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Ausgabe 121-1/2010

"Die Entdeckung des Gesprächs"

Interview mit Antje Starost und Hans Helmut Grotjahn, verantwortlich für Produktion, Buch, Regie, Kamera und Ton des Dokumentarfilms "7 oder Warum ich auf der Welt bin"

(Interview zum Film 7 ODER WARUM ICH AUF DER WELT BIN)

KJK: Wie haben Sie eigentlich die Geldgeber von Ihrem Projekt überzeugt?
Antje Starost: "Damit, dass der Ansatz sehr ungewöhnlich ist und es so einen Film wirklich noch nicht gibt. Außerdem mit der sogenannten Zielgruppen-Diskussion. Wir glauben eben, dass dieser Film für Kinder interessant und spannend ist, aber auf eine ganz andere Art und Weise zugleich für Erwachsene. Ich stelle mir vor, dass die Großeltern mit ihren Enkelkindern reingehen, die Eltern mit den Kindern – und dass sich auch junge Leute dafür interessieren. Einer von denen, die bei der Ton- und Bildbearbeitung mitgewirkt haben, hat gesagt: ‘Also wenn ich diesen Film so sehe, dann denk ich mir, es müsste eigentlich schön sein, ein Kind zu haben!’ Wir sind wirklich sehr optimistisch daran gegangen. Wir wussten ja auch nicht, ob man mit Kindern über solche Sinnfragen reden kann."
Hans Helmut Grotjahn: "Wir haben auch mit einem viereinhalbjährigen Kind diese Fragen erörtert und das Verrückte daran ist, es geht. Man merkt, auch so ein kleiner Mensch hat schon eine Vergangenheit und schaut zurück. Ja, und dieser große Spaß der Kinder, mit jemandem zu sprechen, der ihnen nicht nur zuhört, sondern mit dem man eine Art Zwiesprache halten kann, diese große Freude – immer wieder leuchtende Augen und was fragen die jetzt und was kann ich denn dazu sagen –, das ist eigentlich die Energie dieses Films gewesen. Wir haben es natürlich gebündelt auf die Frage: Warum bin ich auf der Welt? Das ist ja für jeden Menschen in jedem Lebensalter immer mal wieder aktuell und wir hatten eine ganz gute Ausgangsposition: Wir waren keine Lehrer, die Noten geben, wir waren keine Erzieher, wir waren auch keine Eltern – wir waren da, wir hatten Zeit, wir hatten Muße, wir haben große Augen gemacht. Wir hatten eigentlich immer eine wunderbare Atmosphäre, ja, und die Nervosität auf beiden Seiten, die natürlich am Anfang vorhanden ist, also: klappt’s, klappt’s nicht?, die geht dann sofort weg."

Wie sind Sie vorgegangen?
Antje Starost: "Aus den ersten Kindergesprächen haben wir ein Exposé entwickelt, das wurde über Media plus gefördert und auch vom Medienboard Berlin-Brandenburg, was uns die Möglichkeit gab, richtig zu recherchieren und Kinder zu suchen. Es hat etwa ein Jahr gedauert, bis wir unsere Kinder zusammen hatten. Dann erstellten wir ein richtiges ‘Drehbuch’, das sehr gut ankam. Die Filmförderer sorgten dafür, dass die Finanzierung relativ schnell klappte, einen Sender hatten wir auch, aber dann wurde es doch schwierig, weil es innerhalb der Sender Umschichtungen gab, wodurch plötzlich deren Beteiligung auf dem Spiel stand. Das hat das Projekt erst mal um ein Dreivierteljahr verzögert."

