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Ausgabe 118-2/2009

"Das Land Eden für den Kinderfilm gibt es nicht"

Ein Gespräch mit Thomas Hailer, seit 2008 Programm-Manager der Berlinale.

Interview

2003-2008 Leiter der Kinder- und Jugendsektion "Generation" der Internationalen Filmfestspiele Berlin; 1998-2008 Projektbetreuer für den Kinderfilm beim Kuratorium junger deutscher Film.

KJK-Mitarbeiter Klaus-Dieter Felsmann befragte Thomas Hailer in seiner Eigenschaft als Programmverantwortlicher, Projektbetreuer und Filmpolitiker über seine Erfahrungen und Einschätzungen der Kinderfilmszene.

KJK: Wenn Sie aktuell auf den Kinderfilm blicken, wie ist aus Ihrer Sicht dessen Stand in der öffentlichen Wahrnehmung?
Thomas Hailer: „Wir haben im Februar gerade erlebt, dass für das Programm der Sektion "Generation" bei der Berlinale auch mit sogenannten komplizierten Filmen wieder mehr als 50.000 Zuschauer mobilisiert werden konnten. Es ist sehr erfreulich. wenn Festivals beweisen, dass für das, worauf es uns ankommt, ein Publikum da ist.
Generell hat sich in den letzten Jahren viel getan. Die deutsche Kinolandschaft wäre wesentlich ärmer, wenn es nicht inzwischen jährlich zwei oder drei Kinderfilme gäbe, die Spitzenplätze bei der Zuschauerresonanz erreichen. Allerdings haben wir, wie auch schon vor zehn Jahren, immer noch das Problem, dass Filme, hinter denen kein Bestsellerautor steht, zu wenig Resonanz erfahren. Hier müssen wir uns insbesondere beim Vertrieb noch viele Gedanken machen.“

Vor zehn Jahren haben Sie in einem Gespräch mit dieser Zeitschrift gesagt, dass "die Kinderfilmlandschaft etwas zerzaust" erscheine. Wie ist heute ihr diesbezüglicher Eindruck?
„Aus meiner Sicht ist die Szene nicht mehr zerzaust. Sie ist gut aufgestellt und auf die entscheidenden Punkte konzentriert. Die Gemeinschaft ist auch größer geworden. Und nach wie vor bietet der Förderverein Deutscher Kinderfilm gute Möglichkeiten, die dringendsten Anliegen anzugehen. Mit Angeboten wie der Akademie für Kindermedien konnte der Förderverein außerdem Schritt für Schritt seine Mitgliederstruktur verjüngen.“

Wir sehen, dass heute Marken den Kinderfilmbereich dominieren. Vor zehn Jahren waren Sie aber beim Kuratorium dafür angetreten, originäre Stoffe primär zu befördern. Sehen Sie darin einen Widerspruch?
„Vorab möchte ich sagen, dass beim Kuratorium nie Vorbehalte gegen Marken-Verfilmungen bestanden haben. Wir hatten aber die Hoffnung, dass diese Filme immer auch den einen oder anderen originären Stoff nach sich ziehen. Wir mussten uns allerdings mit viel weniger zufrieden geben als erhofft, konnten aber immerhin das Aussterben dieser Gattung aufschieben. Außerdem hat das Kuratorium damals ein Modell vorgelegt, das mittlerweile vielfach in produktiver Weise kopiert wurde. Die Idee der Projektbetreuung bestimmt inzwischen sowohl die Arbeitsweise des BKM als auch die vieler regionaler Förderer. Das Bewusstsein für den Wert originärer Kinderfilme ist auf allen Ebenen der Filmförderung gut verankert. Probleme gibt es derzeit hauptsächlich beim Vertrieb. Es ist hierzulande ungeheuer schwierig für einen kleinen Verleih, diese Filme unter die Leute zu bringen.“

Was wären denn die Voraussetzungen dafür, dass eine entsprechende Distribution funktionieren könnte?
„Die Produktionsfirmen können seit geraumer Zeit nur sehr schwer ihre Eigenanteile erwirtschaften. Dies erfolgt klassischerweise durch Lizenzverkäufe etwa an Fernsehsender und durch Verleih-Vorverträge. Auf beiden Feldern ist es heute sehr schwer, Erfolge zu erzielen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sich annähernd komplett von jenen Filmen verabschiedet, von denen wir reden. Bei den Sendern gibt es in diesem Sinne nur noch wenige verdienstvolle Einzelkämpfer, die aber immer seltener zum Zuge kommen. Eine kurzsichtige Politik, die ich unverständlich und deprimierend finde. Für die Kinos selbst ist es auch nicht leicht, auf einem überhitzten Markt innerhalb der Nische Filmkunsthäuser etwa noch eine Unternische Kinderfilm zu erhalten. Insgesamt fehlt uns zunehmend das letzte Glied innerhalb der Verwertungskette.“

