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Ausgabe 119-3/2009

"Alles in allem stecken in diesem Film fünf Jahre meines Lebens"

Gespräch mit Adam Elliot

(Interview zum Film MARY AND MAX)

Adam Elliot ist Regisseur, Gestalter und Drehbuchautor des australischen Animationsfilms "Mary and Max", der auf der Berlinale von der Jugendjury der Sektion Generation mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet wurde.

KJK: Auf Anhieb leuchtet die Idee, eine über zwei Jahrzehnte bestehende Brieffreundschaft zwischen einem anfangs achtjährigen Mädchen aus Australien und einem 36 Jahre älteren, unter dem Asperger Syndrom leidenden Juden aus New York zum Thema eines Films mit animierten Knetfiguren zu machen, nicht gerade ein. Aber "Mary und Max" wurde aus 5000 Filmen ausgewählt, um im Januar 2009 das renommierte Sundance Film Festival zu eröffnen – als erster Animationsfilm in der nunmehr 25-jährigen Geschichte dieses von Robert Redford gegründeten Festivals für unabhängige, außerhalb Hollywoods produzierten Filme. Wo haben Sie die Geschichte für Ihren zutiefst menschlichen, von schwarzem Humor geprägten ´Claymation'- Film gefunden?
Adam Elliot: "In meinem eigenen Leben. Obwohl ich nicht wusste, ob ich überhaupt noch mal einen Film machen wollte, nachdem ich 2004 für meinen ebenfalls mit dem Stop-Motion-Verfahren, also einzelbildweise animierten Knetfiguren-Kurzfilm ‘Harvie Krumpet’ den Oscar gewonnen hatte. Alles im Zusammenhang mit dem Oscar war verrückt und sehr intensiv – es war wundervoll, ihn zu bekommen, aber danach war ich völlig ausgelaugt und hatte überhaupt kein Geld mehr. Mir war natürlich klar, dass ich doch einen nächsten Film machen müsste, aber ich wusste nicht, worüber, und ich hatte keine Lust, die Filme anderer Leute umzusetzen, wofür ich nach dem Oscar laufend Angebote bekam. Aber ich habe gern die ganze Kontrolle, möchte alles selbst machen, schreiben, inszenieren, die Animation entwickeln – und nun war ich so erschöpft, dass ich mich nach meiner Rückkehr nach Australien erst mal vergraben habe. Dabei stieß ich auf meine Korrespondenz mit meinem amerikanischen Brieffreund, die immerhin mehr als 20 Jahre gedauert hat. Ich hatte ganz vergessen, was für ein interessanter Mensch er ist – und nachdem ich seine Briefe wieder gelesen habe, wusste ich plötzlich, worüber ich meinen nächsten Film machen wollte, über ihn nämlich."

