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Ausgabe 121-1/2010

WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN

WHERE THE WILD THINGS ARE

WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN

Produktion: Warner Bros. / Playtone / Wild Things Prod.; USA 2009 – Regie: Spike Jonze – Buch: Spike Jonze, Dave Eggert, nach dem Bilderbuch von Maurice Sendak – Kamera: Lance Acord – Schnitt: Eric Zumbrunnen, James Haygood  – Musik: Karen O., Carter Burwell – Darsteller: Max Records (Max), Catherine Keener (Mutter), Mark Ruffalo (Freund) – Länge: 101 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Warner Bros. – Altersempfehlung: ab 10 J.

Als im Jahre 1963 Maurice Sendaks  Bilderbuch "Where The Wild Things Are" erschien (deutsche Erstauflage "Wo die wilden Kerle wohnen" 1967 bei Diogenes), empörten sich Pädagogen genauso wie seinerzeit über Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf". Sendak warf man vor, dass der kleine Max mit seiner ungezügelten Wut und Zerstörungslust ein negativer Held und ein schlechtes Vorbild für die Kinder sei. Ähnliches erlebte der Film von Mike Jonze bei seinem Start in den amerikanischen Kinos, wo pädagogische Kritiker vor dem Besuch warnten, da es sich nicht um einen Kinderfilm, sondern um einen Film über eine Kindheit handele.

Die ursprüngliche Geschichte in 18 Bildern und 323 Wörtern erzählt von dem kleinen Max, der in einem Wolfskostüm durchs Haus tobt, dem Hund hinterher. "Wilder Kerl" schimpft die Mutter, "Ich fress dich auf", entgegnet Max. Dafür wird er ohne Essen ins Bett geschickt. Sein Zimmer erlebt eine wundersame Verwandlung, da wachsen Bäume, entsteht eine neue Welt und Max segelt zu neuen Ufern. Dort trifft er auf echte wilde Kerle. Da er furchtlos in ihre gelben Augen starrt, halten sie ihn für den Wildesten von allen und erheben ihn zum König. Zusammen machen sie Krach, poltern durch den Wald, doch dann hat Max keine Lust mehr an diesem Spiel, schickt die wilden Kerle ohne Essen ins Bett, fühlt sich einsam und sehnt sich nach Hause zu seiner Mutter und ihrem guten Essen. Und genauso wie er gekommen ist, segelt er zurück – in sein Zimmer, und die Suppe ist noch warm.

Aus diesem schmalen, inzwischen zum Klassiker avancierten Bilderbuch hat der junge Schriftsteller und Umweltaktivist Dave Eggers zusammen mit Regisseur Spike Jonze ein überbordendes Drehbuch für einen 100-minütigen Spielfilm geschrieben (und danach den parallel zum Film erschienenen Roman "Bei den wilden Kerlen") – ganz im Geist des Buches, nämlich dass kein Platz der Welt, nicht mal Phantasie-Orte, frei von Konflikten sind. Schon die ersten Szenen des Films zeigen die dunklen Seiten des Neunjährigen, er tobt schreiend wie ein wildes Tier in seinem Wolfskostüm durchs Haus, hinaus ins Freie, vergräbt sich in das selbstgebaute Iglu und beobachtet von dort seine 14-jährige Schwester und deren Freunde. Übermütig stapelt er Schneebälle, doch die Schneeballschlacht endet mit Tränen, als vor Übermut die Freunde sein Iglu zertrampeln. Wutentbrannt nimmt Max Rache im Zimmer der Schwester und zerreißt das Herz, das er ihr gebastelt hat. Seine allein erziehende Mutter hat nicht die Zeit, die sie für ihren Sohn gern hätte, um ihn zu trösten, und als dann noch Mutters Freund ins Haus kommt, ist Max verzweifelt, sehnt sich nach seinem Vater, der ihm einen Globus mit der Widmung "Für Max, dem die Welt gehört" hinterlassen hat. Nun richtet sich seine Aggression gegen die Mutter, die er beißt. Danach rennt er Hals über Kopf davon. Plötzlich tut sich ihm eine neue Welt auf: Ein Schiffchen, das seinem Segelboot im Zimmer gleicht, wartet, und nach einer wilden Fahrt übers stürmische Meer landet er bei den "Wilden Kerlen". Was er dort sieht, erstaunt und begeistert ihn. Max erwirbt sich Respekt, erst durch Angeberei, dann durch Kreativität. Er wird zum König und bestimmt, was die wilden Kerle tun sollen. Und damit keine Langeweile aufkommt, lässt sich Max allerlei Blödsinn und Sinnvolles einfallen. Das Allerschönste für ihn ist der Platz zwischen und unter den wilden Kerlen, wo es warm und kuschelig ist. Doch Max ist kein guter König, denn das von ihm angeordnete Spiel, Gute gegen Böse, endet im Krieg. Besonders enttäuscht darüber ist sein treuester Freund Carol, der daraufhin seine geheime Wunderwelt zerstört, gebaut aus Zweigen und Erde, in die er Max voller Stolz und Liebe eingeweiht hatte. Jetzt will Max nur noch nach Hause, zu seiner Mutter – zurück bleiben die wilden Kerle, ein bisschen ratlos, ein wenig traurig, fort segelt ein kleiner Junge mit neuen Erfahrungen.

Sendaks Bilderwelt ist in diesem Film kongenial lebendig geworden. Nicht  am Computer, sondern durch Menschen in überlebensgroßen Puppenkostümen mit Gesichtern und Augen, in denen sich Befindlichkeiten ausdrücken. So erscheinen die wilden Kerle als beeindruckende Charaktere mit zu Herzen gehenden Gefühlen, jeder verkörpert ein Stück von Max' Innenleben. Es ist ein poesievoller Film für die große Leinwand, nicht nur mit raumgreifenden Figuren und Bauten, auch mit fantastischen Landschaften, einem einfühlsamen Soundtrack, der dem Rhythmus des Films folgt, einem Wechsel von ungezügelter Grobheit und nachdenklicher Besinnung nach Eruptionen und der sich Zeit lässt für reflektierende Dialoge. Mit Max Records wurde ein Junge gefunden, der die schwierige Rolle des wilden wie liebenswerten, übermütigen wie ängstlichen, lustigen wie traurigen Kindes meistert und neben den "Wilden Kerlen" mühelos besteht.

Nach mehr als 40 Jahren hat das Buch des mittlerweile 82-jährigen Maurice Sendak, der am Film mitgearbeitet hat, ungeahnte Aktualität bekommen, da viele kleine wilde Kerle wegen ihrer Unangepasstheit große Schwierigkeiten in unserer Gesellschaft haben, die heute oft keinen anderen Rat weiß als Therapie und Medikamente. So kann der Film durchaus auch als Herausforderung für ein neues Verständnis von Kindern und Kindheit gesehen werden. Ein anspruchsvoller Film, der es im Angebot der viel-beworbenen Blockbuster sicher nicht leicht hat. "Wo die wilden Kerle wohnen" ist auf jeden Fall ein Film für Kinder, aber in gleicher Weise auch für Erwachsene.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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