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Ausgabe 119-3/2009

LIPPELS TRAUM – 2008

Dokumentation von drei Filmvorführungen auf der Berlinale 2009

(Hintergrund zum Film LIPPELS TRAUM – 2008)

Regie: Lars Büchel, Buchvorlage: Paul Maar, Deutschland 2008, 101 Min, Altersempfehlung: ab 7 J.

Inhalt
In "Lippels Traum", einer phantasievollen Geschichte nach dem gleichnamigen Jugendbuch von Paul Maar, träumt sich der elfjährige Lippel in die prächtige Welt von 1001 Nacht. Gründe dafür gibt es genügend, denn sein Vater ist auf Geschäftsreise und die neu eingestellte Haushälterin Frau Jakob behandelt ihn nicht nur wie ein kleines Kind, sondern plant auch schon die Vermählung mit dem alleinstehenden Hausherren. Außerdem wird Lippel noch von einem gemeinen Klassenkameraden geärgert, der zudem noch der Sohn des Konrektors seiner Schule ist. In Lippels Traum tauchen all die fiesen Gestalten, aber auch liebe Freunde wieder auf, und letztendlich gibt ihm auch der Traum die Lösung für alle Probleme, insbesondere für die mit Frau Jakob.

Reaktionen während der Vorstellung:
Diese Dokumentation basiert auf Reaktionen und Stimmen aus drei Vorstellungen während der Berlinale 2009. Die Vorführungen innerhalb der unterschiedlichen Rahmen, wie der Eröffnung der Sektion Generationen, einer Vorführung vor mehreren Schulklassen und der Vorführung am "Berlinale Kinotag" mit vielen Familien, sollen eine breitgefächerte Einschätzung des Films ermöglichen.

Reaktionen während der Premiere im Zoo Palast:
Das anwesende Publikum bestand aus Familien, Gruppen und erwachsenen Zuschauern. Schon vor dem Beginn herrscht eine unruhige Atmosphäre, wird viel geredet und gelacht. Bereits der Vorspann wird mit lautem Klatschen begleitet, was vermutlich auch an der Anwesenheit vieler Teammitglieder liegt.
Gleich zu Beginn wird in der ersten Szene mit Anke Engelke, der neuen Haushälterin, herzlich gelacht. Ein zwölfjähriger Junge fragt daraufhin seine Mutter, wer diese Frau sei. Die älteren Kinder und vor allem Erwachsene erkennen dagegen die Comedydarstellerin sofort. Die biedere Haushälterin mit den konservativen Erziehungsvorstellungen wird von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen abgelehnt und entsprechend "ausgelacht". Auch die Auftritte des Konrektors, der von einem etwas übertriebenen und strengen Uwe Ochsenknecht gespielt wird, sorgen für Gelächter bei den Erwachsenen. Die Kinder lachen dagegen über das strenge Gehabe und das sich im gesamten Film öfters wiederholende: "Es geht ums Prinzip!"
Die erste Wüstenszene wird mit Unruhe und leisen spontanen Kommentaren begleitet ("Oh", "boa" oder Wiederholen des Wortes "Wüste"). Dies ist in allen drei Vorstellungen gleich stark zu beobachten. Dagegen bleibt die Verfolgung der Kinder in der Traumsequenz fast ohne Kommentare. Das Straßenschild mit dem Bild einer Sanddüne in der Wüste sorgt für Gelächter bei den älteren Zuschauern, die über diese Absurdität lachen. Die Kinder lachen dagegen über Lippel, als er gegen das Schild stößt. Als Muck den schlafenden Lippel über das Gesicht schlabbert, lachen die Kinder. Ein älteres Mädchen kommentiert die Szene nüchtern mit: "Der träumt nicht mehr lange". Tatsächlich wacht Lippel nach dieser Szene aus seinem Traum auf. Das "Raus mit ihm" im Traum wird von einem Jungen sofort mit einem "die meint den Hund" kommentiert. Noch bevor Lippel in der nächsten Szene vor Frau Jakob erwacht, kann dieser Junge die Handlung voraussagen.

Reaktionen während der Schulvorstellung:
Die Vorstellung war mit mehreren Schulklassen der 2., 3. und 4. Klasse restlos ausverkauft. Zu Beginn herrscht entsprechend der großen Gruppen eine unruhige Atmosphäre. Das Buch kennen nur sehr wenige Kinder, es wurde in den Klassen nicht gelesen.
Während des Films reagieren die Kinder größtenteils wie die jungen Besucher im Zoo Palast. Ein Unterschied ist in der Vertreibungsszene der Haushälterin Frau Jakob spürbar, die hier für mehr Reaktionen sorgt. Die Kinder gehen stärker mit und klatschen in der "Spinnen-Szene", sicherlich wird dies durch die Gruppendynamik der Klassen unterstützt. Im Gespräch nach dem Film zeigt sich, dass vor allem die jüngeren Kinder aus der 2. Klasse Probleme mit den doppelten Rollen einiger Figuren haben. Sie stellen dementsprechende Fragen: "Wieso halten die Kinder es so lange ohne Wasser in der Wüste aus?", "Wo kam die Taschenlampe her?", "Wieso war der Junge aus der Herberge so dick?" und "Gibt es Hamide wirklich?" Die Traumsequenzen, wie die Wüstenszene, oder die "Taschenlampen-Zauberei" werden als Filmrealitäten gesehen und dramaturgisch in Bezug zu einer Realität gestellt, in der man verdursten kann.