Warum haben Sie sich einen Freund in Amerika gesucht und ihm dann so lange geschrieben? Sie müssen ja noch ein ganz junger Mann gewesen sein.
"Ich war damals 17 Jahre alt und nicht ich habe ihn gesucht, sondern er mich. Er hatte meine Adresse zufällig in einem Telefonbuch gefunden und so erhielt ich eines Tages einen Brief aus New York mit der Anfrage: 'Wollen Sie mein Brieffreund sein?' Und ich sagte: 'okay'. Wir haben uns dann wirklich so lange geschrieben, weil uns beiden diese Korrespondenz offensichtlich etwas gegeben hat. Heute ist er 53 Jahre alt. Er liebt andere Länder, will alles darüber wissen, ist aber aus New York nie rausgekommen, weil er nicht reist. 1989 wollte er gern mehr über Australien wissen – ich glaube, weil es so anders ist als New York, wo alles zugebaut, konkret, geschäftig und laut ist. Deshalb suchte er dort einen Brieffreund und so kam ich ins Spiel. Wie Max ist er Jude, Atheist und ein höchst distanzierter, analytischer und sehr wortgläubiger Mann. Auf jeden Fall kein emotionaler Mensch, denn auch er leidet unter dem Asperger Syndrom. Die Leute denken ja, dass 'Aspergers' keine Gefühle haben, aber sie haben welche, sie können sie nur nicht zeigen. Sie haben auch Sex, weshalb sie öfter andere Aspergers heiraten. Mein Film beruht also auf der Realität, weshalb ich auch von 'clayography' spreche, aber natürlich gibt es darin viele Verschönerungen, Übertreibungen und total Erfundenes. Übrigens basieren alle meine Figuren, auch 'Harvie Krumpet' sowie 'Uncle', 'Cousin' und 'Brother' in meiner Kurzfilm-Trilogie, auf realen Personen – und wenn sie auch aus Plastilin sind, möchte ich als Regisseur so originalgetreu wie möglich bleiben, sie realistisch und authentisch zeigen. Für meinen Geschmack sind die Figuren in den meisten Animationsfilmen nämlich zu stereotyp – und zu bunt. Für 'Mary und Max' haben wir uns im wesentlichen auf zwei Farbtöne beschränkt – braun für Australien, weil es dort wirklich so brutal trocken, ja ausgetrocknet ist, und grau für New York, beides Farben, die ein wenig trübsinnig sind und die Stimmungen der Hauptfiguren gut spiegeln. Ich möchte im Animations-Film thematisch und künstlerisch einen Weg gehen, der sich vom Mainstream unterscheidet – zum Beispiel auch einen Mann mit Asperger Syndrom lebendig machen können, und ich habe den Eindruck, dass das Publikum auch etwas Neues will. Deshalb hat man mir in Australien wohl auch alle Freiheiten gegeben, ich konnte wirklich alles so machen, wie ich es wollte."

In dem Fall sind Sie also ’Mary'. Waren Sie auch so einsam wie sie?
"Ich hatte solche Momente, wie wohl jeder von uns. Aber eigentlich war ich weniger einsam als anders. Ich habe mich immer anders gefühlt – und das geht mir heute noch so. Auch hier auf der Berlinale unter all den munteren Regisseuren. Im Gegensatz zu Mary wurde ich jedoch nicht gedemütigt und verhöhnt; meine Mutter ist keine Alkoholikerin, ich hatte Geschwister und etliche Freunde. Aber die gehörten eher zu den Kindern, die gehänselt, gequält oder wegen ihrer Rasse abgelehnt wurden, weshalb ich immer das Gefühl hatte, sie verteidigen zu müssen. Und heute versuche ich mit meiner Arbeit die Welt aus der Sicht jener Menschen zu zeigen, die an den Rand gedrängt, die anders, melancholisch, trübsinnig und einsam sind. Wenn es dann gelingt, den Zuschauer in einigen Szenen in Max oder Mary zu verwandeln, ihn für Momente in ihre Schuhe zu stecken, macht mich das glücklich. Natürlich ist es ein trauriger Film, aber ich habe versucht, ein hoffnungsvolles Ende herbeizuführen, eine Balance zwischen Komödie und Tragödie herzustellen."

Aber Max stirbt, bevor Mary auftaucht.
"Wenn der Film bei Disney gemacht worden wäre oder bei DreamWorks, wäre Max am Leben geblieben, aber das Leben ist nicht so. Zum Beispiel hat ein Freund von mir, der gerade in Europa war, gehört, dass sein Vater im Sterben liegt. Er ist sofort nach Australien zurückgeflogen, aber zwei Stunden vor seiner Ankunft ist sein Vater gestorben – so ist das Leben nun mal."

Kennt "Max" Ihren Film schon?
"Nein. Er weiß, dass es ihn gibt, dass er von ihm handelt, aber gesehen hat er ihn noch nicht. Wir haben ihn wissen lassen, dass wir sein Inkognito wahren und seinen Namen nicht mal im Abspann nennen. Wir sind aber überzeugt, dass ihn der Film freuen wird, haben ihm extra keine DVD geschickt, weil wir wollen, dass er den Film in New York auf einer großen Leinwand erlebt. Philip Seymour Hoffman, der den Max spricht, möchte uns gern zu einem Lunch mitnehmen und dann wollen wir gemeinsam ins Kino gehen. Ich bin jetzt schon aufgeregt, weil ich meinen Brieffreund dann zum ersten Mal sehe."

