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Ausgabe 118-2/2009

MY SUICIDE

Produktion: Generate/Archie Films / Interscope Films / Red Rover Films / Luminaria Films; USA 2008 – Regie: David Lee Miller – Buch: David Lee Miller, Eric J. Adams, Gabriel Sunday, Jordan J. Miller – Kamera: Lisa Wiegand, Angie Hill – Schnitt: Gabriel Sunday, Jordan J. Miller – Musik: Tim Kasher – Darsteller: Gabriel Sunday (Archibald Holden Buster Williams), David Carradine (Vargas), Mariel Hemingway (Charlotte Silver), Brooke Nevin (Sierra Silver), Nora Dunn (Gretchen Williams), Michael Welch (Earl) u. a. – Länge: 105 Min. – Farbe – Altersempfehlung: ab 14 J.

Für die Eltern ist die Lage klar, ihr Junge hat doch alles, was er braucht – materiell auf jeden Fall. Doch dem 17-jährigen Archie mangelt es an Liebe, Zuneigung und Verständnis, in der Schule ist er ein Außenseiter, der von den anderen kaum wahrgenommen wird. Am liebsten sitzt er in seinem Zimmer am PC und bastelt aus den Clip-Schnipseln neue kleine Filmchen, in denen es munter durch die Zeit und die Genres geht – alles ist erlaubt, alles ist möglich: Animationen, Comic-Effekte, Dutzende von Anspielungen auf Kinofilme, Serien und Werbung. Die Flucht in virtuelle Welten ist für ihn perfekt, aber frustrierend, denn das Internet ist eine Welt der Versprechungen, die sich nicht erfüllen. Als es in der Filmklasse der Schule darum geht, sich ein Thema für den Semesterabschluss auszudenken, ist Archie sofort Feuer und Flamme, zumal er mit der Ankündigung, er würde sich vor laufender Kamera umbringen, für Verwunderung, Bestürzung und Anerkennung gleichermaßen sorgt: "Dieser Film handelt von meinem absolut durchschnittlichen Leben, dem Medien-Overkill und der Geisteskrankheit, die ich Tag für Tag um mich herum erlebe. Ich bin besessen von Filmen, dem Tod und dem perfekten Plastikmädchen Sierra. Mein Name ist Archibald Holden Buster Williams und ich werde mich umbringen. Willkommen in meinem Film! Willkommen – bei meinem Selbstmord!"

Archie rückt mit seinem Projekt "My Suicide" vom äußersten Rand in den Mittelpunkt des Interesses: Die Eltern sind besorgt, die Lehrer verwirrt, die Psychologen neugierig, die Ärzte verstört – und die Mitschüler sind gespannt, Schulhof-Dealer geben ihm Tipps für den garantiert tödlichen Pillen-Mix, Klassenkameraden ermutigen ihn, den Schritt ins Jenseits zu tun. Aber vor allem nimmt mit einem Mal Sierra, das hübscheste Mädchen der Schule, Notiz von Archie. Beide befreunden sich miteinander. Sie zeigt ihm ihr Geheimnis: zwei Rasierklingen, mit denen sie sich oft schneidet, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Gefühle kommen ins Spiel, Sierra hat hinter der geschminkten Fassade ganz ähnliche Probleme wie Archie. Archie ist sich nicht sicher, ob er Selbstmord begehen will oder nicht. Zu Beginn des Films gibt es eine Szene mit einer Schülerberaterin. Archie erzählt ihr von seinem Plan und deshalb bringen sie Archie dann weg. Suizidgefährdete Jugendliche bekommen Handschellen angelegt und werden für drei Tage zur Beobachtung in eine psychiatrische Klinik gebracht – "das wahrscheinlich Schlimmste, was man einem Jugendlichen mit Selbstmordgedanken antun kann", meint Regisseur David Lee Miller.

Archie wäre aber nicht Archie, wenn er all das nicht mit seiner Cam festhalten würde: ein bisschen blöd schauen sie schon, die Leute in der Psychiatrie, weil ihnen wohl ein solcher Medienfreak noch nicht untergekommen ist – doch alle lassen ihn gewähren, keiner verweigert die Aufnahmen. Und immer wieder nimmt sich Archie dabei auch selbst auf: Ganz so als müsse er sich vergewissern, dass das alles um ihn herum und mit ihm auch "wirklich" passiert. Sein Leben erträgt er nur noch durch die Kamera. Längst nimmt er die Wirklichkeit nur noch als Abbildung der Realität wahr, deshalb ist sein Video-Projekt für ihn auch nur ein Spiel mit der Umwelt, die ihn bisher so gern ausgeschlossen hat. Natürlich ist ihm nicht einmal klar, was er für sich selbst ausgelöst hat, obwohl er sich nie hat umbringen wollen. Umso größer gerät der Schock am Morgen nach einer wilden Party mit viel Alkohol, Drogen und Sex: In der Sporthalle hat sich sein Freund erhängt und baumelt am Basketballkorb. Was für Archie ein Spiel war, wurde für seinen Freund zum bitteren Ernst – mit der bitteren Ironie, dass nicht der Selbstmord begeht, der es allen ankündigt, sondern der, der die Absicht und die Gedanken daran nur in sich selbst trägt.

Das Teenagerdrama von David Lee Miller, der vier Jahre an der Realisierung gearbeitet hat, ist eindrucksvoll und überzeugend, es wirkt wie die Studie einer Generation – nicht zufällig, denn sowohl am Schnitt wie auch am Drehbuch waren Jugendliche beteiligt, sie sorgen für Authentizität: Jordan J. Miller und Gabriel Sunday, der auch die Hauptrolle spielt. Verblüffend ist es, wie dicht sich David Lee Miller auf reale Ereignisse zu beziehen scheint, denn die fiktive Geschichte ist längst Realität. Im November 2008 hat sich der amerikanische Teenager Abraham Biggs vor laufender Webcam mit einem Gift-Cocktail das Leben genommen: Keiner der rund 180 Zeugen im Chat-Forum hatte rechtzeitig die Polizei gerufen, einige hatten den 19-Jährigen sogar zum Selbstmord ermutigt. Die zu dem Fall befragten Psychologen reagierten ähnlich wie die im Film und erläuterten die "Dynamik zwischen Selbstmörder und Publikum", die zu der Eskalation geführt habe. "Ohne Zuschauer hätte er es wahrscheinlich gar nicht getan", so Dr. Jon Shwa von der Universität Miami. Jedes Jahr nehmen sich in den USA fast 5.000 Jugendliche das Leben. Auf die Frage nach dem "Warum" hat auch "My Suicide" keine Antwort, allerdings zeugt der Film vom Wunsch, Jugendliche mit ihren Problemen ernst zu nehmen und ihnen Lebensmut zu geben.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 118-2/2009 - Interview - "Diese wunderbare 'Suicide'-Familie"

 

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