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Ausgabe 119-3/2009

SIMONS GEHEIMNIS

ADORATION

Produktion: Ego Film Arts / The Film Farm; Kanada 2008 – Regie und Buch: Atom Egoyan – Kamera: Paul Sarossy, C.S.C., B.S.C. – Schnitt: Susan Shipton – Musik: Mychael Danna – Darsteller: Devon Bostick (Simon), Arsinée Khanjian (Sabine), Scott Speedman (Tom), Rachel Blanchard (Rachel), Noam Jenkins (Sami) – Länge: 98 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: X-Verleih – Altersempfehlung: ab 14 J.

Die Geschichte ist ungeheuerlich. Und dass sie sich tatsächlich ereignet hat, macht sie noch weniger erträglich: 1986 hat ein Jordanier seiner schwangeren irischen Freundin eine Bombe ins Gepäck geschmuggelt, als sie nach Israel fliegen wollte. Atom Egoyan, damals noch Nachwuchsregisseur, las von dem Vorfall in der Zeitung und hob den Artikel auf. Zwanzig Jahre später ist er ihm wieder in die Hände gefallen. Das Ereignis hatte nichts von seiner düsteren Faszination verloren und war aktueller denn je. Aber Egoyan, dank Filmen wie "Der Schätzer" oder "Exotica" künstlerisch längst einer der wichtigsten Regisseure Nordamerikas, war weniger an der Untat des Terroristen interessiert. Er fragte sich, was wohl aus dem Kind geworden sein mochte; die Bombe wurde damals entdeckt, es ist niemandem etwas passiert.

"Simons Geheimnis" hat der deutsche Verleih Egoyans Film genannt. Im Original heißt er "Adoration" (Anbetung, Verehrung), und das ist in seiner Uneindeutigkeit ein ungleich reizvollerer Titel. Andererseits steht der junge Simon zweifelsfrei im Mittelpunkt der Geschichte, und es ist ein sehr düsteres Geheimnis, das ihn umgibt. Da Egoyan in seinen Erzählungen aber nie ohne Umschweife zur Sache kommt, nimmt die Handlung zunächst einen aberwitzigen Umweg: Simons Französischlehrerin (Egoyans Stammspielerin Arsinée Khanjina) diktiert ihrer Klasse besagten Bericht über das versuchte Attentat; die Schüler sollen ihn übersetzen. Simon lässt sich mitreißen und erzählt sie aus quasi erster Hand: Er ist das damals noch ungeborene Kind und philosophiert nun über die Motive seines Vaters, der bereit war, die geliebte Frau zu opfern. Seine Lehrerin bittet ihn, der Klasse die ganze Wahrheit zu erzählen. Es dauert eine Weile, bis Egoyan die Katze aus dem Sack lässt: Simons Bericht ist pure Fantasie. Sein Aufsatz hat die Lehrerin, die auch die Theatergruppe der Schule leitet, zu einem gewagten Projekt animiert: Ihr Schüler soll die Geschichte quasi als lebensechtes Bühnendrama bis ins Detail ausspinnen. Der spielt das Spiel mit und beobachtet staunend, wie es sich verselbstständigt. Im Internet melden sich Menschen zu Wort, die damals in dem Flugzeug saßen und deren Dasein, obwohl sie mit dem Leben davon gekommen sind, eine dramatische Wende genommen hat.

Mit der Preisgabe dieses Handlungsclous ist keineswegs zu viel verraten, denn das titelgebende Geheimnis ist in Wirklichkeit ein völlig anderes. Auf der Ehe seiner Eltern, die bei einem Autounfall gestorben sind, lastet ein finsteres Vermächtnis. Aufgewachsen ist Simon bei Tom, dem Bruder seiner Mutter, und der bricht unter der Bürde seiner Mitschuld beinahe zusammen. Kronzeuge der bitteren Erinnerungen ist Simons Großvater, der seinen Schwiegersohn noch auf dem Sterbebett als Monster bezeichnet hat. Wohl auch aus diesem Grund war Simon so ohne weiteres bereit, sich die Perspektive des Terroristensohns zueigen zu machen. Dabei ist das Monster in dieser Geschichte ein völlig anderer, und Simon muss sich entscheiden, an welche Wahrheit er glauben will; eine Entscheidung, die seinem Leben eine andere Richtung geben wird.

Atom Egoyan ist ein Meister des fragmentarischen Erzählens. Seine Bildgestaltung ist sparsam bis zum Geiz, aber dafür hüpft die Handlung fortwährend zwischen verschiedenen erzählerischen und zeitlichen Ebenen hin und her. Flüssig kombiniert er die diversen Perspektiven; Rückblenden wechseln mit Traumsequenzen, in denen sich Simon die Vergangenheit seiner Eltern vorstellt. Einen weiteren Strang bildet ein Video-Chat, denn Simon wird im Internet mit immer hitzigeren Wortbeiträgen konfrontiert. Jetzt endlich kommt der in Ägypten geborene kanadische Regisseur zu einem Thema, das neben der jugendlichen Identitätsfindung des Jungen sein eigentliches Anliegen sein dürfte: Die Videodialoge sind geprägt von Klischees und Vorurteilen. Schließlich lüftet auch die Französischlehrerin ihr Geheimnis. Sie ist weitaus persönlicher in das Drama verwickelt, als es den Anschein hat, und das gibt der Geschichte eine weitere überraschende Wende. Plötzlich entpuppt sich, was bis dahin wie eine konzeptlose Collage anmutete, als ungemein klug konstruiertes Gleichnis über Toleranz und Fanatismus.

Tilmann P. Gangloff

 

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