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Ausgabe 121-1/2010

7 ODER WARUM ICH AUF DER WELT BIN

7 ODER WARUM ICH AUF DER WELT BIN

Produktion: Antje Starost Film Produktion, in Koproduktion mit Westdeutscher Rundfunk (Redaktion: Sabine Rollberg) und in Zusammenarbeit mit arte; Deutschland 2010 – Regie und Buch: Antje Starost & Hans Helmut Grotjahn – Kamera: Hans Helmut Grotjahn – Schnitt: Anne Berrini – Musik: Büdi Siebert – Dokumentarischer Kinofilm mit Albrecht Felsmann, Basile Grondin, Chrysanthi Haralambidis-Schmitt, Jonathan Reinhardt, Vanessa Cachimuel Montalvo, Vici Vassileva, Vivi Vassileva – Länge: 84 Min. – Farbe – Kontakt: Antje Starost Film Produktion, Berlin, Telefon 030-8523262, e-mail: starostfilm@t-online.de – Altersempfehlung: ab 8 J.

Warum ist man auf der Welt? Was soll, ja, was kann man auf so eine Frage sagen?! Der kleine Albrecht versucht es. Stumm probiert er verschiedene Antworten. Er schüttelt den Kopf, lächelt, denkt wieder angestrengt nach, bewegt seine Lippen, bis er schließlich herausbringt: "Das weiß ich nicht so richtig. Das ist wirklich eine gute Frage. Warum bin ich auf der Welt? Das frag ich mich manchmal auch."

Albrecht ist der Jüngste von sieben Kindern zwischen 7 und 12 Jahren aus Deutschland, Griechenland, Frankreich und Ecuador. Sie alle versuchen in dem neuen Dokumentarfilm von Antje Starost und Hans Helmut Grotjahn eine Antwort auf Fragen zu finden, auf die es, wenn überhaupt, eindeutige Antworten nicht gibt. Zum Beispiel: Was ist der Tod? Was ist das Leben? Fragen nach dem Sinn des Lebens also – und die Auskünfte der Kinder offenbaren nicht nur die Lust an der intellektuellen Herausforderung, sondern auch eine erstaunliche Tiefe der Gedanken, die weit über den eigenen Tellerrand reichen. "Man hat eigentlich immer was zum Nachdenken. Und darüber kannst du dann nachdenken", meint der zehnjährige Jonathan aus Berlin, der einmal Butler werden will. Erschreckend dabei ist, wie früh Kinder offenbar den kritischen Zustand unserer Welt wahr nehmen – jedenfalls viel früher als wir Erwachsene uns das vorstellen. Der neunjährige Basile aus Paris zum Beispiel ist zutiefst überzeugt, dass die Umweltzerstörung den Tod der Erde bedingt. Für ihn ist es deshalb ganz wichtig, die Umweltzerstörung zu stoppen, "unseren Planeten zu respektieren". Denn "die Natur ist die einzige Sache auf der Welt, die nicht von Menschen gemacht worden ist. Wenn die Menschen verschwinden, bleibt die Erde und hat ihre Ruhe. Aber die Menschen können hinterher keine andere Erde finden. Also verschwinden sie auch." Auch Jonathan, der mit Begeisterung angeln geht und seinen Fang sofort ausnimmt, weil es sonst Tierquälerei ist, hat große Angst vor der Klimaerwärmung und hofft, dass er die Zerstörung der Erde nicht mehr erlebt.

Dass bei allem Ernst, der nie aufgesetzt oder nachgeplappert, sondern stets glaubwürdig wirkt, die Freude am Leben nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst. Denn nie mehr ist die Gefühlswelt so reich und intensiv wie bei Kindern; nie mehr ist der Bewegungsdrang so groß, zeigt man seine Freude und auch sein Leid so offen wie als Kind; nie mehr ist man so neugierig, wissensdurstig und eindrucksfähig, probiert man so unbefangen aus, was man nicht kennt. Das wissen wir Erwachsenen aus der Erinnerung, das zeigen authentisch, frisch und unverstellt die sieben Kinder, die in durchaus unterschiedlichen Lebenssituationen an verschiedenen Orten der Welt aufwachsen und uns in diesem Film bereitwillig Einblick in ihr Leben und Denken geben. Nachdem wir mit ihnen in einem beschwingten Vorspann in die Berge gewandert, auf Mauern balanciert und immer wieder in Bäume geklettert sind, machen wir als erstes die Bekanntschaft der siebeneinhalbjährigen Chrysanthi aus Kreta, die uns vorführt, wie schwer zum Beispiel ein Wort wie Ap(pf-)fel im Mund liegen kann. Sie, die griechisch und deutsch spricht, weil ihre Mutter aus Deutschland stammt, scheint ganz im Einklang mit sich, ihrer Familie, mit der Natur und mit Gott zu leben.

Basile aus Paris dagegen ist ein kleiner Philosoph, der alles aus einem sehr eigenen Blickwinkel betrachtet. Vielleicht, weil er dem Tod schon einmal begegnet ist. Das war, als er eine Taube aufgescheucht hat und ihr bis auf die Fahrbahn gefolgt ist, wo er von seiner Mutter im letzten Moment gerettet wurde. Basiles Äußerungen werden im Film untertitelt, ebenso wie die der elfjährigen Vanessa aus El Quinche in Ecuador. Das Indianer-Mädchen aus dem Stamm der Otavaleños lernen wir nicht etwa in Tracht am Marktstand ihrer Mutter kennen, sondern in Sportkleidung vor dem Computer, wo sie ihrem zweijährigen Bruder Kevin den Umgang mit der Maus zeigt, weil der den "Alten" sehen will. Ein Indianer-Mädchen am PC? Der Erwachsene stutzt und denkt, wie klein doch der Schritt von vorgefertigten Vorstellungen bis zu jenen Vorurteilen ist, die das Mädchen selbst oft genug zu spüren kriegt. Weshalb ihre Gedanken immer wieder um das Entstehen des Rassismus kreisen und sie mit großer Überzeugung darlegt, was der indianische Dichter César Dávila Andrade über die grausame Unterwerfung ihrer Vorfahren durch die Spanier in seinem Werk "Boletin y Elegía de las Mitas" (Elegischer Bericht über die Ausbeutung der Indianer) ausgeführt hat. Wie er meint auch Vanessa, dass alle Menschen in Ecuador durch die Vermischung blutsverwandt sind. Weshalb sie nicht begreifen kann, dass die Weißen und die Mestizen, die doch "von innen her auch Indianer sind", sie als "Longa" beschimpfen und sich ihrem Volk überlegen fühlen.

