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Ausgabe 120-4/2009

Interview mit Hamdiye Çakmak, Projektkoordinatorin der "Stadteilmütter" in Augsburg, von Lutz Gräfe

Interview

Seit einigen Jahren arbeite ich für die Augsburger Filmtage und dabei insbesondere für das Kinderfilmfest als Moderator, Gästebetreuer und Übersetzer. Dabei ist mir im Lauf der Zeit eine signifikante Veränderung im Publikum aufgefallen. Dort sitzen inzwischen auffällig viele junge türkische Mädchen mit Kopftuch; ein Publikum, dass ich bei anderen Kinderfilmfesten sehr selten sehe. In Augsburg jedoch kommen ganze Familien. Dann sitzen die kleinen Kinder im Kino und die Mütter setzen sich ins Foyer und machen da türkischen Mütter-Klatsch und -Tratsch. Ich sprach mit Hamdiye Çakmak, Projektkoordinatorin der "Stadteilmütter" über die Ursachen dieser Veränderung.

Hamdiye Çakmak: "Ich war vor 25 Jahren selbst hier Gast bei der Kinowoche und ich war begeistert. Als ich nach 15 Jahren Abwesenheit wieder zurückkam, sah ich, dass die Kinowoche weiterhin existiert. Da wollte ich meine Begeisterung mit anderen Müttern teilen. Im Rahmen meiner Arbeit habe ich dann Dr. Hummel (den ehemaligen Sozialreferenten der Stadt) getroffen, der das gerne unterstützt hat. Und wir haben dann meine Begeisterung, Dr. Hummels und Frau Gratzas Begeisterung (Leiterin des Kinderfilmfestes) zusammengetan; und so ist es dazu gekommen. Ein weiterer Unterstützer ist der Verein Kinderchancen, der uns für die Kinderkinowoche 2008 etwa 700 Kinokarten kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Und so besuchten am Projekt 'Stadtteilmütter' beteiligte Familien geschlossen sehr rege die Vorstellungen. Dabei waren diese Kinobesuche für etliche Mütter und Kinder die ersten in ihrem bisherigen Leben."

Und wie funktioniert das im Detail?
"Das hängt eng zusammen mit dem Projekt 'Stadtteilmütter' des Augsburger Kinderschutzbundes, dessen Koordinatorin ich bin. Das ist ein Elternbildungsprojekt, das von bestehenden Kompetenzen bei den Eltern ausgeht und nicht von deren Defiziten. Wir gehen davon aus, dass Eltern Interesse an ihrem Kind haben, ihm die Welt zeigen möchten. Wir helfen dabei, dass Eltern das differenzierter machen, was Sprache angeht. Wir sagen: Eltern sollen ihrem Kind die Welt benennen und dazu gehört auch die Stadt, in der sie leben. Dazu gehören auch Ereignisse in dieser Stadt wie zum Beispiel die Kinderkinowoche. Wir treffen uns einmal in der Woche mit Müttern, die Interesse haben, ihre Kinder zu fördern, aber auch bereit sind, das an ihren Bekanntenkreis weiterzugeben. Wir bilden somit einmal die Woche Multiplikatorinnen aus, die wir 'Stadtteilmütter' nennen. Diese Stadtteilmütter sammeln um sich herum, also etwa bei ihrem Kind im Kindergarten, zehn weitere Mütter und bringen denen dann das bei, was sie bei uns in der Gruppe gelernt haben."

Und was machen die dann konkret?
"Zum Abschluss unserer Treffen bekommen sie von uns Hausaufgaben für fünf Tage mit, die sie mit ihren Kindern durchgehen müssen. Wir möchten nicht die Kinder fördern, sondern wir möchten die Eltern fördern, damit die dann ihre Kinder fördern. Weil wir davon ausgehen, dass das viel wirkungsvoller ist, als wenn das Fachkräfte machen. Bei uns spielt die Anbindung der Eltern an die Bildung eine wichtige Rolle. Eine dieser Hausaufgaben ist beispielsweise das gemeinsame Fernsehen. Wir halten kritisches Fernsehen, aber auch Kino – quasi als Gourmet – für sehr, sehr wichtig. Wir wollen nicht sagen, das ist nur Konsum, das ist pädagogisch falsch. Nein, wir sagen: So wie Sie nicht jedes Brot essen, schauen Sie mit ihrem Kind auch nicht jeden Film an. Und wenn doch, dann schauen Sie ihn zusammen an und sprechen Sie miteinander darüber. Eine weitere Hausaufgabe ist immer das gemeinsame Lesen und die drei anderen Hausaufgaben richten sich nach unseren jeweiligen Themen. Das wäre im Moment also 'Draußen spielen'. Holen Sie das Fahrrad aus dem Keller, benennen Sie zusammen mit ihrem Kind die Teile etc."

Wie ist denn die Zusammensetzung dieser Gruppen?
"Also wir haben 17 internationale Müttergruppen; da sind etwa Albanerinnen, Chinesinnen oder auch Türkinnen dabei und in diesen Gruppen wird deutsch gesprochen. Dazu kommen 30 türkische Müttergruppen, acht russische, eine italienische und eine assyrische Gruppe."

