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Ausgabe 121-1/2010

"Solange ein Film auch wirklich gesehen wird, bewirkt er etwas"

Gespräch mit Kelsey Egan, Regisseurin und Autorin des Films "Gargoyle"

(Interview zum Film GARGOYLE)

Nachfolgendes Interview entstand beim LUCAS 2009, in dem Kelsey Egans Film im Rahmen des Kurzfilmwettbewerbs gezeigt wurde

KJK: Warum machen Sie Filme?
Kelsey Egan: "Weil vieles von dem, was und wie ich heute bin, von den Geschichten geformt wurde, die ich in meiner Kindheit aufgenommen habe. Vieles von meinen Vorstellungen darüber, wie ich leben will, stammt allerdings eher aus Büchern denn aus Filmen. Als ich größer wurde und andere Medien entdeckte, reifte in mir die Idee, diese anderen Perspektiven abzubilden und das führte mich zum Film. Denn Film wird überall verstanden und so kann ich den Menschen Möglichkeiten zeigen, die sie vielleicht für ihr eigenes Leben noch gar nicht bedacht haben."

Dem LUCAS-Katalog kann man entnehmen, dass Sie zuvor als Schauspielerin gearbeitet haben.
"Das stimmt, aber ich war darin nicht sehr erfolgreich. Ich wollte schon immer Schauspielerin werden, allerdings am Theater. Aus irgendeinem Grund kam es mir nie in den Sinn, dass ich ja auch in Filmen mitspielen könnte. Ich spielte dann allerdings in einem sehr kleinen New Yorker Independent-Film und das hat mir wirklich gut gefallen. Allerdings hat diese Rolle in mir den Wunsch erweckt, dann doch eher hinter der Kamera zu stehen, auch weil ich meine Chancen vor der Kamera – realistisch betrachtet – als nicht besonders hoch einschätze."

Und dann gingen Sie nach Südafrika?
Afrika hat mich schon immer gereizt, nicht zuletzt wegen der Weite des Kontinents und der Flora und Fauna dort. Nach meinem College-Abschluss ging ich nach Südafrika und schlug mich mit diversen Jobs durch. Dabei verliebte ich mich in diese Landschaft. Sie besitzt einen solchen Magnetismus, eine solche Kraft, dass es schon furchterregend ist. Und es ist die Warmherzigkeit der Menschen dort; eine Wärme, die einem fast das Herz bricht. Und natürlich die wechselvolle Geschichte. Ich habe viel darüber gelesen; unter anderem Nelson Mandelas Autobiografie."

Bei der Diskussion im Kino des Filmmuseums haben die Kinder auch nach der Schlussszene gefragt, in der Vuyo die Heuschrecke tötet. Sie haben dann gesagt, es könnte Wut sein, es könnte auch ein Symbol für den Kreislauf der Gewalt sein. Ich habe diese Szene ganz anders gesehen: Indem er das Tier tötet, tötet er seine Liebe zur Natur. Denn es ist seine Liebe zur Natur, die seinen Bruder zum Räuber gemacht hat.
"Tatsächlich ist diese Szene sehr vielschichtig. Aber mir ist bei meinen Reisen durch das Land auch aufgefallen, dass Liebe zur Natur dort ein fast bourgeoises Privileg ist. So ist der ältere Bruder Themba vor allem darum bemüht, Vuyo die Fähigkeiten beizubringen, die er zum Überleben in dieser Lage braucht. Man muss eben auch wissen, dass viele Kinder, die in den Städten oder gar Townships aufwachsen, keine Ahnung von ihrem eigenen Land haben. So ging es mir in dem Film auch darum zu zeigen, dass diese Liebe zur Natur ein romantisches, ja idealistisches Konzept ist. Wenn Themba den Kleinen fragt, was willst du denn mit der Heuschrecke, willst du sie essen. Das ist gar nicht so weit hergeholt. Denn auf dem Land sind Heuschrecken eine Art Snack. So erzählt diese Heuschrecke auch von der Begegnung des Westens mit ländlicher Kultur. Und wenn Vuyo sie am Ende tötet, dann entspringt das auch seiner Erkenntnis, dass die Heuschrecke (also die Liebe zur Natur) in seiner Realität völlig unangemessen ist."

Sie haben den Film bewusst nicht linear erzählt, sondern wie ein Puzzle die einzelnen Teile erst nach und nach zusammengefügt. Warum eigentlich?

"Das haben wir eigentlich im Schneideraum herausgefunden. Im Drehbuch war alles noch linear. Aber bei den ersten Rohschnittfassungen fanden wir, dass der Film so sein Geheimnis zu schnell preisgibt."