Reaktionen während der Vorführung am Berlinale Kinotag:
Die Vorführung am Berlinale Kinotag war eine gut durchmischte Vorführung, mit Familien und kleineren Gruppen und fast 50 Prozent Erwachsenen.
In dieser Vorführung ist es auffällig, dass die bekannten Schauspieler mit ihren überzeichneten Charakteren bei den Erwachsenen sehr gut ankommen. Über die Comedydarstellerin Anke Engelke, den Konrektor Uwe Ochsenknecht und die Lehrer, gespielt von Eva Mattes und Edgar Selge, wird herzlich gelacht. Hier wird sehr deutlich, dass ein großer Teil der Situationskomik des Films nur für die älteren Zuschauer verständlich ist. Wie die Aufschrift des abschreckenden Tierheim-Käfigs – "Tierheim zum Hundeparadies" –, das ein Verständnis für Ironie voraussetzt und nur bei den Erwachsenen für Gelächter sorgte.

Verwendbarkeit des Films für die Kinderkulturarbeit:
"Lippels Traum" handelt von der Stärke der Phantasie, die bei Kindern noch besonders ausgeprägt ist. Mit einem Plädoyer für das Träumen konzentriert sich der Film stark auf das Wechselspiel zwischen Lippels Erfahrungen und seiner Traumwelt, in der sich sein Leben widerspiegelt. Im Buch von Paul Maar schafft Lippel durch Phantasie, seine Ängste zu überwinden. Der Film versucht dieses Wechselspiel von Traum und Wirklichkeit durch die überzeichneten Figuren humorvoll zu gestalten und verliert die Wirkung der Traumbilder. Die slapstickartigen Szenen der Figuren von Anke Engelke, Uwe Ochsenknecht, Eva Mattes und Edgar Selge wecken Assoziationen zu TV-Comedy-Shows und sind durch Situationskomik und dem anspielungsreichen Humor für die jüngeren Kinder nicht verständlich.
Die Wechsel von Lippels Erlebnissen zu seiner erträumten Geschichte werden überdeutlich mit den kleinsten Details, wie den Requisiten und Kostümen, dargestellt. Die Kinder verstehen diese Struktur je nach Altersgruppe unterschiedlich gut. Den ganz jungen Zuschauern fiel es zum Teil schwer, die Figuren aus Lippels Leben in die Traumsequenz zu transponieren. Nur direkte Überschneidungen beider Handlungsstränge in der Filmrealität und der Traumsequenz erklärten diese Doppelrolle der Figuren (Lippels Vater als König, Arslan und Hamide, die sogar ihre Namen beibehalten). Die kleineren Kinder scheinen Charaktere, die ohne direkten Bezug durch den Schnitt in der Traumhandlung erscheinen, wie Serafina und der "dicke" Klassenkamerad nicht in den Traum zu übernehmen. Ebenso konnte der Zusammenhang der Requisiten wie zum Beispiel der Taschenlampe nicht von allen Kindern erkannt werden. Für die sehr viel älteren Kinder (12 Jahre) hätte das Wechselspiel dagegen etwas weniger offensichtlich ausfallen können. Sie erfassten die Struktur des Films sehr schnell und konnten das Handlungsgeschehen vorhersagen.
Auffällig war, dass die Kinder in der Vertreibungsszene von Frau Jakob nicht erwartungsgemäß mitgingen: Obwohl die Szene durch den Schnitt und die Musik sehr temporeich ist und einige Elemente aufgreift, die bereits im Film für viele Lacher sorgten, gab es kaum verbale oder non-verbale Äußerungen. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Szene vorhersehbar ist, da zuvor Frau Jakob als böse Schwägerin des Königs in der Traumsequenz verjagt wird.
Die Länge des Films (101 Minuten) könnte ebenfalls mit den Reaktionen in der letzten Szene ("Vertreibungsszene") zusammenhängen. Der Film verlangt gerade am Ende noch mal höchste Konzentration auf das turbulente Finale.
"Lippels Traum" unterhält mit vielen lustigen Szenen das junge und alte Publikum gut. Die überzeichneten Charaktere, wie der mit den Augen zuckende Konrektor, die verwirrt-verliebte Lehrerin, der dümmliche Biologielehrer und nicht zuletzt die biedere Frau Jakob, nehmen die Welt der Erwachsenen auf den Arm und erfreuen die Kinder.
Einige Szenen sind allerdings so stark mit Situationskomik und Slapstick behaftet, dass sie ein erwachsenes Publikum ansprechen und für Kinder unverständlich bleiben.
Der sympathische Lippel, der über seine Träumereien ein Selbstbewusstsein erlangt, ist für die Kinder eine durchweg positive Identifikationsfigur.

"Lippels Traum" ist für die Kinderkulturarbeit insbesondere auf Grund der Buchvorlage geeignet. In der Verfilmung wird deutlich, wie unterschiedlich die Buch- und Filmrezeption sein kann. Der Film scheint allerdings gezielt die Eltern unterhalten zu wollen, wie die bekannten Schauspieler und der Comedy-Humor zeigen. Für Kinder wären mehr Phantasie und weniger Slapstick sinnvoller gewesen.
"Lippels Traum" empfohlen ab 8 Jahre.

Julia Gebefügi

 

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KJK-Ausgabe 119/2009

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