Haben wir es hier mit strukturellen Einzelfragen zu tun, oder ist das nicht eher ein generelles kulturelles Problem unserer gegenwärtigen Gesellschaft?
„Es ist leider so, dass wir in einem kulturellen Umfeld leben, wo man sich nicht so wahnsinnig für qualitätsvolle Angebote an die Heranwachsenden interessiert. Kinder haben keine Lobby, wenn es um komplexe Inhalte geht. Eine anders geartete Steuerung kann man wahrscheinlich nicht allein dem Markt überlassen, denn die möglichen Gewinnmargen sind einfach zu klein, als dass man hier ohne öffentliche Unterstützung auskommen könnte. Vielleicht würde uns, ketzerisch gesagt, eine Art Staatsverleih helfen? Doch so unmittelbare Eingriffe in wirtschaftlich geprägte Mechanismen sind auch immer heikel.
Fest steht: Es gibt die Filme und wir haben ein interessiertes Publikum. Also müssen für den Vertrieb gewisse Anreize geschaffen werden. Denen, die das Wagnis auf sich nehmen, für Kinder mehr zu tun, sollten wir helfen, das damit verbundene wirtschaftliche Risiko abzudecken. Gleichzeitig ist aber auch eine größere Kreativität der Verleiher nötig. Warum sollte es nicht auch im Kinderfilmbereich möglich sein, dass ein Verleih, so wie Piffl-Medien im Sektor des Arthouse-Films für Erwachsene, jene Strategien entwickelt, mit der genau das passende Publikum erreicht werden kann?“

Wie sieht rückblickend aus der Warte des ehemaligen Leiters der Sektion "Generation" der Berlinale die Situation des Kinderfilms auf dem internationalen Markt aus?
„Wenn man auf die Wertschätzung von Kindern in unserer Mediengesellschaft blickt, ist die Situation überall auf der Welt ähnlich desperat wie bei uns. Ein gelungener Film, der es verdient hat, hier beim Festival zu laufen, hat fast immer eine kurvige und von vielen Zufällen geprägte Entwicklungsgeschichte. Das Land Eden für den Kinderfilm gibt es nicht. Viele denken, das sei Dänemark oder Schweden, aber auch dort kann es passieren, dass die Karrieren einstmals erfolgreicher Regisseure abrupt unterbrochen werden. So war es bei Pia Bovin zu erleben, deren Film 'Nenn mich einfach Axel' im Jahre 2003 bei uns in Berlin sehr erfolgreich war.
Eine Ausnahme, die mich in den letzten Jahren zunehmend beeindruckt, ist die Entwicklung in Australien. Dort leistet eine vergleichsweise junge Filmindustrie sehr solide Basisarbeit. Vielfach werden Kurzfilme gefördert, mit deutlichem Schwerpunkt auf das indigene Kino. Hier ist genau zu sehen, was es jenseits des Mainstreams noch so alles zu erzählen gibt. Dort entwickelt sich längst auch nicht alles linear, doch es gibt ein Bewusstsein dafür, dass man nur mit Flaggschiffen allein eine Industrie nicht am Laufen halten kann. Vielleicht kann die Kinderfilmbranche hierzulande davon lernen.“

Ist es aber nicht auch so, dass die technische Entwicklung inzwischen immer mehr Kreativen die Möglichkeit gibt, völlig frei von institutionellen Strukturen ihre Filme machen zu können?
„Zumindest sorgt sie dafür, dass die Argumentation, man könne eine gute Geschichte wegen fehlender Produktionsmittel nicht erzählen, immer weniger Substanz hat. Theoretisch kann heute jeder einen Film produzieren. Wir haben allerdings in der Vorauswahl für unser Programm hunderte von Beispielen gesehen, wo man leider sagen musste, dass ein bisschen Filmbildung, etwas dramaturgische Beratung und eine kritische Produktionsbegleitung nicht geschadet hätten. Es gibt natürlich immer wieder tolle Beispiele, aber generell kann man nicht sagen, dass allein gute Absichten und technische Möglichkeiten signifikant zu einem Mehr an guten Filmen führen.“