Wir hatten uns ja bereits über die Musik unterhalten, ihre Bedeutung für den Film, aber auch über die Bedeutung der Songtexte. Wurde diese Musik extra für den Film komponiert?

"Auch da hatte ich wieder viel Glück. Ich wurde innerhalb kurzer Zeit eine Art Musikproduzent, lernte von jungen ambitionierten Musikern, wie die technischen Abläufe sind, etc. Einige Stücke gab es schon und sie wurden für den Film umgeschrieben, andere wurden neu komponiert. Und ich hatte diesen sehr talentierten Musiker in Los Angeles, Kevin McDaniels, der die Instrumentalmusik komponierte, die von starken spanischen Einflüssen geprägt ist. So war das mit der Musik wie in der gesamten Produktion: Da hatte sich einfach ein Team zusammengefunden, mit dem zu arbeiten eine große Freude und Bereicherung war. Ich weiß, dass das in jedem Presseheft zu jeder Hollywood-Produktion steht, aber es ist die Wahrheit und man muss diese Menschen und ihren Enthusiasmus einfach loben. Aber die Hauptarbeit an der Musik habe ich zusammen mit südafrikanischen Musikern gemacht. Sie schlugen Stücke vor und wir überlegten dann gemeinsam, wie sie wo zum Film passen könnten. Das schickte ich dann Kevin und er baute seine Komposition drum herum. Ich hatte zwar schon eine recht genaue Vorstellung, was ich wollte, ihn aber trotzdem immer wieder um seinen professionellen Rat gefragt. Und das Musikstudio, in dem wir arbeiteten, war sehr großzügig. Sie gaben uns freien (und kostenlosen) Zugang zur ihren Ressourcen. Ohne diese Großzügigkeit, die ich auch bei anderen erlebt habe, wäre der Film drei Mal so teuer und damit unbezahlbar geworden. Wenn ich mir jetzt den Aufwand und das Geld ansehe, hätte ich dafür auch fast schon einen langen Spielfilm machen können."

Wo wurde der Film gedreht – auf den Straßen von Johannisburg?
"Ja, auf den Straßen der Stadt und auch die Wohnung von Themba und seinem Bruder war eine echte Wohnung. Aber die Schauspieler waren alles professionelle Schauspieler (Tongayi Chirisa etwa ist ein sehr bekannter Schauspieler in Südafrika) bis auf den Darsteller von Vuyo. Ich habe ihn zufällig auf der Straße getroffen, als ich mit meinem Partner in meinem Viertel spazieren ging. Er rauchte, als plötzlich so ein kleiner Junge vorbei kam und meinte: „Sehr schlechte Angewohnheit, das“. Großartig, was für eine Persönlichkeit! Aber es verging fast ein Jahr, in dem ich am Buch schrieb und den Film vorbereitete und in der Zeit verschwand der Junge einfach. Und ich kannte nur seinen Namen. In der Zwischenzeit hatte das Casting begonnen und es waren darunter viele talentierte Jungs, aber keiner hatte das, wonach ich suchte. Und eines Tages sah ich ein paar Kinder auf der Straße spielen. Ich hatte zwar schon nach dem Jungen rumgefragt, aber eben nur Erwachsene. Über die Jungs kam ich zu den Müttern und die kannten natürlich die Mutter und so fand ich den Jungen. Seine Mutter ist allein erziehend und diese Familie kämpft wirklich ums Überleben. Weil seine Mutter kein Geld hatte, ihn auf die High-School zu schicken, habe ich versucht, ihnen zu helfen. Denn er ist wirklich ein begabter Junge, aber natürlich besteht trotzdem die Gefahr, dass er wie Themba endet. Da hat es mich natürlich sehr gefreut, als ich kurz vor meinem Flug hierhin erfahren habe, dass er ein Stipendium für eine renommierte Schule bekommen hat. Er ist sehr stolz darauf, aber auch seine Mutter, denn beide haben gesehen, dass sie doch etwas wert sind."

„Gargoyle“ war ja nicht als Kinderfilm gedacht. Aber jetzt ist er nun mal hier auf einem Kinderfilmfestival. Wie haben denn die Kinder reagiert?

"Sehr unterschiedlich. Sie identifizieren sich stark mit Vuyo. Die erste Vorführung hier war sicherlich die beste. Die Kinder waren so elf  bis zwölf Jahre alt und sie hatten viel zu sagen; die Jüngeren noch mehr als die Älteren. Und sie haben verstanden, worum es ging. Vielleicht haben nicht alle alles verstanden, aber es hat sie berührt und solange ein Film auch wirklich gesehen wird, bewirkt er etwas."

Mit Kelsey Egan sprach Lutz Gräfe

 

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