Zu guter Letzt noch die temperamentvollen Töchter einer bulgarischen Musikerfamilie, die in Hof lebt, die zehnjährige Vivi und ihre zwei Jahre ältere Schwester Vici: Die beiden sind unzertrennlich, können sich aber auch streiten wie ein altes Ehepaar. Und selten wurde so genau – wie hier von Vivi – benannt, was alles man am anderen nicht leiden kann, wenn man gerade sauer auf ihn ist. Vivi wäre übrigens viel lieber ein Junge, aber sie werde "schon bald irgendwann noch ein Mädchen". Auf dem Weg dahin wird sie bei einem öffentlichen Konzert im Bayerischen Rundfunk gezeigt, wo sie plötzlich in einem Kleid am Schlagzeug zu sehen ist, einem Instrument, das eine gewisse Freiheit und Andersartigkeit erlaubt.

Die Geschichten der Mädchen und Jungen werden zum Glück nicht hintereinander abgehandelt, sondern thematisch miteinander verwoben. Das allen Gemeinsame steht im Vordergrund, bildet und vertieft den weiten Kosmos der Kinder. Obwohl in dem Film kein einziger Erwachsener auftritt, wird das Trennende – ohne je ausdrücklich benannt zu werden – dennoch schmerzlich spürbar. So versteht jeder, warum Vanessa manchmal so ernst dreinschaut und so lange wie möglich Kind bleiben möchte, auch wenn die kindlichen Zuschauer Vanessas Chancen, später einmal die ganze Welt zu sehen und entweder Ärztin oder Apothekerin zu werden, nicht so negativ einschätzen mögen wie wir Erwachsenen, die fast zu viel von der Ungerechtigkeit in der Welt wissen. Eine offene Frage, die nicht weiter thematisiert wird, aber doch als vage Hoffnung oder große Traurigkeit stehen bleibt. Dass aber das Älterwerden auch mit Verlusten verbunden ist, wissen alle, auch der kleine Albrecht aus Berlin: „Ich denke manchmal so, wenn ich aufstehe, ich bin irgendwie ein bisschen blöd. In der Kita haben wir uns immer gestritten, wer als erstes in die Schule geht. Dann sind wir zusammen in die Schule gekommen. Und da dachte ich so, na ja, warum habe ich eigentlich gestritten? Ist ja doch nicht so super.“ Dieses Thema wird für mich übrigens schon am Anfang des Films angesprochen: Jedenfalls habe ich bei dem Bild, das Chrysanthi in einer Schlucht auf das Meer blickend zeigt, an das Tor zum Erwachsenwerden gedacht.

Ja, und warum ist man nun auf der Welt?
Weil die Welt, die Gott geschaffen hat, schön ist? (Chrysanthi)
Weil ihre Eltern sich entschieden haben, ein Wesen zu schaffen? (Vanessa)
Weil ihre Mama sie vielleicht geboren hat, weil ihr kleiner Bruder mit drei Jahren gestorben ist? (Vici)
Weil man eine Mission hat und versuchen soll, die Welt besser zu machen? (Vivi und Jonathan)
Basile weiß: "Ich bin da, um das Glück zu finden. Aber was mein Glück sein wird, das weiß ich wirklich nicht."
Albrecht aber, der Cello lernt, hat nach langem Nachdenken schließlich herausgefunden: "Weil man ja auch jemanden braucht, der Musik macht!"

Der Dokumentarfilm von Starost und Grotjahn erzeugt eine gewisse Sogwirkung, weil die Kinder uns im Verlauf der intensiven Gespräche und des Vertrauens, das sie zu den Filmemachern entwickeln, ans Herz wachsen. Er überzeugt durch seine unaufdringliche Machart, den zurückhaltenden Einsatz der Musik (Büdi Siebert), durch poetische Bilder und bezaubernde Kinder, deren Lebensgeschichten nicht zuletzt durch die Montage von Anne Berrini zu einer eigenständigen Geschichte geformt werden, die sich viel Zeit nimmt und Raum lässt für eigene Entdeckungen, eigene Fragen. Wer bereit ist, sich auf diesen Film einzulassen, wird davon berührt sein, und seine generationsübergreifende Relevanz wird hoffentlich viele Gespräche anstoßen, Kinder zum Denken ermutigen und ihnen in Zukunft hoffentlich mehr Gehör verschaffen, wenn sie scheinbar unsinnige Fragen stellen. Für das erwachsene Publikum stellt der Film eine Reise in die eigene Kindheit dar und erinnert sie nebenbei an ihre Verantwortung für den beschädigten Zustand der Welt. Sicher ist, dass am Ende alle, Kinder wie Erwachsene, klüger geworden sind.

Uta Beth

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 121-1/2010 - Interview - "Die Entdeckung des Gesprächs"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.7 ODER WARUM ICH AUF DER WELT BIN im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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