Wie haben Sie überhaupt die Kinder gefunden?
Antje Starost: "Also wir sind sehr ungewöhnliche Wege gegangen. Die Vivi und dann ihre Schwester Vici fanden wir zum Beispiel über einen Zeitungsartikel, den wir in Hof zufällig gelesen haben. Da stand – mit so einem kleinen Photo –, dass die Vivi gerne Geschichten schreibt und ein Junge sein möchte, und da hab ich gesagt, da ruf ich jetzt an, das kriegen wir raus. Und das war dann wirklich so ein Treffer, wie man ihn ganz, ganz selten hat."
Hans Helmut Grotjahn: "Das war ein ganz großes Glück am Anfang. Du brauchst ja dieses Glück, um überhaupt in die Gänge zu kommen und es dann durchzuhalten. Wir waren uns vorher klar, was wir wollen und was wir nicht wollen. Also kein Erwachsener tritt auf, das war ein Dogma, keine Geschwister, auch ein Dogma (lacht) – und jetzt gehen wir also unser erstes Kind an, das in Hof lebt. Die Tür öffnet sich, da steht Vivi und sagt: Ich hab 'ne Schwester, die kann doch auch mitmachen, oder? Erste Frage – und schluck, schluck, wir hatten ja noch nicht angefangen, nee, ja, mal sehen und so – und dann haben wir halt diese beiden kennen gelernt und hatten mit denen so ein Glück, und schwupps war gleich am Anfang eine Ausnahme produziert. Aber diese beiden, die wir jetzt schon viereinhalb Jahre kennen, haben uns sehr viel Kraft gegeben."
Antje Starost: "Zum Teil haben wir nämlich sehr lange gesucht. Wir arbeiteten mit einer Lehrerin von einer Grundschule in Berlin zusammen und bekamen aus unserem weiten Feld von Kollegen und Bekannten Hinweise. Wir wollten ja auf keinen Fall Casting-Agenturen beschäftigen und auch keine Kinder haben, wo die Eltern gern hätten, dass sie in einem Film mitmachen. Besonders schwierig war es im Ausland, da musste man so ein Netz aufbauen von Leuten, die sich irgendwie darum gekümmert und dort nacheinander mit ganz vielen Kindern geredet haben. Chrysanthi fanden wir auf einer dieser ersten Recherchereisen, wo wir verschiedene Kinder interviewten, die zweisprachig aufwachsen. In Ecuador, wo wir 1992 unseren Film ‘Chaupi Mundi – Die Mitte der Welt’ gedreht haben, kannten wir ein paar Leute. Die haben für uns einiges in die Wege geleitet und wir sind dann hingeflogen und haben dort mit vielen Kindern gesprochen, was eben mit Spanisch auch nicht so einfach war. So fanden wir letztendlich Vanessa."

Und Basile?
Antje Starost: "Das war auch sehr spannend: Da waren wir schon ziemlich unter Druck, weil wir viele Mädchen hatten, die ganz stark waren – mit den Jungen war es schwieriger. Und dort machten wir es auch wieder so: Leute haben sich für uns umgehört, wir sind für ein Wochenende nach Paris geflogen und sprachen mit etwa zwanzig Kindern. Das ist so eine Geschichte, man redet mit einem Kind und sieht ja nicht sofort, eignet sich das, hat das eine Präsenz, hat es eigenständige Dinge, die es auch ausdrücken kann. Aber man hat manchmal so einen Anker, dass ein Kind irgendeinen kleinen Satz sagt oder einen Blick, auf den man aufmerksam wird, wenn man das Material dann anschaut, obwohl das eigentlich nichts Spektakuläres war."
Hans Helmut Grotjahn: "Das war eine ganz interessante Erfahrung. Am Ende fehlten uns aber immer noch zwei Jungen – wir wollten ja keinen Film nur mit Mädchen machen. Nach unserem letzten Jungen haben wir dann sehr lange gesucht und waren letztlich ganz happy, als Albrecht dazu kam. Als er da auf seinem Stühlchen Platz nahm, in die Kamera guckte und sagte: Ich bin der und der, wussten wir, jetzt haben wir’s, jetzt haben wir es geschafft. Da fiel uns ein Stein vom Herzen!"

Mich haben besonders die unterschiedlichen Typen der Kinder beeindruckt. Nach welchen Kriterien haben Sie die denn ausgewählt?
Hans Helmut Grotjahn: "Welche Kinder wollten wir haben? Kinder sind ja neugierig, wissbegierig, lernen viel, erzählen viel, aber eins war klar: Für uns durfte es kein Schulwissen sein, nichts, was sie gestern im Unterricht gehört oder was die Eltern ihnen dafür gesagt haben. Für diese Eigenständigkeit der Kinder ist Basile jetzt ein gutes Beispiel. Da fragt man sich, wo dieser große Kosmos herkommt, wie er das zusammenholt und wo diese Tiefe entsteht. Überhaupt dieses beglückende Gefühl, mit welcher Ernsthaftigkeit die Kinder über die Gefährdung der Welt sprechen, wie sie die nicht nur in ihrem kleinen Leben sehen, sondern auch als Ganzes wahrnehmen und dann zu der Schlussfolgerung kommen: Wir wollen uns engagieren, wir wollen etwas machen, das Leben muss doch weiter gehen, das Leben ist doch schön!"
Antje Starost: "Wir haben die Kinder nicht ausgesucht nach ihrem sozialen Status. Wir wollten keine dramatischen Lebenssituationen wie Krankheit, Benachteiligung … das hätte den Film gesprengt. Und auch der Ort, an dem sie leben, spielt für dieses Thema eigentlich nicht die Rolle. Das war auch so eine Erfahrung bei unserer Arbeit, dass sich an den verschiedenen Orten und in den ganz unterschiedlichen Lebenssituationen zeigt, wie viele Gemeinsamkeiten sie haben."