Die Einführung eines eigenständigen Wettbewerbs für Jugendliche, die Reihe "14plus", war eine Ihrer wichtigsten Innovationen innerhalb der Kinderfilmsektion der Berlinale. Kann man das auch als Reaktion darauf verstehen, dass es eventuell den klassischen Kinderfilm mit seinen geschützten Räumen gar nicht mehr gibt, der Deckel also immer weiter nach oben geschoben wurde?
„Für uns war die Reihe '14plus' zunächst ein risikoreiches Experiment. Wir waren der Meinung, dass es genug Filme gibt, die sich unmittelbar an Jugendliche wenden. Inzwischen hat die Entwicklung der Programmreihe uns in der Annahme mehr als bestätigt.
Ansonsten konnte ich mit der ausgrenzenden Kategorisierung, was ein Kinder- oder Jugendfilm ist und was nicht, nie wirklich etwas anfangen. Natürlich ist es bei der Programmgestaltung schön, wenn es so etwas gibt wie den klassischen Kinderfilm. Doch die Sektion wäre nach 30 Jahren schon mausetot, wenn immer das angeboten worden wäre, wovon Erwachsene meinen, dass es für Kinder tauglich sei. Von einem guten Festival wird immer erwartet, dass es unmittelbar auf Entwicklungstendenzen reagiert. Das bedeutet auch, dass man mit der Programmgestaltung anecken muss und dabei den Deckel auch immer etwas höher drückt. Das haben meine Vorgänger bei der Berlinale auch schon so gemacht.“

Entscheidend ist dabei natürlich das Bedürfnis der unmittelbaren Zielgruppe. Sind wir also aus deren Sicht weniger glaubhaft, wenn wir für die Kinder künstliche Welten schaffen, statt uns auf das einzulassen, was sie wirklich umtreibt?
„Kinder und Jugendliche sind im Verlauf der letzten zehn Jahre wesentlich stärker in eine komplexe mediale Welt eingebunden worden, als das je der Fall war. Ein Heranwachsender verfügt heute über viel mehr Einzelmedien und ist mehr denn je willens und in der Lage, selbst einzugreifen. Diese Zielgruppe lässt sich ungern auf eine behütete Rollenzuweisung festlegen. Wir haben bei unseren Filmgesprächen immer wieder das Bedürfnis unseres Publikums nach Grenzerfahrungen gespürt. Man will das Kino als Herausforderung verstanden wissen.“

Diese Entwicklungen haben offenbar auch bei der Veränderung des Sektionsnamens – weg vom "Kinderfilmfest" hin zur Bezeichnung "Generation" – eine wesentliche Rolle gespielt. Hat sich denn dieser Bezeichnungswechsel, der ja bei manchen langjährigen Begleitern des Festivals eine gewisse Irritierung hervorgerufen hatte, bewährt?
„Unserem Zielpublikum war der Name ohnehin egal, bei denen zählen hauptsächlich die Filme. Und bei der Programmgestaltung hat uns der Namenswechsel wirklich sehr geholfen. Die Filmemacher haben sich mit dem Begriff 'Kinderfilmfest' deutlich schwer getan, weil sie befürchtet haben, sie werden damit auf eine relativ kleine Zielgruppe festgelegt. Inzwischen wird ‘Generation‘ als eine interessante Marke gesehen, wo Filme laufen, die auch zum Diskurs zwischen den Generationen einladen. Das Wesentliche am Kinderfilm war für mich allerdings schon immer, dass es dort Angebote gibt, die Kinder gut ansehen können, die aber auch ein erwachsenes Publikum herausfordern. Der Begriff Kindheit weckt ohnehin oft seltsame Assoziationen. Wenn ich irgendwo sagte, ich programmiere das Kinderprogramm, dann kam zu 80 Prozent die Reaktion: 'Ach wie niedlich'. Da habe ich dann immer geantwortet, mir fällt viel Tolles zu meinem Publikum ein: Es ist vielleicht ein energiegeladenes, meinungsfreudiges und manchmal auch sehr hartes Publikum – nur niedlich ist es mit Sicherheit nicht. Kinder sind Menschen und bei ihnen ist der Anteil an angenehmen und schrecklichen, klugen und weniger klugen genauso groß, wie bei Erwachsenen. Also: Der Namenswechsel war für uns unerlässlich. Das Publikum hat das in vollem Umfang mit getragen, unsere Programmgestaltung wurde dadurch erleichtert und unser Anliegen wird langfristig gesehen besser verdeutlicht.“

Mit Thomas Hailer sprach Klaus-Dieter Felsmann

 

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