Sind Sie selbst jüdischer Herkunft? Ich frage das, weil Max und das Milieu, in dem er lebt, so authentisch wirken.
"Nein, aber ich habe viele jüdische Freunde. Mein Sound-Designer war Jude und eine Menge anderer Menschen jüdischer Herkunft haben an dem Film mitgearbeitet. Ich bin eher aufgewachsen wie Mary und die Häuser in Mount Waverley sehen genau so aus wie die in der Straße, in der ich gelebt habe. Dort habe ich aber eine sehr kreative Kindheit mit viel Zeichnen, Spielen und Erzählen erlebt. In unserer Familie gab es viel Kreativität. Mein Vater war früher mal Clown-Akrobat im Varieté, meine Mutter Friseuse. Wir hatten eine Garnelenzucht im Süden von Australien, aber als die pleite ging, sind wir nach Melbourne gezogen und mein Vater hat dort ein Eisenwaren-Geschäft aufgemacht. Ich habe schon als Kind mit Figuren gespielt, die ich aus Toilettenrollen, Eier-Kartons und Pfeifen-Reinigern gemacht habe, ich musste immer was in den Händen haben. Bevor ich 1996 auf das Victorian College of Arts ging, habe ich mich erst in Photographie, Malerei und Töpferei ausprobiert. Auf der Filmschule war ich nicht sicher, ob ich es mit Computeranimation oder Claymation versuche, aber eigentlich war klar, dass es mir nicht gefällt, vor dem Computer zu sitzen. Deshalb gibt es bei mir auch keinerlei digitale Effekte, alles ist aus realer Materie geschaffen – der Regen wurde zum Beispiel mit Angelschnur produziert, Feuer mit Zellophan, die Tränen sind aus Wachs und Gleitcreme, die Figuren aus Plastilin, Gummi und Draht hergestellt. Wir hatten allein zwölf Figuren für Max und jede kostete 20.000 australische Dollar, also 10.000 Euro. Wir haben viele Recherchen in New York gemacht und uns an den Schwarz-Weiß-Photos von Diane Airbus orientiert. Für den Nachbau der Freiheitsstatue und der Zwillingstürme, für die wir uns entschieden haben, weil Max ja länger mit ihnen als ohne sie gelebt hat und sie noch standen, als wir mit dem Film anfingen, brauchten wir ganze zwei Monate. Allein sieben Wochen hat die Herstellung der Schreibmaschine gedauert und die Geräusche stammen von einer richtigen Underwood. Wir hatten 200 Sets, 200 Charaktere – also, das war schon eine teure und sehr zeitaufwändige Herstellung. Pro Woche haben wir nicht mehr als zweieinhalb Minuten geschafft und insgesamt hat der Film vier Millionen Euro gekostet – das ist ein kleines Budget im Vergleich zu 'Wallace und Gromit' von Aardman Animation, aber sehr groß für Australien. Und zu unserem Glück haben Toni Collette, Philip Seymour Hoffmann, Barry Humphries und all die anderen unter Preis mitgemacht, weil sie das Drehbuch und nicht das Geld überzeugt hat, das wir anbieten konnten. Toni kann ja für einen Film so viel kassieren wie uns der ganze Film gekostet hat."

Haben Sie schon ein neues Projekt?
"Nein, ich möchte nicht so schnell wieder 'schwanger' werden – ich muss jetzt mal ausruhen. Alles in allem stecken in diesem Film fünf Jahre meines Lebens, in denen ich mit permanenter Adrenalin-Ausschüttung sieben Tage die Woche gearbeitet habe und danach ist man erst einmal leer und fällt in ein großes Loch. Um im Bild zu bleiben, ich leide noch unter einer postnatalen Depression und muss erst mal etwas anderes machen. Aber ich bin sehr stolz auf das Baby und ich möchte es wie gesagt gern meinem langjährigen Brieffreund zeigen. Wenn ich jetzt zurückkomme, machen wir noch eine einstündige Dokumentation über die Entstehung des Films und dann muss ich mir einen Verleger für mein Kinderbuch suchen. Es handelt sich um eine kleine Geschichte, die ich schon lange machen wollte, über die ich aber nicht mehr sagen möchte, als dass es von Monstern und Schweinen handelt."

Mit Adam Elliott sprach Uta Beth

 

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