zu drehen ist sehr schwierig. Da braucht man einen Batzen Geld, allein wegen der eingeschränkten Drehzeit für Kinder. Wir haben an der Grenze zu Österreich gedreht; dort gibt es die Probleme mit dem Jugendschutzgesetz in der Form nicht. In Deutschland dürfen die Kinder vier Stunden am Tag drehen, mehr nicht. Darin ist aber auch die Zeit für Maske, Kostüm und Warten am Set enthalten. Da bleibt wenig Zeit fürs Drehen. Es war schon so, dass ich aufgrund dieser harten Gesetze am liebsten alles hingeschmissen hätte. Wobei die Kinder selbst gar nicht wegzubringen waren vom Set. Die waren traurig, dass wir sie wegschicken mussten. Das hat uns schon vor ein richtiges künstlerisches Problem gestellt."

Gibt es neue Projekte?
"Ich habe vor, wieder mit Christian Lerch (Mitautor der 'Perlmutterfarbe') etwas zusammen zu schreiben. Wir sind am Sammeln, wir lassen uns Zeit. Ich mag was Neues machen, ich mag was lernen, will besser im Handwerk werden, etwas ausprobieren mit den Schauspielern."

Sind Sie zufrieden mit der "Perlmutterfarbe"?
"Man kann Filme immer kritisieren und oftmals ist man als Filmemacher getroffen, weil man es selbst nicht geschafft hat, wie man es wollte. Bei diesem Film aber kann ich sagen: Den wollte ich genauso machen. Das ist ein Film, hinter dem ich vollkommen stehe. Manchmal hat man zu wenig Geld, zu wenig Drehzeit. Hier war es eine sehr gute Produktion, die mir das ermöglicht hat, Kinder, die toll waren, und in der Mischung arbeite ich mit Leuten zusammen, mit denen ich eine Sprache spreche. Die alle den Film verstehen."

Hatten Sie Vorbilder für Ihre Inszenierung der "Perlmutterfarbe"?
"'Der Krieg der Knöpfe' von Yves Robert und 'Sie küssten und sie schlugen ihn' von François Truffaut."

Welches war denn Ihr erstes Kinoerlebnis bzw. Ihr erster Film?
"Einer von Disney, den Titel weiß ich nicht mehr, es war etwas mit einem Tiger und einem Löwen, den sah ich in der Gaststätte Bieber in Hausham. Und dann in Miesbach im Kino 'Ben Hur'. Erst relativ spät wusste ich, dass ich selbst Filme machen wollte. Es begann mit Truffaut, 'Jules und Jim', 'Die letzte Metro', dann kamen Filme von Käutner, die mich prägten."

Sie studierten von 1995 bis 2003 an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Was gab den Ausschlag dafür?
"Da ich mich für all die Sachen interessiert habe, vom Geschichtenschreiben, Filmemachen, Musikmachen, wollte ich Film- oder Theaterregisseur werden, nun gottseidank ist es Film. Ich war früher eher auf der Bühne, schrieb Büttenreden und Kabarett-Texte. Das war der erste Schritt."

Womit haben Sie sich an der Filmhochschule beworben?
"Es gab Aufgaben. Man sollte ein Treatment für einen Spielfilm und einen Dokumentarfilm schreiben, seine Beweggründe mitteilen und zeigen, was man bisher künstlerisch gemacht hat. Ich hatte Gedichte, die sich reimen, sah mich aber nicht als Lyriker oder Dichter, sondern mehr als Unterhalter, Ringelnatz und Heinz Erhardt habe ich geliebt."

Und Sie wurden beim ersten Anlauf von der Filmhochschule angenommen?
"Ja, ich hatte Glück."

Interview: Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

 

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