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Ausgabe 119-3/2009

"Alles, was in dem kleinen Dorf in Anatolien passiert, wird durch die Tradition, die Hierarchie und nicht durch das Gesetz bestimmt"

Gespräch mit Atalay Tasdiken, Autor, Regisseur und Produzent des türkischen Spielfilms "Mommo"

(Interview zum Film MOMMO)

KJK: Es ist wie im Märchen: Nach dem Tod der Mutter haben die Geschwister nur noch sich selbst, wobei hier Brüderchen das Schwesterchen beschützt, nicht umgekehrt. Der Vater aber ist genauso schwach wie bei "Hänsel und Gretel", die Stiefmutter nicht minder böse und die Kinder fürchten sich: vor Mommo, dem angeblich in einem Loch im Haus ihres Großvaters hausenden ‘schwarzen Mann', und – schlimmer noch – vor der Zukunft, deren bedrohliche Ungewissheit auf ihnen lastet. Warum gibt es für das 7 und 10 Jahre alte Geschwisterpaar Ayse und Ahmet kein Happy End, warum entlassen Sie den Zuschauer in Ihrem ersten Spielfilm ohne das kleinste Fünkchen Hoffnung?
Atalay Tasdiken: "Ich hoffe, dass niemand etwas so Trauriges erleben muss. Aber diese Geschichte ist genau so passiert, sie passiert immer noch und ich möchte dieser Tragödie ein Ende setzen. Man sollte wissen, dass sie Kindern an verschiedenen Orten der Welt widerfährt."

Inwiefern beruht Ihr Film auf einer wahren Geschichte?
"Sie fand vor 30 Jahren in meinem Heimatdorf Beysehir in Konya, einer Region in Zentral-Anatolien statt und ich war Zeuge dieser Tragödie. Was ich damals miterlebt und beobachtet habe, habe ich im Film aber in der Gegenwart angesiedelt, weil diese Geschichte wie gesagt an vielen Orten immer noch so passiert und ich nicht wollte, dass man sie als vergangen abtut."

Für mich war nicht klar, ob das Mädchen wirklich in dem Haushalt in Istanbul landet. Wenn Ayse fortgebracht wird, ist man emotional so aufgewühlt, dass man in dem Abtransport des geschorenen kleinen Mädchens eine Entführung wittert und sogar in Erwägung zieht, dass Ayse verkauft wird.
"Aber so ist es nicht. Wenn ein armes Kind in den Haushalt von vermögenden Leuten kommt, ist das natürlich nicht legal, aber kein Mensch wird deshalb Anklage erheben. Die Leute in Zentral-Anatolien akzeptieren die Armut, sie haben keine Hoffnung auf Veränderung und sie sehen darin in der Tat eine Chance für das Mädchen, das nun in ein Haus kommt, wo es ausreichend zu essen hat, einen warmen Platz und zur Schule geschickt wird – ganz so, wie es die Nachbarin dem Großvater versprochen hat."

Aber ich traue ihr und vor allem dem Paar aus Istanbul nicht.
"Weil Sie die Bedeutung der Tradition dort nicht kennen. Es entspricht durchaus der kulturellen Tradition in Zentral-Anatolien, ein armes Mädchen als Angestellte in einen Haushalt zu integrieren und ihm gleichzeitig Erziehung und Ausbildung zu geben, auch zu versuchen, es zu verheiraten. Das gilt bei uns als eine geläufige Form der Wohltätigkeit reicher Familien."

Bleibt die Frage, wie es möglich ist, dass niemand im Dorf sich einmischt, wenn die Stiefmutter die Kinder nicht in ihrem Haus duldet? Dass niemand außer dem Großvater und vielleicht noch dem Verwandten aus dem Dorfladen etwas für die Kinder tut? Liegt das an den kulturellen Unterschieden?
"Das ist in der Tat kulturell begründet und anderswo sehr schwer zu erklären. Wenn ein Vater sich nicht um seine Kinder kümmert, wird niemand die Initiative ergreifen oder nach dem Gesetz rufen und staatliche Hilfe einfordern. Und selbst wenn es Frauen gibt, die für die Kinder sorgen könnten, geht das nicht gegen den Willen der Familie. Alles, was in dem kleinen Dorf in Anatolien passiert, wird durch die Tradition, die Hierarchie und nicht durch das Gesetz bestimmt. Der Großvater ist zudem ein sehr stolzer Mann, der seine Nöte und seine Armut nicht zeigen will. Sein Haus heißt 'Hayat', das bedeutet Leben – übrigens auch in Armenien und im Iran. Wenn man sein kleines Anwesen betritt, ist es wirklich, als ob man in sein Leben eintritt – und das darf man nur mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis. Zum Beispiel fragt er Ahmet, als er das Brot backt, ob er auch abgesperrt hat, und er ist sehr ungehalten, als er erfährt, dass Ahmet davon erzählt hat."

Darf niemand ihn beim Brotbacken sehen, weil er ein Mann ist?
"Ja, in Anatolien erniedrigt sich ein Mann, wenn er Teig an den Händen hat. Es gibt da ein ziemlich sexistisches Sprichwort: 'Wer nicht will, dass sich eine Frau in die Geschäfte des Mannes einmischt, lasse sich nie mit Teig an den Händen blicken.' Übrigens war der wirkliche Ahmet heute bei der Weltpremiere unseres Films hier im Kino."

