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Ausgabe 119-3/2009

LALAS GEWEHR

GUNLALA DE QIANG

Produktion: Beijing Spring Thunder Films, in Koproduktion mit Beijing Huayuan Guangcheng Films; Volksrepublik China 2008 – Regie und Buch: Ning Jingwu – Kamera: Wu Lixiao – Schnitt: Jia Cuiping – Musik: Chen Changfeng, Qu Xiangrong – Darsteller: Wang Jishuai (Lala), Shi Mingma (Lalas Großmutter), Gun Dangyuan (Jia Guwang), Gun Maishuai (Jia Nujin), Gun Wangyuan (Jäger), Gun Xinjiang (Wei Daokuan), Shi Yuchao (Schmied), Yang Zhengping (Lehrer) u. a. – Länge: 99 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Three Dots Entertainment, 3F., No. 62, Emei St., Wanhua District, ROC-Taipei 108-44, Fax: +886 2 23887066, e-mail: shaoyi@3dots-entertainment.com – Altersempfehlung: ab 14 J.

Wenn heute von der Volksrepublik China die Rede ist, fallen einem allzu oft nur die Begriffe "Wirtschaftsmacht", "Menschenrechtsverletzung" und "gigantische Umweltverschmutzung" ein. Dass es hingegen dort auch noch eine ganz anders geartete, diametral entgegen gesetzte Wirklichkeit gibt, machen Filme deutlich, wie "Lalas Gewehr", der 2009 in der Berlinale Reihe Generation 14plus lief. Drehbuchautor und Regisseur Ning Jingwu ist bekannt dafür, dass er sich in seinen Filmen insbesondere für Minderheiten stark macht. Eine solche Minderheit ist der Stamm der Miaos, der seit mehr als 2.000 Jahren in den Wäldern im Südosten des Landes lebt und die Traditionen der Ahnen pflegt. Sobald ein Junge dort 15 Jahre alt wird, überreicht ihm der Vater im Rahmen eines Initiationsrituals feierlich ein Gewehr, das weniger zur Jagd dient, als ein Zeichen der Männlichkeit und Reife ist. Auch Lala, der bei der Großmutter aufgewachsen ist, wird in wenigen Wochen 15 und sehnt sich nach diesem Ereignis. Noch weiß der Junge aber nicht, dass er als Waisenkind adoptiert wurde. So schenkt er der Großmutter Glauben, die ihm erzählt, der Vater sei einst der beste Sänger und Jäger des Dorfes gewesen und eines Tages spurlos verschwunden. Lala macht sich daher auf die Suche nach seinem Vater. Auf seiner langen Reise begegnet er zunächst einem einsamen Jäger, der aber nicht gut jagen kann, dann einer Bauernfamilie mit zwei heranwachsenden Töchtern, doch deren Vater hat neben seiner Frau noch eine Geliebte und scheidet damit moralisch ebenfalls als Lalas leiblicher Vater aus. Schließlich begegnet Lala einem alten Schiffer, der mit seinem Gesang die Geister der Verstorbenen auf ihrer letzten Reise begleitet und den Jungen in die Geheimnisse seiner Kunst einweiht. Für den Stamm der Miaos ist der Gesang weit mehr als Freizeitvergnügen, vielmehr ein wesentlicher Teil ihrer Identität, ihrer Persönlichkeit und ihres gesellschaftlichen Ansehens. Durch das Leben bei dem alten Mann wächst in Lala die Sehnsucht nach seiner Großmutter und er kehrt zu ihr zurück. Diese hat inzwischen alles daran gesetzt, um Lala seinen größten Wunsch zu erfüllen – auch ohne den unbekannten Vater.

"Lalas Gewehr" lässt sich als ein ethnografischer Coming-of-Age-Film beschreiben, der nebenbei die These von Joseph Campbell belegt, dass die Reise eines Helden, der dabei zahlreiche Bewährungsproben zu bestehen hat, in allen Kulturen der Welt und natürlich auch im Film als ein immer wiederkehrendes erzählerisches Grundmuster dient. Diese Erzählstruktur und die Suche des Jungen nach seinen Wurzeln machen den beinahe schon dokumentarischen Film trotz aller Fremdheit verständlich, obwohl die Lebensweise der Miaos und Lalas mit dem Leben eines Jugendlichen hierzulande wohl kaum etwas gemeinsam hat. Gerade diese Unterschiede im Vergleich der Kulturen machen zusammen mit der ästhetischen Stringenz die Faszinationskraft des Films aus und bieten wertvolle Reibungspunkte. Beispielsweise pflanzen die Miaos bei der Geburt eines Menschen einen Lebensbaum, der am Ende des Lebens gefällt wird, um daraus den Sarg des Verstorbenen zu zimmern. Ansonsten darf nur soviel Holz geschlagen werden, wie für den persönlichen Bedarf erforderlich, Profit damit zu machen, verstößt gegen die Regeln im Einklang mit der Natur. Auch die Menschen helfen sich gegenseitig und das Teilen des Vorhandenen zählt mehr als der persönliche Besitz, was ein ständiges Geben und Nehmen zur Folge hat und Lala seine Reise erst ermöglicht. Das Leben in der Stadt wird zwar nicht verteufelt, dennoch bezahlt Lalas fünf Jahre älterer Freund seinen Karrierewunsch in der Stadt schließlich mit dem Leben.

Die ruhige Erzählweise des Films macht es einem westlich geprägten Publikum nicht immer einfach und erfordert ein Sich-einlassen-können auf die meditativen Bilder. Eine unaufdringliche Kamera beobachtet die Menschen bei ihren Tätigkeiten und Ritualen, lange Passagen mit Ethnomusik und Gesängen rücken den Ton stärker als üblich ins Bewusstsein, und viele Bilder sind im Gegenlicht und in High-Key-Technik aufgenommen, was den ohnehin lichtdurchfluteten Innen- und Außenräumen etwas Symbolhaftes oder gar Heiliges verleiht. Auch Jugendliche kommen anderslautenden Klischeevorstellungen zum Trotz offenbar mit dieser eigenwilligen Filmästhetik zurecht. So heißt es im Berlinale-Onlineforum der jungen Journalisten: "Die Selbstlosigkeit Lalas, der Umgang der Menschen miteinander, das konsequente, aber keineswegs fanatische Festhalten an den jahrhundertealten Bräuchen, die Gesänge und die wohlklingende Sprache faszinieren ... bis zur letzten Minute." Dem ist nichts weiter hinzuzufügen.

Holger Twele

 

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KJK-Ausgabe 119/2009

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