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Ausgabe 120-4/2009

DER BALKON

BALKONAS

Produktion: Monoklis (Jurga Gluskiniene), Litauen 2008 – Regie und Buch: Giedrè Beinoriutè – Kamera: Audrius Kemezys – Schnitt: Giedrè Beinoriutè – Musik: Indre Stakvile – Darsteller: Elzbieta Degutyte (Emilija), Karolis Savickis (Rolanas), Irmantas Bacelis (Rolanas Vater), Rolandas Kazlas (Elilijas Vater), Viktorija Kuodyte (Emilijas Mutter), Saule Rasimaite (Emilijas Schwester), Dovile Tarvydaite (Ina) u. a. – Länge: 48 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Monoklis, Vilnius, Litauen, Tel +37068567371, e-mail: giedre@monoklis.lt, www.monoklis.lt – Altersempfehlung: ab 10 J.

Vor diesem Film hat die junge litauische Filmemacherin Giedrè Beinoriutè mit Studienabschluss in den audiovisuellen Künsten bereits acht kurze Spiel- und Dokumentarfilme gedreht, die zum Teil nationale und internationale Auszeichnungen erhielten. Auch "Der Balkon" war zunächst nur als Kurzfilm konzipiert, der in der Entwicklung länger als vorgesehen geriet und nun – das sei ausdrücklich betont – mit 48 Minuten genau die richtige Länge hat. Nebenbei bemerkt, gilt das auch für Kinder und sogar für den Einsatz des Films im Unterricht, wobei Sichtung und Besprechung gut in einer Doppelstunde zu leisten sind. Normalerweise bedeutet allerdings eine solche Länge den sicheren Untergang für den Kinoeinsatz. Nicht zuletzt deswegen wirken wohl manche Geschichten für das Kino stark aufgebläht, um die konventionelle Spielfilmlänge von deutlich über 60 Minuten zu erreichen. In seltenen Fällen besteht auch die Möglichkeit der Koppelung mit einem weiteren Kurzfilm für den Kinoeinsatz. Angesichts dieser "eisernen" Regeln der Filmdistribution klingt es fast wie ein Wunder, dass "Der Balkon", in dem auch noch zwei Kinder die einzigen Protagonisten sind, eigenständig in die litauischen Kinos gelangte und sich dort zum Publikumserfolg entwickelte. Ausnahmen bestätigen die Regel, gut aber, dass es diese Ausnahmen gibt und gut auch, dass das Lucas Kinderfilmfestival in Frankfurt diesen Film trotz seiner Kürze in den Langfilmwettbewerb nahm.

Unaufdringlich und doch hautnah und mit feinem Humor beobachtet die Kamera die sich entwickelnde schüchterne erste Liebe zwischen der etwa zehnjährigen Emilija, deren Eltern sich häufig streiten und womöglich trennen wollen, und dem gleichaltrigen Rolanas, der mit seinem alleinerziehenden Vater gerade die Nachbarswohnung bezogen hat. Eine Betonmauer trennt die beiden Balkone voneinander und die Kinder trauen sich nicht, ihre gegenseitige Zuneigung in der Öffentlichkeit zu zeigen. Besuche beim Anderen bleiben daher die Ausnahme, wenn man nicht gerade den Haustürschlüssel vergessen hat und dringend über den Balkon klettern muss, ein gemeinsames Spielen vor dem Haus kommt gar nicht erst in Betracht und wenn man sich dort zufällig doch begegnet, scheint man sich nicht näher zu kennen. So bleiben die kleinen Aufmerksamkeiten und Geschenke, spielerische Berührungen über die Balkonbrüstung hinweg, das Schachspielen auf dem Balkon unter einem Regenschirm, der Austausch von Musik über die Steckdosenöffnung und andere Kommunikationsversuche, die aus der Not entstehen. Denn von den Eltern können die Kinder kein Verständnis, allenfalls eine Duldung erwarten und selbst weisen sie den Gedanken an ein Rendezvous energisch zurück. Schließlich planen Emilija und Rolanas doch noch ein gemeinsames Treffen vor der Stadt, wo sie ungestört sein können.

Der zum Zeitpunkt der Produktion 32-jährigen Regisseurin zufolge kennen in Litauen die meisten jungen Menschen ihrer Generation inzwischen diesen Film, der sie an die eigene Kindheit in der Sowjetunion der 1980er-Jahre erinnert wie kaum ein anderer. Es sind offenbar nicht nur nostalgische Gefühle an diese Zeit kurz vor dem Zusammenbruch des Sowjetreiches, die dieses immense Interesse hervorrufen. Eine direkte Auseinandersetzung mit dem politischen System findet im Film nicht statt, aber sie ist über den Alltag und die Art der Beziehungen zwischen den Menschen doch allgegenwärtig. Emilijas Vater ist als militärisch geprägter Staatsdiener ein stolzer Uniformträger und wenn er mit seinem popligen Kleinwagen zur Arbeit fährt, geschieht dies selbstbewusst und mit dem sicheren Gefühl, es weiter als andere gebracht zu haben. Die Nachbarn wirken alle extrem zurückhaltend, niemand möchte dort unangenehm auffallen. Selbst Emilijas Eltern verbieten ihrer Tochter, nachdem sie beim Klettern vom Balkon gefallen ist, den weiteren Zugang dorthin nicht aus Sorge um ihre erneute Gefährdung, sondern wegen des drohenden Verlusts ihres Ansehens seitens der Nachbarn. Stromausfälle in dem maroden Plattenbau sind an der Tagesordnung, die Wände dünn und hellhörig, was sich natürlich auch zum Vorteil nutzen lässt, wenn Rolanas und Emilija über eine wackelige Steckdose als Bindeglied zwischen den Nachbarwohnungen miteinander kommunizieren wie mit einem vorsintflutlichen Telefonapparat.

Seine intensive Wirkung erreicht der Film jedoch auch ohne den historischen Hintergrund, den heutige Kinder nur mittelbar nachvollziehen können. Deren Einstieg erfolgt vielmehr durch die dargestellten Beziehungen zwischen drei Generationen – beispielsweise erzählt Rolanas‘ Großmutter davon, dass Liebe bei ihrer Heirat kaum eine Rolle spielte, während die Kinder es trotz der negativen Erfahrungen ihrer Eltern auf ihre Weise neu ausprobieren möchten, was vielleicht auch durch eigene Erfahrungen als Scheidungskind oder diffuse Ängste vor der möglichen Scheidung der Eltern erfolgt. Spannend, humorvoll und nicht ohne Augenzwinkern entfaltet sich die zarte erste Liebe zwischen den beiden Kindern, die nicht frei von Versuchungen und Eifersüchteleien bleibt und trotz ihrer klaren Verortung in der Vorwendezeit etwas Zeitloses an sich hat und universelle Züge trägt.

Holger Twele

 

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