Sie haben noch Kontakt? Dann können Sie auch sagen, ob sich die Geschwister wieder gefunden haben.
"Bis jetzt habe ich niemandem, auch nicht in der Türkei, erzählt, was weiter passiert ist – aber ich weiß, dass jedermann nach dem Film danach fragt. Also: der Großvater und sein Enkel haben noch ein paar Jahre zusammen gelebt. Dann hat sich 'Ahmet' auf die Suche nach seiner Schwester begeben. In Istanbul hat er in den Küchen der reichen Leute nach ihr gefragt und 'Ayse' schließlich gefunden. Sie gehörte immer noch zur Dienerschaft des Hauses. All das, was er von ihr hatte fern halten wollen, hatte sie dort allein durchstehen müssen. Sie war sicher nicht glücklich, aber sie lebte und hat etwas gelernt. Inzwischen hat sie auch geheiratet und 'Ahmet' ist ihrer Familie sehr verbunden."

Nicht nur Ihre Geschichte, auch der Kontrast zwischen der Schönheit der weiten Landschaft, der unberührten Natur und dem über den Kindern lastenden Verhängnis ist schmerzlich. Sie wird noch vertieft durch die wunderbare, traurig-schöne Musik.
"Das alles war wirklich sehr wichtig für mich: das Licht, das Szenenbild, das Set-Design, alles musste perfekt sein, weil Kino für mich genau das Medium ist, mit dem man sich, seine Gefühle, seine Trauer am besten ausdrücken kann. Und die Landschaft von Konya im Herzen von Anatolien, die Dörfer und ihre Umgebung sind traumhaft schön. Aber wir haben uns natürlich auch etwas einfallen lassen, um die Atmosphäre dort einzufangen. So haben wir das Haus des Großvaters stets von einem höheren Punkt aus gefilmt, so dass man bei einem Blick von drinnen nach draußen meist nur das helle Licht der Sonne und ein ausgewaschenes Weiß sieht. Es sei denn, Ayse hockt sich ins Fenster, um nach ihrem Vater auszuspähen. Durch die erhöhte Position der Kamera entsteht im Haus diese Intimität, die die Privatsphäre des Großvaters wahrt. Und was die Musik betrifft, bin ich sehr glücklich, dass ich Erkan Ogur überreden konnte, für uns zu arbeiten. Er hat schon zweimal Film-Musiken komponiert, zum Beispiel für den Soundtrack von Yazi Turas Kriegsheimkehrerdrama 'Kopf oder Zahl', für den er mehrfach ausgezeichnet wurde. Aber dann wollte er keine Filmarbeit mehr übernehmen. Ich ließ aber nicht locker und als er den Rohschnitt von 'Mommo' gesehen hat, sagte er doch zu. Ogur ist ein weltweit bekannter türkischer Musiker, ein bedeutender Gitarrist, Komponist, Arrangeur, ein Experte in klassischer Musik und dafür bekannt, dass er mit den alten Liedern aus Anatolien experimentiert. Das Meiste an minimal music, die man in meinem Film hört, ist eine interessante Adaption von Eric Satie, dazu eben traditionelle türkische Volkslieder, die sich jeweils auf die Gefühle und Situationen beziehen."

Auch Ihre Schauspieler bleiben unvergesslich. Wie haben Sie die Kinder gefunden?
"Ich bin durch alle Grundschulen in dem Dorf gegangen, in dem wir gedreht haben, und ich habe Elif Bülbül, unsere Ayse, und Mehmet Bülbül, der den Ahmet spielt, in der Schule gefunden. Es war wirklich ein unglaublicher Zufall, dass beide denselben Nachnamen haben, aber keine Geschwister sind. Der Großvater, Mete Dönmezer, ist ein berühmter Theater-Schauspieler, der aber auch schon im Film mitgespielt hat. Und Mustafa Uzunylmaz, den Vater, kennen Sie vielleicht. Er ist ein bekannter türkischer Typ, der schon in vielen Filmen zu sehen war."

Und wie sind Sie beim Film gelandet?
"Also geboren wurde ich 1964 in Beysehir. Mein Vater war ein kleiner Regierungsangestellter, meine Mutter eine Schriftstellerin, aber ohne jede Ausbildung, sie hat sich alles selbst beigebracht. Eine unwahrscheinliche Frau, eine Philosophin, die zu Hause auch Trikotagen hergestellt hat, weil mein Vater nicht genug Geld verdiente. Filme wollte ich schon immer machen, aber ich habe nicht Film, sondern Physik studiert. Ich habe aber nie auf diesem Feld gearbeitet, sondern bin zum Werbefilm gekommen, weil mein Bruder dort war, und habe mit ihm zusammen gearbeitet. Für die Werbung habe ich etliche Drehbücher geschrieben, Szenarios entwickelt und Regie geführt. Ich habe auch Dokumentarfilme gedreht, aber nie einen Spielfilm."

Aber nun ist es Ihnen gelungen. War es sehr schwer, das Geld dafür aufzubringen?
"Leicht war es nicht, weil ich ohne einen Cent angefangen habe. Alle meine Freunde, haben mich unterstützt, auch die Crew und später bekamen wir dann auch Geld vom Ministerium für Kultur und Tourismus. Nicht genug, um den Film zu Ende bringen zu können, aber schon eine anständige Summe. Für mich war das sehr wichtig, weil ich seit acht Jahren einen Film machen wollte, aber nie genug Geld zusammenkriegte und jedes Mal wieder aufhören musste. Diesmal aber habe ich gedacht, egal, was passiert, ich muss meinen ersten Spielfilm jetzt machen! Wobei sich die Produktionsbedingungen in der Türkei von denen in Deutschland sehr unterscheiden. Bei uns muss man nicht das ganze Geld auf den Tisch legen, bevor man anfängt zu drehen. Wir sagen, wenn der Film Geld einspielt, werde ich euch bezahlen. Und für einen guten Film braucht man ja auch nicht so viel."

Mit Atalay Tasdiken sprach Uta Beth

 

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