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Ausgabe 121-1/2010

DIE KINDER VON TIMPELBACH

LES ENFANTS DE TIMPELBACH

Produktion: Chapter 2 / LuxAnimation; Frankreich / Luxemburg / Belgien 2008 – Regie: Nicolas Bary – Buch: Nicolas Peufaillit, Fabrice Roger-Lacan, Nicolas Bary, nach einem Roman von Henry Winterfeld – Kamera: Axel Cosnefroy – Schnitt: Véronique Lange – Musik: Frédéric Talgorn – Darsteller: Raphaël Katz, Adèle Exarchopoulos, Léo Legrand, Baptiste Betoulaud, Gérard Depardieu, Carole Bouquet, Jean-Claude Dreyfus, Isabelle Nanty u. a. – Länge: 95 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Pathé International, Paris, Telefon: +33 1 71723305, e-mail: sales@patheinternational.com – Altersempfehlung: ab 6 J.

Die ungezogenen Kinder der kleinen Stadt Timpelbach nerven die Eltern und anderen Erwachsenen mit ihren Streichen so lange, bis diese auf einer Sitzung beschließen, den Quälgeistern eine Lektion zu erteilen. Für einen Tag wollen alle die Stadt verlassen, so dass die Kinder auf sich allein gestellt sind. Doch dann verlaufen sich die Erwachsenen im Wald, wo sie von den Soldaten eines Generals gefangen genommen werden. Als die Kinder am Morgen merken, dass sie allein sind, freuen sie sich zunächst, stellen aber bald fest, dass sie Verantwortung übernehmen und viele Aufgaben ausführen müssen, um ihr Überleben zu sichern. Die kluge Marianne macht sofort Pläne dafür, doch der egoistische Metzgersohn Oscar zieht nicht mit. Mit seinen Anhängern feiert er lieber in der leer stehenden Kneipe: Dort trinken sie, rauchen, spielen Karten und grölen, wie es ihnen gefällt. Ja, seine Bande, die sich "Die Wikinger" nennt, plündert sogar die Läden. Auf einer Geheimversammlung beansprucht Oscar schließlich die alleinige Herrschaft über Timpelbach. Im Gegenzug wählen die übrigen Kinder Marianne zu ihrer Anführerin, nachdem ihr Kamerad Manfred seine Wahl nicht angenommen hat. Die Spannungen zwischen beiden Gruppen eskalieren und münden in einem wilden Machtkampf, in dem auch Baseballschläger zum Einsatz kommen. Oscar lässt sich von einem Gefolgsmann dazu verleiten, mit einem Gewehr auf einen Buben zu schießen. Geschockt von dieser Grenzüberschreitung verlassen die Kinder das Schlachtfeld und stellen ein Gericht zusammen. Die Wikinger fügen sich dem Urteil. Als die Eltern überraschend heimkehren, fallen sich alle in die Arme.

Der Eröffnungsfilm des Frankfurter Kinderfilmfestivals "Lucas" 2009 beruht auf dem gleichnamigen, 1937 erstmals veröffentlichten Kinderroman von Henry Winterfeld, der 1901 in Hamburg geboren wurde, 1940 vor den Nazis in die USA flüchtete und dort 1990 starb. Sein Roman zählt in Frankreich zur Schullektüre. Der Regisseur und Co-Drehbuchautor Nicolas Bary (Jahrgang 1980), der zuvor drei Kurzfilme realisiert hat, legt hier seinen ersten langen Spielfilm vor. Dazu hat er den burlesken Stoff in ein opulentes Abenteuerfilmmärchen verwandelt, das in seiner überbordenden Lebensfreude zuweilen an die traumhaften Phantasiewelten eines Tim Burton und an die kuriosen Universen eines Jean-Pierre Jeunet erinnert und mit französischen Stars wie Gérard Depardieu, Carole Bouquet, Jean-Claude Dreyfus und Isabelle Nanty besetzt ist. Gedreht wurde die französisch-belgisch-luxemburgische Produktion, die Medienberichten zufolge zehn Millionen Euro gekostet haben soll, unter anderem in und um Burgen in Luxemburg und Belgien. Als Produzent zeichnet Dimitri Rassam verantwortlich, der Sohn der Schauspielerin Carole Bouquet und des Filmproduzenten Jean-Pierre Rassam, der hier zugleich sein Spielfilmdebüt gibt.

Der Film beginnt gleichsam mit einem Paukenschlag, der eine kurze Animationssequenz einleitet. Ein Buch klappt auf und enthüllt eine gezeichnete Welt, in der Häuser und Figuren wie in einem Pop-Up-Buch aufklappen: Die Kamera scheint rasant zwischen den zweidimensionalen Gestalten und Gegenständen hindurch zu fliegen, bis diverse Zwischenfälle ein Chaos auslösen, das durch das Zuschlagen des Buches beendet wird. Das Buch liegt in der Hand einer strengen Lehrerin, mit der nun die eigentliche Geschichte in Gang kommt. Buch und Film greifen das spätestens seit Pippi Langstrumpf beliebte Kindermedienmotiv der Kinder auf, die es genießen, endlich der Kontrolle der Erwachsenen zu entkommen. Zugleich erinnert die Konstellation an William Goldings ersten Roman "Herr der Fliegen" (1954), in der ebenfalls ein Kampf zwischen Kindern ausbricht, die ohne Erwachsene auskommen müssen, wobei sich in "Timpelbach" jedoch die demokratisch organisierte Kindergruppe durchsetzt.

Buch wie Film kommen der kindlichen Sehnsucht nach mehr Selbstbestimmung und Freiheit im Spannungsverhältnis zu den erzieherischen Ordnungsinstanzen der Erwachsenenwelt sowie dem Bedürfnis nach spielerischem Infrage stellen von Konventionen und Normen entgegen. Bary verpackt dies in ein kurzweilig-verspieltes Märchen mit ernsten Untertönen. Rivalitäten zwischen den Cliquen, Eifersüchteleien zwischen Mädchen und Jungen, Rangeleien zwischen Starken und Schwachen, aber auch das bloße Ringen um Anerkennung und Respekt bieten viele Anknüpfungspunkte für die emotionale Anteilnahme der kleinen Zuschauer. Dazu kommen erstklassige Leistungen der vielen Kinderdarsteller. Zuweilen schießt Bary mit der Fülle seiner visuellen Einfälle und Anflügen von Schauerromantik etwas über das Ziel hinaus, haut mit turbulenter Action etwas zu laut auf den Putz, doch dann überrascht er auch wieder mit Momenten wunderbarer Poesie, etwa wenn der kleine taubstumme Barnabé sich mit seiner neuen Freundin in einer improvisierten Mixtur aus Zeichensprache und gesprochenen Wörtern zu verständigen versucht.

Reinhard Kleber

 

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KJK-Ausgabe 121/2010

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