Ich erzähle Ihnen mal ein kleines Erlebnis von vor zwei Jahren: Ich hatte eine Moderation mit dem Filmemacher im Kino und in der hintersten Reihe saß ein türkisches Mädchen mit seiner Mutter. Dann hat das Mädchen etwas gefragt und danach flüstert ihr die Mutter was ins Ohr. Und das Mädchen meinte nur 'Nö, mach das selbst'. Ich habe das dann soweit es ging weiter verfolgt und bekam irgendwann mit, dass das Mädchen seine Mutter richtig antrieb 'Jetzt mach doch, frag doch. Du willst das doch wissen'. Irgendwann hat sie den Finger gehoben und ich habe sie auch sofort drangenommen. Das war für mich so ein Zeichen dafür, dass diese Mütter auch in der Öffentlichkeit – also außerhalb des Projektes – Initiative ergreifen, dass das Projekt also ihr Selbstbewusstsein stärkt, weil sie an sich glauben: "Ich kann das."
"Ich bin davon überzeugt, dass das an der besonderen Ausrichtung des Projektes liegt. Dass wir von den Stärken der Mütter ausgehen. Wir machen darum bei manchen Müttern, die lange nicht an sich glauben, Kompetenzbilanzen. Damit sie sehen: Aha, dafür habe ich zwar kein Zeugnis, aber ich kann es trotzdem. Das verschafft ihnen das nötige Selbstbewusstsein. Früher mussten wir sagen: Es gibt die Kinowochen. Geht hin. Dann haben wir nachgefragt: Warst Du da. Noch nicht? Immer noch nicht? Ok, dann gehen wir zusammen dahin. Inzwischen ist es genau umgekehrt. Die Mütter fragen uns: Wann ist es denn wieder; wann können wir wieder hingehen? Das gilt auch für andere Institutionen der Stadt wie den Botanischen Garten oder den Abenteuerspielplatz. Und das spricht sich rum. Die Tante erfährt davon und die Oma auch und sie fühlen sich plötzlich als Augsburgerinnen und nicht mehr als Ausländerinnen in einer x-beliebigen Stadt. Sie fühlen sich angenommen. Das hat aber lange gebraucht Zunächst waren da diese Fragen: Warum macht man das mit uns. Hat da jemand was mit uns vor. Sie konnten nicht glauben, dass jemand etwas Gutes für sie tun will. Sie hatten einen sehr hohen Vertrauensverlust und dieses Vertrauen musste ganz langsam zurückgewonnen werden."

Was würden Sie sich denn für die Zukunft wünschen?
"Ich würde mir wünschen, dass die Stadtteilmütter in ihren Gruppen genau so engagierte Mütter haben wie ich in meiner Gruppe. Ich sitze mit 57 Stadtteilmüttern in einer Gruppe, die was lernen, was bewegen wollen. Die Stadtteilmütter müssen sich dieses Engagement zumindest teilweise anerziehen."
Wenn ich das kurz durchrechne, komme ich auf 570 Mütter. Das ist eine wirklich beeindruckende Zahl.
"Ja, aber wir haben Stadtteilmütter, die mehrere Gruppen betreuen oder deren Gruppen größer sind als zehn Mitglieder. Es sind also in Wirklichkeit noch viel mehr. Das ist dann ein positives Schneeballsystem, das sich in den Gemeinschaften fast selbstständig fortpflanzt. Unser einziges Problem dabei ist, dass wir 'nur' mit denen arbeiten, die auch interessiert sind. Die, die daran kein Interesse haben, die sehen wir nicht. Die sehen wir nie, aber ich glaube trotzdem, dass sie das mitbekommen, was da passiert."

Habe ich noch etwas vergessen?
"Nein, ich glaube nicht. Aber ich soll Frau Gratza und Ihnen und allen Unterstützern des Kinderfilmfestes einen großen Dank ausrichten. Es macht sehr viel aus, wie man empfangen wird. Als wir beispielsweise das erste Mal dabei waren, hat das ja mit den Reservierungen nicht so geklappt, weil einfach die Übung noch nicht da war. Und wir haben trotzdem alle noch einen Platz bekommen. Diese Gastfreundlichkeit im Kino; anstatt zu sagen: Sie haben nicht reserviert, also müssen Sie leider gehen. Dass das eben nicht so war, das hat den Müttern auch die Ausdauer gegeben und den Wunsch wiederzukommen. Aber auch, dass die Filme so international sind. Die Filme sind wirklich mit Bedacht ausgesucht; das berichten mir die Mütter immer wieder. Allein der Kontakt zu Regisseuren oder Darstellern hat bei Kindern auch Berufswünsche geweckt; das hat richtige Synergieeffekte bewirkt. Und es hat Interesse am Kulturleben geweckt. Eine Oma hat gesagt: Aha, während ich zu Hause abends überlege, was koche ich am nächsten Tag, passiert so viel in Augsburg. Wenn eine Familie ins Kino gehen würde, dann nehmen sie höchstens die Kinder mit und Oma bleibt daheim. Und durch diese Zusammenarbeit mit 'Kinderchancen' konnten sie die Oma halt auch mitnehmen. Und die hat dann diese Erkenntnis mit nach Hause genommen. Und das finde ich sehr wichtig, dass sie sieht: Das also ist mir bisher alles entgangen."

Kontakt: Deutscher Kinderschutzbund Augsburg e.V., Stadtteilmütter, Ernst-Reuter-Platz 1, 86150 Augsburg, Tel. 0821 – 3243049, e-mail: stadtteilmuetter@gmx.de

Interview: Lutz Gräfe

 

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