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Ausgabe 119-3/2009

EL SISTEMA

Produktion: EuroArts Music, in Koproduktion mit ARTE France, NHK, SF; Deutschland/Venezuela 12009 – Regie und Buch: Paul Smaczny und Maria Stodtmeier – Kamera: Michael Boomers, Christian Schulz – Schnitt: Steffen Herrmann – Länge: 90 Min. – Farbe – Verleih: Novapool

Musik, sagt José Antonio Abreu, "drückt das Unsichtbare aus, das Unaussprechliche". Deshalb sei Musik so schöpferisch und allen anderen Kunstformen überlegen: "Musik hat die stärkste Wirkung auf uns Menschen." Wie richtig das ist, hat Abreu selbst in den letzten drei Jahrzehnten zur Genüge bewiesen: Der frühere Wirtschaftswissenschaftler hat 1975 die Stiftung "Estado para el Sistema de Orquesta Juvenil e Infantil de Venezuela" gegründet. Sein Ziel: die Kinder aus sozial schwachen Schichten von der Straße zu bekommen. Die erste Musikschule hatte zwölf Mitglieder. Mittlerweile sind es 270; aber nicht Kinder, sondern Musikschulen.

Abreus Einrichtung ist im gesamten Land nur als "El Sistema" bekannt, und so haben Paul Smaczny und Maria Stodtmeier auch ihr Porträt genannt. Die Dokumentation erinnert nicht zufällig an den erfolgreichen Dokumentarfilm "Rhythm is it!", zumal die Ausgangslage eine ganz ähnliche ist: Hier wie dort geht es um Kinder und um Musik. In "El Sistema" geht es allerdings auch um Venezuela. Allein in den "Barrios" genannten illegalen Slums rund um die Hauptstadt Caracas leben fünf Millionen Menschen, die Hälfte davon Kinder. Bestürzend abgeklärt beschreiben sie ihren Alltag, in dem sie immer wieder Schießereien erleben. Ein Mädchen erzählt, wie es auf dem Weg zur Musikschule von einer Kugel im Bein getroffen wurde. Manchmal fallen die Proben ganz aus, weil die Eltern ihre Kinder aus Angst nicht vor die Tür lassen.

Diese Gespräche hinterlassen den stärksten Eindruck; dazu die Mitschnitte von den Auftritten des Jugendorchesters "Símon Bolivár". Dessen gleichfalls noch jugendlich wirkender musikalischer Direktor Gustavo Dudamel, mittlerweile 28, und designierter Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra ist neben Abreu die zweite faszinierende Persönlichkeit des Films. Er ist selbst ein Kind von El Sistema und verkörpert perfekt den enormen Enthusiasmus, mit dem die Jugendlichen musizieren. Die Darbietungen des Orchesters "Símon Bolivár" reißen das Publikum buchstäblich von den Sitzen, weil sich auch die Musiker hin- und mitreißen lassen.

Smaczny, vor allem wegen seiner Barenboim-Porträts in Fachkreisen sehr beachtet, und seine Partnerin Stodtmeier verzichten völlig auf jeden Kommentar und lassen stattdessen die Beteiligten sprechen. Die wiederum, ob groß oder klein, sind derart voller Hingabe und Dankbarkeit, dass man die Arbeit Abreus und seiner Mitstreiter gar nicht genug würdigen kann. Mit "El Sistema" erhalten sie nun ein angemessenes filmisches Denkmal, weil der Film nicht zuletzt auch Abreus Philosophie würdigt: Musik, sagt er, "steht für Frieden, Freude, Integration, Stärke und unerschöpfliche Kraft" und deshalb betrachtet er El Sistema als "Quelle der Hoffnung für die Welt".

Tilmann P. Gangloff

 

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KJK-Ausgabe 119/2009

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