Wie aufwändig gestaltete sich Ihre Arbeit?

Hans Helmut Grotjahn: "Mit Kindern zu arbeiten ist immer aufwändig, weil die Kinder heute rund um die Uhr beschäftigt sind. Sie lernen ja alles, Posaune, Trompete, Cello, sie machen verschiedene Sportarten und klettern, dann machen sie Schule, haben noch Nachhilfe oder was weiß ich. Und in den Ferien sind sie verschwunden oder fahren zu den Großeltern ... Nun finde mal mit einem Kind einen Termin! Das war eigentlich so unsere Hauptaufgabe. Natürlich ist es uns doch gelungen, auch in ihren Ferien. Die Kinder haben dafür gesorgt, weil sie wussten, was sie an uns hatten. Das war die Entdeckung des Gesprächs. Mein Gott, sag ich immer, was ist schon ein Gespräch? Man kann ein Musikinstrument lernen, man kann die Steilwände hoch und runter gehen, man kann die tollsten Filme im Fernsehen sehen, man hat die schönsten Spielzeuge, alles ist ja eigentlich in unserer Welt vorhanden, und dann kommt so ein kleines simples Gespräch über Gott und die Welt – und das ist so ein schönes Gefühl für beide Seiten und du merkst, für die Kinder ist es nicht unbedingt Neuland, aber viel zu selten. Wenn Kinder das freiwillig machen, wenn das der Renner, wenn das ihr Wunsch ist, ja, dann ist ja die Menschheit noch nicht so ganz verloren, denke ich."

In Ihrem Film sieht man immer wieder Wasser, Vögel und Bäume, auf denen ausgiebig geklettert wird. Hatten Sie das schon im Drehbuch?
Antje Starost: (lacht) "Nee, solche Drehbücher schreiben wir eigentlich nicht. Wir versuchen immer bei jedem Kind zu erfahren, wie es lebt, und zwar in dem Sinne: Was mag es gern, wo geht es hin, wie geht es einen Weg lang, wie klettert es einen Baum hoch oder klettert es nicht. Wir würden nie sagen: Kletter' da mal hoch, weil das wär' ja ganz schön, alle anderen machen es auch, und das drehen wir jetzt. Nein, aber die Kinder sind natürlich in Bewegung und das ist auch das Wunderbare, dass sie so lebendig sind! Die Ideen und die Drehorte ergeben sich immer aus dem Kontakt mit den Kindern. Bei Vanessa, die im Hochland lebt, ist es zum Beispiel dieser Traum, einmal mit ihrer Familie ans Meer zu reisen. Deshalb sind wir an die Küste gefahren, um sozusagen ihren Traum zu visualisieren. Und aus dem Material sind die Ideen entstanden, wie man das aufbaut, wobei der Schnitt bei so viel Material natürlich eine Herausforderung ist. Wir hatten wirklich sehr viel und sehr unterschiedliches Material, auch aus ganz unterschiedlichen Alters-Phasen, das ändert sich ja so rasend schnell. Mit unserer Cutterin haben wir dann versucht, nach den roten Fäden zu suchen – also ich hätte es allein nicht machen können, weil man Abstand braucht."
Hans Helmut Grotjahn: "Ich hab mich total rausgehalten und kam so alle Woche mal oder alle 14 Tage dazu, damit ich diesen fremden Blick behalte. Vielleicht ist es das Geheimnis dieses Films, dass da viel Subtext ist und vieles im Verborgenen bleibt. Mal gucken, ob das entdeckt wird, ob der Zuschauer erkennt, was da an Reichtum drin steckt."
Antje Starost: "Der ‘fremde’ Blick beim Schnitt ist für unsere Arbeit eine ganz wichtige Voraussetzung. Anne Berrini, die alles montiert hat, war schon dabei, als die sieben Kinder noch gar nicht alle gefunden waren. Sie hat auch einen großen Anteil am Prozess der Entscheidungsfindung für die noch fehlenden Kinder. Der Weg, den sie in der Montage gegangen ist, hat unsere Hoffnung erfüllt, die Geschichten der Kinder miteinander zu verweben und eine nicht lineare Erzählform zu finden."

Können Sie noch etwas zu Ihrer Musik sagen?
Antje Starost: "Wir haben uns eine Musik gewünscht, die im Hintergrund bleibt. Wir sind mit der Komposition von Büdi Siebert glücklich, weil sie das Tempo, die Lebendigkeit, die Stimmung und die Charaktere der Kinder aufnimmt, leicht und unprätentiös daher kommt und sich – wie Bild, Ton und Geräusche – den Kindern unterordnet. Wenn sie dann groß wird, entstehen dadurch ganz einmalige Momente."

Das Gespräch führte Uta Beth

 

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